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Filmkritik: "The Hateful 8" - Sterbenslangweilig und ekelerregend

Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) hasst Mexikaner.

Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) hasst Mexikaner.

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Universum Film

Quentin Tarantinos „The Hateful?8“ ist zunächst sterbenslangweilig und anschließend bestialisch und ekelerregend. Das ist die schlichte Erkenntnis aus einem Film, der über mehr als drei Stunden hinweg seine eigene Bedeutungslosigkeit zelebriert. Gewalt hatte in Tarantinos früheren Filmen bei aller Neigung des Regisseurs, über die Stränge zu schlagen, einen guten Grund.

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In „Inglourious Basterds“ und „Django Unchanged“ erfüllte sie zuletzt die befreiende Funktion, es den deutschen Nazis und den amerikanischen Sklavenhaltern heimzuzahlen – eine Katharsis, die wenigstens auf der Leinwand zu einer Art nachgeholter Gerechtigkeit führte. Durch die Bilder voller Blut und zerfetzter Leiber sah man auf etwas Anderes: auf die Möglichkeit einer Bestrafung derer, die es unbedingt verdient haben wie der gewissenlose SS-Mann Hans Landa oder die sadistischen Folterknechte auf der Candyland-Plantage. Das besaß eine moralische Dimension, deren Wucht mit der Härte der gezeigten Gewalt mithalten konnte.

Das Kreuz mit der Gewalt

Wenn man diese Filme gesehen hat, ist man von der gedanklichen Leere, die in „The Hateful?8“ herrscht, umso bestürzter. Wie „Django“ spielt auch der neue Tarantino im Amerika des 19. Jahrhunderts, und wie im Vorgänger rollt auch diesmal eine Kutsche durch unwegsames Gelände: Ein Kreuz mit einem leidenden Christus steht am Wegesrand und liefert bedeutsam die erste Einstellung. Hier kommt also eine Passionsgeschichte auf uns zu, untermalt von der Musik Ennio Morricones, der orchestral zum Breitwandformat passend die Totenklage anstimmt.

Die Herren, die an der tief verschneiten Wegkreuzung in Wyoming aufeinandertreffen, kennen sich – nicht nur, weil beide Kopfgeldjäger sind. Wie fast alle Akteure in „The Hateful 8“ sind sie sich ein paar Jahre zuvor auf dem Schlachtfeld begegnet, im Sezessionskrieg zwischen Nord- und Südstaaten, und ein bisschen Krieg spielen sie unter Tarantinos Fuchtel noch immer: Ein Schwarzer (Samuel L. Jackson) gegen lauter Weiße und einen Mexikaner; eine Frau (Jennifer Jason Leigh) gegen lauter Männer; der rassistische Süden gegen den toleranten Norden, der seine Stimme in einem Brief Abraham Lincolns erhebt, den Samuel L. Jackson als Major Marquis Warren stets mit sich herumträgt – dies wird als historische Kulisse heraufbeschworen, vor der sich dann ein Blutbad sondergleichen abspielt.

Doch erst einmal wird endlos geplappert. Ohne Punkt und Komma, über Gott und die Welt. Filme von Tarantino sind immer Feiern des Dialogs, und wenn sich wie in „Pulp Fiction“ zwei Killer auf dem Weg zum nächsten Auftrag über französische Restaurants und Hamburger austauschen, dann sorgt diese Schere zwischen Ungeheuerlichkeit und Banalität dafür, dass man mit leicht schlechtem Gewissen lacht.

In „The Hateful 8“ aber gibt es überhaupt nichts zu lachen. Weder die fortwährenden verbalen Erniedrigungen der Beute, welche die beiden Kopfgeldjäger in lebendiger und bereits toter Form mit sich herumschleppen, sind komisch, noch die Hiebe, die Jennifer Jason Leigh als Wildwest-Femme-Fatale Daisy Domergue über sich ergehen lassen muss. Von der ersten bis zur letzten Szene ist der Film grob, laut und ungeheuer von sich selbst überzeugt.

Totale Angeberei

„The Hateful 8“ wirkt vor allem wie ein überlebensgroßes, in 70 Millimeter gedrehtes Selbstzitat Tarantinos. Seht her, was ich alles draufhabe, will er uns ausdauernd bedeuten: Mittendrin, als sich sein Ensemble in der klaustrophobischen Abgeschlossenheit von „Minnie’s Haberdashery“ versammelt hat, zaubert er plötzlich einen mokanten Erzähler aus dem Hut. Dann, als der Film so gut wie zu Ende ist, bringt er uns seine Vorgeschichte zur Kenntnis. Und wie um zu zeigen, dass man jede Scheußlichkeit noch steigern kann, folgt auf die herkömmliche Schießerei eine wahre Enzyklopädie von Mordmethoden: Vergifteten schießen Blutfontänen aus dem Rachen, einem Mann wird der Arm abgerissen, Domergue baumelt von einem Deckenbalken herab. Und das alles immer mit der Geste, dass hier das Kino sich selbst mit lustvoller Übertreibung bespiegelt und der gute alte Western in Unmengen von Körperflüssigkeit baden geht. Dem kann man wirklich nur ein angeödetes „Aha“ entgegnen.

Am Ende sieht der trutzige Holzbau von „Minnie’s Haberdashery“ aus wie eine Fleischerei nach dem Tageswerk eines außer Rand und Band geratenen Metzgers. Man sitzt ermattet und deprimiert davor und sucht nach einem tieferen Sinn für das Gemetzel. Vermutlich gibt es keinen – außer der Tatsache, dass Tarantino irre viel Spaß bei der Sache hatte, wie bei all den Splattermovies, die er sich während seiner Sozialisierung in den Videoläden von Los Angeles reingezogen hat.