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Filmfestival in Neukölln: Die Alternative zur Berlinale heißt Boddinale

Das Logo des Festivals erinnert an die U-Bahnstation nebenan.

Das Logo des Festivals erinnert an die U-Bahnstation nebenan.

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boddinale

Glamourös sind die Festivalräume in der Neuköllner Boddinstraße nicht. Die Kinobesucher sitzen auf Sperrmüllsofas, Hockern ohne Lehne, leeren Bierkisten. An einer Theke wird Bier verkauft, die meisten Leute haben eine Flasche in der Hand. Es wird geraucht. Auf der Leinwand, einem Falten schlagenden weißen Tuch, sieht man eine Frau, die in einer Küche am Gasherd lehnt, in der Hand hält sie ein Messer. Dann gleißendes Licht.

Hier im Loophole findet zum zweiten Mal zeitgleich zur Berlinale die Boddinale statt, eine Art alternatives Filmfestival. Bei dem Ort handelt sich um eine Ladenwohnung mit drei Räumen, einst Bordell, seit 2007 Atelier und Veranstaltungsraum im hip gewordenen Norden des Bezirks. Gianluca Baccanico, einer der vier Betreiber des Raums, sagt, dass das eine gute Zeit sei für solch ein Festival. „Es sind so viele Menschen in der Stadt, die Filme lieben.“ Auch er gehört dazu, aber die Eintrittskarten bei der Berlinale könne er sich kaum leisten.

Im vergangenen Jahr sind 35 Filme eingereicht worden, in diesem Jahr sind es mehr als doppelt so viele, alles Low- bis No-Budget-Produktionen. Aussortiert haben die vier fast keinen Film. Alle erfüllten mehr oder weniger die beiden Bedingungen, nämlich dass der Film eine Geschichte erzählt und der Regisseur in Berlin wohnt. Das bedeutet aber nicht, dass die meisten der Filmemacher aus Deutschland sind. Sie kommen aus fast allen europäischen Ländern, und aus den USA, China, Bolivien, Ägypten. Ein Film ist sogar aus dem Iran nach Neukölln gelangt. „Der Regisseur hat irgendwie von uns gehört“, sagt Gianluca Baccanico. Da haben sie eine Ausnahme gemacht.

"Welcome to the Boddinale"

Baccanico ruft die Regisseurin des eben zu Ende gegangenen Films nach vorne, Mirijam Jeremic. Es ist eine Frau mit blonden langen Haaren, die man eben noch auf der Leinwand gesehen hat, als Hauptdarstellerin. Die Frau mit dem Messer. Sie spricht Englisch, erzählt, dass sie aus Belgrad komme und eigentlich Schauspielerin sei. Zu dem Film sei sie durch die Geschichte einer Freundin inspiriert worden, die mit 16 in Sarajewo von einem UN-Soldaten vergewaltigt worden sei und ein Kind bekommen hätte. „Fragen aus dem Publikum?“, fragt Gianluca Baccanico. „Warum hat deine Freundin den UN-Soldaten nicht angezeigt?“, will ein junger Mann wissen. „Die hätten den Fall unter den Teppich gekehrt“, antwortet sie. Dann sind keine Fragen mehr und Gianluca Baccanico sagt: „Thank you and welcome to the Boddinale.“

Viele der Filme haben etwas mit Berlin zu tun. „Berlin Junction“ etwa handelt von einem holländischen Künstler am Scheideweg. Soll er an seiner Freiheit und Ungebundenheit festhalten, oder mit seiner Freundin eine Familie gründen? Das Thema dürfte einigen aus dem jungen Publikum vertraut sein. In „Am Ende der Straße“ begleitet der Regisseur einen Berliner Taxifahrer während seiner Nachtschicht. „Vor Karstadt“ erzählt vom Leben eines Junkies. „Sie werden Dinge erfahren, die sie nie zuvor gehört haben“, heißt es in der Ankündigung. Aber es gibt auch einen Film, der vom einzigen Buchladen Grönlands erzählt. Und der 80 Minuten lange Dokumentarfilm „Ge9n“ erzählt von isländischen Polit-Aktivisten.

Der nächste Film beginnt. Er besteht aus Lichtpunkten und Blitzen, untermalt von Musik. Der Regisseur ist nicht anwesend. „Wir können ihm unsere Fragen ja per SMS schicken“, verkündet Gianluca Baccanico. Jetzt ist Pause.

Baccanico muss noch schnell für Musik sorgen, dann hat er ein bisschen Zeit zum Reden. Seine Biografie könnte man Neukölln-typisch nennen. Er stammt aus Rom, ist seit 2007 in Berlin, und sagt, dass er in seiner Heimatstadt weder die Freiheit noch die Inspiration gefunden hätte, um so etwas wie das Loophole oder die Boddinale zu machen. Er ist 39. Um Geld zu verdienen, arbeitet er als Programmierer. Deutsch hat er nicht wirklich gelernt. Die rund 2 000 Euro für den zusätzlichen Beamer und den Projektor für das Festival, haben er und seine Mitstreiter selbst finanziert. „Wir hatten viel zu wenig Zeit, um uns um Sponsoren zu kümmern“, sagt er. Nicht einmal Eintritt erheben sie.

Die Pause ist gleich zu Ende. Draußen auf dem Gehweg steht ein junger Regisseur und trinkt Bier. Ab und zu schaut er durch das Schaufenster, um zu sehen, ob sein Film schon angefangen hat.

Programm unter www.boddinale.com

Boddinale-Sieger am 23.2., 20.30 Uhr im Kino Moviemento