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Film Angélique im Kino: Im obskuren Labyrinth der Intrige

Nora Arnezeder und Gérard Lanvin

Nora Arnezeder und Gérard Lanvin

Foto:

tiberius film

Als sie zum ersten Mal die Szene betritt, trägt die junge Frau ein hochgeschlossenes graues Kleid. Als sie gegen ihren Willen an einen Mann verheiratet wird, der ihr Großvater sein könnte, erscheint die Braut in zugeknöpftem Wams und Beinkleidern. Die Anverwandlung an die neutralen Daseinsformen „Nonne“ und „Page“ sind die Schutzhüllen, die sich eine Tochter aus verarmtem Adel zulegt. Eine Protestmontur, die ihr nicht hilft. Angélique de Sancé, schön, stolz, klug, muss den Grafen Joffrey de Peyrac heiraten, weil ihr Vater dafür eine Menge Geld bekommt. Aber es kommt nicht, wie es kommen muss, denn Peyrac respektiert die Stärke und Würde der jungen Frau.

Die Geschichte spielt im Frankreich des 17. Jahrhunderts, erfunden wurde sie von der französischen Autorin Anne Golon in den 1950er-Jahren. Damals habe die Literatur wenig Interesse an Frauen gehabt, erzählt die heute über Neunzigjährige. „Wenn es einen Helden gab, war es ein Mann.“ Nun war der emanzipatorische Gedanke vermutlich nicht der Hauptimpuls für den erfolgreichen Fortsetzungsroman. Aber er ist da, und Ariel Zeitoun schafft es in seiner Verfilmung, die Projektionsvorlage nicht nur zur großen Liebenden, sondern zu einer interessanten Figur zu machen. Die Angélique der Schauspielerin Nora Arnezeder strahlt Unnahbarkeit aus, sie hält ein allzu identifikationshungriges Publikum auf Abstand. Zeitoun lässt ihr Raum für Unergründliches, Zwiespältiges.

Und er stellt ihr einen großartigen Komplizen zur Seite: Gérard Lanvin. Wer ihn als verschmutzten Obdachlosen in Bertrand Bliers Liebesgeschichte „Mon Homme“ gesehen hat, weiß, zu welcher Wahrhaftigkeit Lanvin fähig ist. In „Angélique“ macht er glaubhaft, warum die junge Frau ihn schließlich nicht nur begehren, sondern auch lieben kann. Schon dieses Paares ist „Angélique“ sehenswert. Darüber hinaus befreit der Film die „Historie“ aus ihrem Kulissendasein. Das Frankreich des gerade zur Macht kommenden Sonnenkönigs Ludwig XIV. destilliert Zeitoun zu einem Labyrinth der Intrige, dunkel und unübersichtlich wie die Tunnelsysteme der Burgen.

Kameramann Peter Zeitlinger, der viel mit Werner Herzog gearbeitet hat, ließ einen Großteil der Szenen nur mit Kerzen ausleuchten, verfolgt die Figuren auf ihren Fluchtwegen durch die Obskurität einer Zeit, die von Verteilungskämpfen des beginnenden Absolutismus und von den Ausläufern der Inquisition geprägt war. Es geht um eine Atmosphäre, die vom Licht der Aufklärung noch weit entfernt ist. Adel und Klerus kümmerten sich wenig um die Verelendung der Bevölkerung als Folge ausufernder Territorial-Kriege. Im Film sind sie zu sehen, die Schattenexistenzen in den Armenvierteln von Paris. Noch steht die Bastille unangefochten. David Kross spielt Ludwig XIV. überzeugend als strategisch versiertes, erwachsenes Kind.

Ob es eine Fortsetzung geben wird, ist wohl noch offen. „Angélique“ umfasst in der aktuellen deutschen Ausgabe immerhin vier Bände.

Angélique Frankreich 2012. Regie: Ariel Zeitoun, Buch: Philippe Blasband, Darsteller: Nora Arnezeder, Gérard Lanvin, David Kross, Mathieu Kassovitz u. a.; 113 Minuten, Farbe. FSK ab12.