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Filmfestival: Mit "Genius" und "Soy Nero" zelebriert die Berlinale die Vielfalt

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Maxwell Perkins  (Colin Firth, l.)  arbeitet mit Thomas Wolfe (Jude Law) an dessen Manuskript in „Genius“.

Nach sechs Festivaltagen hängen die Kriterien der  Journalisten wie Beschwörungsformeln in der abgestandenen Luft der Kinosäle. Die Kernfrage lautet:  Was macht einen guten Film aus, und woran erkennt  man einen weniger gelungenen?

Eine Kollegin möchte nicht in Geiselhaft genommen werden vom Geschehen auf der Leinwand. Ein  Kollege sieht das ähnlich, formuliert es aber so: Er will  selbst entscheiden, wie weit er geht mit den Figuren und welche Perspektive er jeweils einnimmt; das kann innerhalb eines Films auch gern wechseln. Es gibt Leute, die das mehrsträngige Erzählen lieben: Möglichst viele Figuren, die alle ihre Geschichte haben, und irgendwie verbinden sich diese einzelnen Geschichten dann  zu einer gemeinsamen, übergreifenden.  Mancher möchte schlichtweg gut unterhalten werden. Wieder andere suchen eine höhere Wahrheit in den Bildern –  gewissermaßen eine Meta-Erzählung über Weltall, Erde, Mensch. Und dann gibt es  jene Kinozuschauer – denn nichts anderes sind Kritiker –, die sagen: Ich möchte berührt werden.

"Genius" berührt, ohne zu nahe zu treten

Das ist eine besonders heikle Kategorie, wie man am Beispiel  des Filmdebüts von  Michael Grandage, eines  erfolgreichen Londoner Theaterregisseurs, erleben durfte.  „Genius“   berührt den Zuschauer,  tritt ihm aber nicht zu nahe. Genau das ist das Problem dieses Films, der von einer schwierigen Beziehung erzählt – der eines Buchlektors zu den von ihm betreuten Schriftstellern.

Im Mittelpunkt steht Maxwell Perkins, der sich im New Yorker Verlagshaus Scribner’s Sons um Berühmtheiten  wie Ernest Hemingway und  F. Scott Fitzgerald kümmert. Ende der 1920er-Jahre  landet ein sehr dickes Manuskript auf seinem Tisch, das bereits von allen anderen Verlagen in der Stadt abgelehnt wurde. Doch  Perkins  erkennt das Einzigartige dieses Werks und lädt den Autor ein. Thomas Wolfe  kann sein Glück nicht fassen, und dabei  entgeht ihm, was für eine Enttäuschung  er doch ist für Maxwell Perkins.

„Genius“ ist ein Beziehungsdrama auf mehreren Ebenen: Hier der disziplinierte und sehr strukturierte Lektor (Colin Firth),  auf den in der Villa am Stadtrand  eine treu sorgende  Ehefrau und vier wohlgeratene Töchter warten; dort  der  grölende, großspurige  Wolfe (Jude Law), ein   in jeder Hinsicht  exzessiver Mensch, der   verliebt ist ins Hochgefühl des Lebens,  dem es  aber pathologisch an Empathie mangelt.  In der Interpretation des Films  erscheint  Thomas Wolfe als  Egomane mit Hang zu Paranoia: Er wirft die Menschen weg, wenn er interessantere und nützlichere gefunden hat. Für Perkins ist Wolfe wie jener  Sohn, den  er sich immer gewünscht hat,  ein genialer, aber auch monströser Sohn. Wolfe  umwirbt Perkins  indes anfangs wie einen Vater, dem er  letztlich nicht genügen kann.  Im Schatten dieser beiden Männer  versuchen zwei Frauen (Laura Linney, Nicole Kidman), der drohenden Selbstaufgabe standzuhalten.

Der Moment, in dem  Perkins diesem neuen Genie, Thomas Wolfe, zum ersten Mal begegnet im Verlagsbüro, bietet große Schauspielkunst: Man hört die Knochen in seinem Gesicht  fast knirschen, so eisern beherrscht er seine  Enttäuschung  über diesen großen Schriftsteller, der sich  als   lächerlicher Mensch  entpuppt. Es braucht die schwer erträgliche Aufgedrehtheit von Jude Law als Wolfe, um bei Colin Firth als Perkins die Fallhöhe zwischen Erwartung und  Realität   zu markieren. Darin ist dieser Film, der auf A. Scott Bergs preisgekrönter Biografie „Max Perkins: Editor of Genius“ basiert, ungeheuer genau – so wie in vielen anderen Szenen,  die wunderbar eingerichtet, gut getimt und präzise gespielt sind.    Doch am Ende geht man  rechtschaffen unverändert aus dem Kino.

Man hat wieder einmal einige Blicke in  menschliche Abgründe gewagt, die indes auch nicht so verstörend wirkten, als dass man sein Leben nicht  fortsetzen könnte wie bislang. „Genius“ ist gepflegtes, anspruchsvolles Unterhaltungskino – und damit etwas, was seine vollkommene Berechtigung hat.

Dies aber auch im Wettbewerb eines Festivals, das neue Sichten vermitteln, neue Bilder finden will? Das ist  nicht mehr die Frage, wenn  der Star-Cast  von „Genius“ auf dem roten Teppich steht.  Die Berlinale erfüllt ihre Glamour-Aufgabe bei gleichzeitiger Hege der eigenen Entdeckungen. Zu denen gehört der aus dem Iran stammende Regisseur Rafi Pitts, der hier in der deutschen Haupstadt bereits zwei Mal im Wettbewerb konkurrierte, mit „It’s Winter Time“ und „The Hunter“. Diese beiden Regiearbeiten verhandelten die Zustände im Iran symbolisch als Krise. Mit seinem neuen Film „Soy Nero“  begibt sich Rafi Pitts nun nach Übersee und erzählt von einem jungen, illegal in Los Angeles aufgewachsenen  Mexikaner, der nahezu alles tun würde, um eine Greencard zu bekommen.

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Dieser schwarze US-Soldat mag keine Latinos: „Soy Nero“.

Ein Erlass namens „Dream Act“ verspricht  illegalen Einwanderern  ohne US-Staatsbürgerschaft eben diese, wenn sie in der Armee dienen. Das tut Nero – und findet sich irgendwo im Irak wieder.  Redlich führt der Film alle Antagonismen auf: Hier der amerikanische Traum und da die US-Realität; hier  die Armee-Einheit und in ihr der alltägliche Rassismus.  Das überfordert niemanden, und  gegen Ende hin lässt es der Regisseur auch gewaltig krachen, wenn sein Einwandererdrama zum Kriegsfilm wird. Noch eine Beschwörungsformel hängt dieser Tage  über der Berlinale:  Man darf auf keinen Fall auf den  großen Wurf warten, sonst wird man nur enttäuscht. Man muss jeden Festivalfilm so nehmen, wie er ist.


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