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Film von Xavier Dolan: Warum „Mommy“ der intensivste Film des Jahres ist

Liebende, nichts weniger: Steve (Antoine-Olivier Pilon) und Diane (Anne Dorval).

Liebende, nichts weniger: Steve (Antoine-Olivier Pilon) und Diane (Anne Dorval).

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Weltkino

Berlin -

Eine abwegige Vorstellung vielleicht, aber eine, die sich bei diesem Film aufdrängt: Wie sähe ein Film über eine leidenschaftliche Verbindung zwischen einer alleinerziehenden Mutter und ihrem halbwüchsigen Sohn im deutschen Zielgruppen-Kino aus? Sinnlos, darüber nachzudenken: Es gäbe ihn gar nicht. In einer ideologisch auf die Mutter-Vater-Kinder-Familie geeichten Film- und Fernsehproduktions-Landschaft kann eine derartige Beziehung nur als Schreckbild inszeniert werden, wenn überhaupt. Wann immer von alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern die Rede ist, muss es eine Elends-Demonstration sein, da sind keine Figuren zu sehen, sondern Beweisstücke.



Und nun kommt Xavier Dolan. Das Kino-Genie, das mit seinen 25 Jahren bereits den vierten großen Film hinlegt. Sein Debüt „I Killed My Mother“ war schon ein furioser Streich über die heftige Hassliebe eines selbstverliebten Pubertisten zu seiner Mutter. Der Film war fast ganz aus der Sicht eines Sechzehnjährigen erzählt, der sich als Künstler sieht und an einer Mutter leidet, die Tiger-Bilder aus dem Kaufhaus über ihr Sofa hängt.

Am Ende war ein Rückblick auf das Idyll der frühen Kindheit zu sehen – Mutter und Sohn an einem herbstlichen Strand, einträchtig in einem abgelegenen Blockhaus. In „Mommy“ zitiert Dolan dieses Glücksbild, da sieht man die Mutter voller Zuversicht und Stolz an einem Strand auf ihren herumtollenden Riesen-Sohn blicken.

Vage Diagnose

Im Cinemascope-Format – als großes, lichtdurchflutetes Panorama. Doch es ist nur das schmerzlich-schöne Gegenbild inmitten eines schrecklichen Dramas, das gleich vorweg. Dolan hat mit „Mommy“ den intensivsten Film dieses Jahres gedreht, eine einzige große Verstörung, bildgewaltig und bildsensibel. Wer hier unberührt bleibt, dem ist nicht zu helfen.

Dolan liebt seine Figuren, deshalb erzählt er sie aus, ohne sie zu erklären. Er liebt seine Schauspieler, deshalb lässt er sie frei und fürchtet sich selbst vor einer Naturgewalt wie Antoine-Olivier Pilon nicht. Der 17-jährige Schauspieler verkörpert Steve, den 15-jährigen Sohn von Diane (Anne Dorval). Er hat eine Diagnose – welche genau, bleibt vage, so vage, wie solche Diagnosen eben sind, von ADHS ist die Rede und von „affektiver Störung“.

Seit dem frühen Tod des Vaters lebt er in Heimen, meist nie lange, weil seine Impulsivität das Personal überfordert. Nachdem er in einem Heim zusammen mit anderen offenbar einen Brand gelegt hat, bei dem ein anderer Junge schwer verletzt wurde, wird Steve zu seiner Mutter zurückgeschickt. Die Sozialarbeiterin teilt Diane das lakonisch mit – „er hatte seine Chance “ – und rät ihr, den Jungen gleich im Gefängnis abzugeben. Wechselweise siezt und duzt sie die Klientin, moniert deren französische Aussprache, und behauptet, Liebe helfe in diesem Fall nicht, im Gegenteil. Die übliche, weit verbreitete Helfer-Arroganz.

Dolan aber macht nicht den Fehler, sich zum Anwalt seiner Figuren zu machen, das würde sie herabsetzen. Er lässt sie in seiner Erzählung groß werden, in all ihrer Schwäche. Wenn es ihnen gut geht, weitet sich das 1:1 Format, das die Figuren in einen quadratischen Rahmen sperrt, zum Breitwand-Format, und das geschieht oft, trotz alledem. Diane, mit Schulden und einer schlechten Ausbildung geschlagen, versucht durch Übersetzungen und Putzjobs den Lebensunterhalt für beide zu verdienen, eine Mamma Roma von Montreal, wild, stolz und unkonventionell, der Horror aller Biedermänner und -Frauen.

Eine kurze Zeit der Hoffnung

Mutter und Sohn sind sich ähnlich und drohen in ihrer Isolation in einem Montrealer Vorort fast deckungsgleich zu werden, bis eine Nachbarin in ihr Leben tapst. Eine Frau, die stottert und deshalb nicht mehr als Lehrerin arbeiten kann (Suzanne Clement). Ihre eigene Familie scheint sie als Fremdkörper auszustoßen, in Dianes und Steves wildem, chaotischem Haushalt lebt sie auf.

Für eine Weile scheint es Hoffnung zu geben, dass sich die Verstrickung von Mutter und Sohn durch die neue Dreiecks-Konstellation auflöst. Aber Steves gewalttätige Ausbrüche, die immer auch Wahrheit sichtbar machen, wo andere lügen, führen unaufhaltsam in jene Falle, aus der sich Diane nur durch einen verzweifelten letzten Schritt zu befreien versucht. Sie gibt das Sorgerecht für ihren Sohn ab – überantwortet ihn einem Hilfesystem, das nicht hilft, sondern ruhigstellt.

Nein, Dolans Film ist keine Psychiatrie-Anklage und Steve nicht einfach ein unverstandener, heftiger Junge. „Mommy“ ist vor allem ein Film über eine Liebe, die inmitten von Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit so groß sein muss, dass sie die Liebenden fast verbrennt. Denn das sind sie – Liebende, nichts weniger.