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Berliner Zeitung | Filmfestival in Cannes „Winter Sleep“: Miese Männer, Cowboys und Couturiers
18. May 2014
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Filmfestival in Cannes „Winter Sleep“: Miese Männer, Cowboys und Couturiers

Der türkische Autorenfilmer Nuri Bilge Ceylan.

Der türkische Autorenfilmer Nuri Bilge Ceylan.

Foto:

REUTERS

Wenn es nach dem Fachpublikum geht, steht der Gewinner der Goldenen Palme des 67. Festivals von Cannes bereits fest: „Winter Sleep“ von Nuri Bilge Ceylan. Zwei Stunden vor Beginn der Vorstellung stellten sich die Zuschauer vor dem Grand Théâtre Lumière an, um die neue Regiearbeit des türkischen Autorenfilmers zu sehen. Denn Bilge Ceylan ist der längst nicht mehr geheime Favorit von Cannes; schon vor Beginn dieses Festivals wurde sein Name bei den Buchmachern hoch gehandelt, gleich nach dem des Briten Mike Leigh.

Nuri Bilge Ceylan hat an der Croisette bereits den Preis für die Beste Regie und den Großen Preis der Jury erhalten. Nicht wenige Leute meinen, dass er endlich mal dran sei in Sachen Goldene Palme. „Winter Sleep“ erzählt nun von Menschen im ländlichen Kappadokien, deren Leben geradezu lähmend stagniert. Istanbul als Sehnsuchtsort wird von ihnen nie erreicht. Wer sich dabei an die Dramen Anton Tschechows erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch.

Im Mittelpunkt des Films steht Herr Aydin ein früherer Schauspieler, nun reicher Hotelbesitzer und Vermieter diverser Häuser im Ort, der belehrende Kolumnen für die Regionalzeitung „Stimme der Steppe“ schreibt und ein Buch über die Geschichte des türkischen Theaters plant. Er hält seine geschiedene Schwester aus und ist mit einer viel zu jungen Frau verheiratet, die sich für die Instandsetzung der Schulen engagiert. Zunächst erscheint dieser Aydin freundlich, wohlmeinend, aufgeklärt und kultiviert, doch im Verlauf der dreieinhalbstündigen (!) Laufzeit des Films offenbart sich zunehmend, dass er die Menschen um sich herum mit Macht klein zu halten sucht und ohne Skrupel demütigt, wenn er seine Position als Patriarch nicht respektiert sieht.

„Winter Sleep“ fokussiert sich vornehmlich in dämmerigen Innenräumen auf Gespräche über das Leben, die Welt sowie Sinn oder Unsinn von Widerstand und Wohltätigkeit. Manchmal fehlen die großen Kinobilder, die Nuri Bilge Ceylan so wundervoll schaffen kann. Doch in den großartigen Dialogen und im preiswürdigen Spiel der Darsteller Haluk Bilginer als Aydin, Demet Akbag als Schwester und Melisa Sözen als Ehefrau entfaltet sich das absolut fesselnde Porträt eines letztlich selbstgefälligen Zynikers – und das stille Drama zweier abhängiger Frauen.

Nuri Bilge Ceylan und seine Schauspieler trugen bei der Gala in Cannes schwarze Schleifen zum Gedenken an die Toten des türkischen Bergwerkunglücks. Tatsächlich könnte es sein, dass Cannes mit „Winter Sleep“ bereits den Gewinner der Goldenen Palme gesehen hat. Auch wenn Tommy Lee Jones in seinem Western „The Homesman“, eine Romanverfilmung, das Genre eindrucksvoll belebt mit einem im Kino nicht eben häufig gestalteten Aspekt. Es geht hier unter anderem um Frauen, die irre wurden am harten Leben in der Prärie, der hohen Kindersterblichkeit und dem Missbrauch durch die Männer. Hilary Swank spielt eine beherzte, umsichtige und mitfühlende Farmersfrau, die drei solcher psychisch erkrankter Frauen aus den Weiten von Nebraska zurückholen will in die Zivilisation, wo für sie gesorgt werden soll. Swanks Ms. Cuddy tut sich aus Not mit einem alten Gnatz (Tommy Lee Jones selbst) zusammen, den sie vom Strang rettet, denn allein kann sie die teils katatonischen, teils aggressiven Kranken nicht versorgen und bändigen.

Die lange Reise dieser Fünfergemeinschaft eröffnet Raum für viele Zwischentöne, etwa wenn Cuddy, die fest daran glaubt, dass alle Menschen von Gott geliebt werden, irgendwann das Leiden der Kranken nicht mehr erträgt und auch nicht die eigene Einsamkeit. Der unerwartete Schock, den diese – nach „Three Burials“ - zweite Kino-Regiearbeit von Tommy Lee Jonesbereit hält, ist ebenso groß wie die Zärtlichkeit, mit der Lee Jones seine Figuren und die Pionier-Mythen seiner Heimat behandelt.

Was brachte Cannes noch am Wochenende? Bertrand Bonellos Film „Saint Laurent“ befasst sich mit den dunklen Seiten des legendären Modeschöpfers, mit dessen Medikamentensucht, Drogen, Alkoholismus, den Orgien; er vermittelt aber auch dessen Hypersensibilität: Hier erscheint YSL als ein Mensch, der wohl von Beginn an verloren war für die Welt. Auch das ist natürlich ein Spiel mit dem Mythos, das indes von Pierre Bergé, dem Lebensgefährten von Yves Saint Laurent nicht autorisiert wurde. Umso spannender!

Und dann: Alarm am Palais de Festival. Vor der Premiere des Animationsfilms „Drachenzähmen leicht gemacht 2“ stürmte ein Mann den roten Teppich und krabbelte unter die weite, weiße Robe der Sprecherin America Ferrera. Was nur ein präzise geplanter PR-Gag des Studios DreamWorks sein konnte, denn wer je erlebt hat, wie offensiv die Sicherheitskräfte gegen Störenfriede oder auch nur lästige Fragesteller vorgehen, glaubt hier nicht an Zufall. Immerhin ist dies das wichtigste Filmfestival der Welt.


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