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Berliner Zeitung | Filmfestival Venedig: Künstler können fliegen
27. August 2014
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Filmfestival Venedig: Künstler können fliegen

Michael Keaton macht beim Fotoshooting in Venedig ein Selfie.

Michael Keaton macht beim Fotoshooting in Venedig ein Selfie.

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Getty/Pascal Le Segretain

Wenn man dieser Tage über das Gelände des Filmfestivals von Venedig eilt, könnte man fast glauben, hier fände eine Sommeruniversität statt. Auf dem lauschig baumbestandenen Areal laden neben den Kinos kleine Caféterias und Pavillons zum Verweilen ein, und selbst das Alter der Festivalbesucher liegt deutlich unter dem beim Großereignis von Cannes. Längst ist die Baugrube für einen neuen Kinopalast am Lido wieder zugeschüttet; entsprechende Pläne sind begraben, wahlweise wegen Finanznot, Mafia-Verstrickungen im Baugewerbe oder Asbest im Boden.

Vermutlich trifft alles zu, und gewiss wirkt die locker gruppierte Anlage ohnehin viel anmutiger als ein rein funktionaler Betonklotz. Von den Umständen derart liebevoll getragen, betritt man das angenehmerweise frisch renovierte sowie neu bestuhlte, riesige Pressekino Darsena, um es zwei Stunden später völlig erschöpft und mit satten Kopfschmerzen, aber auch irgendwie sehr zufrieden wieder zu verlassen.

Mut zur Selbstironie

Auf dem Programm stand „Birdman (or the unexpected Virtue of Ignorance)“, der neue Spielfilm des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu (unter anderem „21 Gram“, „Babel“, „Biutiful“). Mit ihm wurde am Mittwochabend die 71. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica mit prominenter Besetzung im Film wie auf dem Roten Teppich eröffnet.

Michael Keaton, der einst den Superhelden Batman spielte und in den vergangenen Kinojahren leicht unterpräsent war, verkörpert hier einen einstigen Hollywood-Star, der in diversen Blockbuster-Comic-Verfilmungen einen Superhelden namens Birdman gegeben hatte, das Image dieser Rolle nicht mehr los wird und nun am Broadway einen Neuanfang als Schauspieler versucht. Und ja, Keaton hat Mut zur Selbstironie!

Am Anfang des Films sehen wir seinen Riggan Thomson in einer schmuddeligen Künstlergarderobe in Feinrippunterhose über dem Boden schweben – offenbar das rein imaginative Erbe seines vergangenen Superheldendaseins, das ihm immer noch zusetzt mit den fiesen Einflüsterungen einer hässlichen inneren Stimme. Gleich darauf fällt Riggans Co-Star bei den Proben ein Stück Bühnenbeleuchtung auf den Kopf, weswegen ein zwar namhafter, jedoch auffällig narzisstisch gestörter Kollege (Edward Norton) einspringt. Denn alle anderen großen Stars können nicht, weil sie gerade in Hollywood-Comic-Verfilmungen mitwirken. Jawohl, „Birdman“ ist nicht allein eine schwarze Komödie, sondern irgendwie auch ein realistischer Film. Lacher erwünscht.

Der unberechenbare Neue möchte, dass man seinen Penis bewundert und seine Hoden tätschelt; er stiehlt Riggan nicht nur die Show und damit die Titelseite in der New York Times, sondern bespringt auch dessen Tochter (Emma Stone), die frisch aus dem Entzug kommt. Viel mehr muss man vielleicht gar nicht erzählen über die Handlung – inzwischen dürfte klar sein, dass in diesem Film so ausgiebig wie lustvoll mit Doppel- und Meta-Ebenen gearbeitet wird. Natürlich gibt es reichlich Anspielungen auf tatsächliche Hollywood-Stars und deren Marotten sowie Schönheitsoperationen; und natürlich ist in „Birdman“ sowohl die Konkurrenz unter Schauspielern als auch das Problem des Beifalls als Maßstab des eigenen Wertes und sogar der Existenz ein Thema.

Der Schädel dröhnt

Das kennt man nun auch aus anderen Filmen, man denke nur an den Klassiker „All about Eve“. Das Kino liebt nun einmal ganz selbstbezüglich Filme über das Kino, und auch Festivalchefs wie der Mostra-Chef Alberto Barbera tun dies. Was „Birdman“ indes so besonders macht, sind die fulminanten Schauspielduelle zwischen Michael Keaton und Edward Norton, beide großartig, dazu die unaufhörlich sich in engen Bars und Theaterräumen bewegende und damit die Fiebrigkeit der Protagonisten visuell aufnehmende Kamera von Emmanuel Lubezki – sowie nicht zuletzt der Soundtrack von Antonio Sanchez.

Er besteht, von einem kurzen Ausschnitt aus Gustav Mahlers zweiter Sinfonie abgesehen, fast ausschließlich aus Percussions, vor allem Trommeln, die über zwei Stunden Filmlaufzeit für ein dumpfes Uptempo sowie in meinem Fall am Ende für einen dröhnenden Schädel sorgen. Eine kurze Szene langt füllt der schwarze Drummer sogar einen ganzen kleinen Raum.

Die unerwartete Tugend der Ignoranz kann man aber auch so nicht wahren gegenüber der neuen Regiearbeit von Alejandro González Iñárritu – dazu hatte man einfach zu viel Spaß. Der Komiker Zach Galifianakis spielt den Theater-Regisseur, Naomi Watts eine leicht verträumte, späte Broadway-Debütantin, und mit den selbstgefälligen Kritikern, die Werke und Künstler einfach so vernichten, wird in dem Film natürlich auch abgerechnet. Für alle und alles gab es am Ende reichlich Beifall.


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