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Filmfestival Venedig: Schlank, aber keineswegs dünn

Mit Alejandro González Iñárritus "Birdman" werden die Filmfestspiele Venedig eröffnet.

Mit Alejandro González Iñárritus "Birdman" werden die Filmfestspiele Venedig eröffnet.

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dpa

Die Kombination aus Venedig und Filmfestival ist einfach nicht zu überbieten. Als ob diese sagenhafte Stadt nicht schon selbst überreich an filmreifen Geschichten, Anblicken und Kulissen wäre, wird jedes Jahr im Spätsommer mit der Mostra del Cinema noch einmal eins draufgesetzt.

Im Jahr 1932 unter Benito Mussolini begründet, um mit diesem Kulturereignis die Touristensaison zu verlängern und die Hotels wie Restaurants bis in den September hinein zu füllen, bewährt sich das Festival von Venedig ungebrochen als liebenswürdigere Antwort auf die Festspiele von Cannes und Berlin. An der Côte d’Azur und an der Spree mag es vielleicht quirliger und damit auch angespannter zugehen, doch am Lido genießt man die Filmkunst.

Intrigen unter Schauspielern

Was nicht bedeutet, dass diese Filmbiennale jemals die Welt aus dem Blick verloren hätte. Am 27. August beginnt das älteste Filmfestival der Welt zwar erst einmal mit einem recht anschmiegsamen Werk, wenn der Mexikaner Alejandro González Iñárritu in seiner schwarzen Komödie „Birdman (Or the Unexpected Virtue of Ignorance)“ die Befindlichkeiten und Intrigen unter amerikanischen Schauspielern aufs Korn nimmt. Aber wenn Iñárritus Darsteller Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone und Naomi Watts den roten Teppich vor dem Palazzo del Cinema wieder verlassen haben, rücken schwerwiegendere Themen und Ästhetiken nach.

Etwa mit Fatih Akins neuem Film. „The Cut“ wurde schon im Programm des diesjährigen Festivals von Cannes erwartet; der deutsch-türkische Regisseur hatte ihn dort indes „aus persönlichen Gründen“ zurückgezogen. Mehr war auch auf Nachfrage nicht zu erfahren, was Spekulationen Tür und Tor öffnete. Etwa der, dass Akin sich in Cannes mit einem Platz in einer Nebenreihe hätte begnügen sollen.

Nun feiert sein Drama über den Genozid an den Armeniern also im Wettbewerb von Venedig Premiere: Erzählt wird von einem armenischen Schmied, der den Völkermord überlebt, und Jahre später erfährt, dass auch seine Töchter am Leben sind. Die Suche nach ihnen führt ihn von den Wüsten Mesopotamiens über Havanna bis in die Prärien North Dakotas. Auf seiner Odyssee begegnet er auch dem Teufel in Menschengestalt. Mit „The Cut“ beendet Fatih Akin nach „Gegen die Wand“ (2004) und „Auf der anderen Seite“ (2007) seine Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“.

Perspektive einer Taube

Fantastisch-Mythologisches verbindet sich auch in anderen Wettbewerbsbeiträgen – insgesamt konkurrieren 20 Filme – mit dem Historischen und Gegenwärtigen. Der Schwede Roy Andersson etwa nimmt in „A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence“ die Perspektive einer Taube ein. Der russische Beitrag „The Postman’s White Nights“ von Andrej Kontschalowski erzählt mit Laiendarstellern vom einsamen Leben auf dem Land. Und Willem Dafoe spielt „Pasolini“ in Abel Ferraras gleichnamigen Biopic über den schwulen italienischen Regisseur Pier Paolo Pasolini.

Das Drama „Loin des hommes“ von David Oelhoffe, mit Viggo Mortensen thematisiert den Algerienkrieg, und Ethan Hawke verkörpert in „Good Kill“ von Andrew Niccol einen Dronen-Experten, der nicht mehr mit seiner Arbeit klar kommt. Der US-Regisseur Ramin Bahrani schließlich begleitet in „99 Homes“ eine Familie, die ihr Haus wegen Immobilien-Spekulationen verliert.

Das 71. Mostra del Cinema und ihr Direktor Alberto Barbera präsentieren also einen schlanken, aber keineswegs dünnen Wettbewerb in einem Jahr, das von unzähligen Krisen und militärischen Konflikten geprägt ist. Die Aufgabe eines solchen Filmfestivals ist es nun, uns über das Wirkliche hinaus mit den ästhetischen Mitteln des Kinos zu zeigen, was wir noch nicht sehen und wissen. Nicht weniger.



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