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Filmkritik „Transcendence“: Johnny Depp als Super-Hirn

Will-PINN (Johnny Depp, oben) überwacht alle/s: in diesem Fall Joseph (Morgan Freeman), Anderson (Cillian Murphy) und Evelyn (Rebecca Hall, v.l.) .

Will-PINN (Johnny Depp, oben) überwacht alle/s: in diesem Fall Joseph (Morgan Freeman), Anderson (Cillian Murphy) und Evelyn (Rebecca Hall, v.l.) .

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Tobis

Als Johnny Depp kürzlich in einer Werbe-Anzeige des Berliner Wachsfigurenkabinetts als „Herzensbrecher“ angepriesen wurde, sorgte das für enorm üble Laune bei gewissen Leserinnen. Wessen klappriges Herz sollte bitteschön ein Mann brechen, der sich seit etlichen karibischen Piraten-Filmen komplett zum Löffel macht? Johnny Depp – war das nicht jener Hollywood-Star, der in den 1990er-Jahren cool war? Den man mehr oder weniger abgeschrieben hatte, nachdem Schauspieler wie Ryan Gosling oder Joseph Gordon-Levitt in die Öffentlichkeit traten?

Aber jeder verdient eine zweite Chance, zumal im Verständnis der Neuen Welt von Hollywood. Und so empfiehlt es sich, mit Neugier heranzugehen an jenen Science-Fiction-Film, mit dem nun der Kameramann Wally Pfister (u.a. Christopher Nolans „Inception“) sein Regiedebüt gibt. In „Transcendence“ spielt Johnny Depp einen genialen Wissenschaftler mit Harry-Potter-Brille.

Ein neuronales Super-Netzwerk

In einer nicht allzu fernen Zukunft hat dieser Will Caster PINN entwickelt: eine Art künstliche, selbsterhaltende Intelligenz, die nicht nur denken, sondern auch Gefühle ausdrücken kann – ein neuronales Super-Netzwerk. Mit PINN sind unglaubliche Dinge möglich, globale Meta-Vernetzungen und bislang unmögliche Operationen.

PINN stellt indes eine Zukunft dar, die nicht alle Menschen begrüßen. Deswegen verüben militante Technologie-Kritiker in den gesamten USA Anschläge auf Forscher, die mit künstlicher Intelligenz experimentieren. Bei einem solchen Attentat wird Will radioaktiv kontaminiert; er hat noch vier Wochen zu leben, was seine Frau Evelyn (Rebecca Hall), ebenfalls Wissenschaftlerin, nicht akzeptieren kann. Also lädt sie gemeinsam mit einem Freund namens Max (Paul Bettany) das Bewusstsein von Will in PINN hoch: all sein Wissen, seine Erfahrungen, Emotionen. Hirn und Seele digital.

Als Science-Fiction-Film spielt „Transcendence“ eine hochinteressante Frage durch: Was wäre, wenn ein der Menschheit wohl gesonnenes, nämlich mitfühlendes Super-Bewusstsein alle Intelligenz in sich integrieren, die Welt übernehmen und eine gute Herrschaft ausüben würde? Wäre das nicht wunderbar?

Keine Kriege mehr, keine Klimakatastrophe, keine Krankheiten. Tatsächlich entwickelt Will-PINN mit Hilfe futuristischer Nanotechnologien bald Verfahren, mit denen sich defekte Strukturen selbst reparieren und sogar auf höherem Niveau regenerieren können, ganz gleich ob von organischer oder anorganischer Beschaffenheit.

Verdorrte Pflanzen, tote Bäume, die sich eigenständig erneuern; zerbrochene Solarspiegel, die durch autonomen Partikelschluss wieder funktionieren. Todkranke, blinde, taube oder gelähmte Menschen, die nicht allein von ihren Leiden befreit, sondern zugleich physisch sowie geistig optimiert werden – all das zeigt „Transcendence“ wie ein Heilsversprechen. Mit einem Haken: Will-PINN siedelt sich schon mal in einem Menschen an und spricht aus diesem mit der Stimme des eigentlich verstorbenen Wissenschaftlers. Und ist es wirklich Will, der da spricht?

Das Fatale an „Transcendence“ ist die dramaturgische Sentimentalität, aber auch dumme Stereotypisierung der Figuren. Beides beschädigt einen Film, der doch wichtige Fragen stellt über eine keineswegs undenkbare Diktatur. Dass die Technologie-Kritiker hier wieder mal schlecht angezogen sind, ihr Haar dilettantisch färben und zu viel Kajal um die Augen haben, nimmt nicht für sie ein, vom Polit-Sprech ganz zu schweigen. Und da wir bereits heute in einer Diktatur der optimierten Erscheinung leben, ist wohl klar, dass die Sympathien sehr vieler Zuschauer den adretten, hochintelligenten, eloquenten und so viele Wohltaten ausübenden PINN-Jüngern gelten werden.

Wobei sich das im Fall von Evelyn rasch relativiert: Schon lange ist eine weibliche Filmfigur nicht mehr derart vom Drehbuch vorgeführt worden wie diese Wissenschaftlerin, die sich wie ein bockiges Kind benehmen muss, weil es die Autoren so wollen. Mit den Milliarden, die Will-PINN anfangs innerhalb von zwanzig Minuten an der Wall Street macht, finanziert sie in einem sterbenden Wüsten-Kaff eine Zukunftswerkstatt – und ist dann genervt, weil diese künstliche Intelligenz tut, wozu sie geschaffen wurde: Alles wissen und steuern.

Nach dem futuristischen Beziehungsdrama „Her“ von Spike Jonze, in dem sich ein Mann in das Betriebssystem seines Smartphones verliebt, ist „Transcendence“ bereits der zweite Film in nur vier Monaten, der sich mit dem Phänomen einer artifiziellen Intelligenz, sogar eines autonomen Meta-Bewusstseins und dem Menschen als Datenträger befasst.

Doch wenn Wally Pfister nun immer wieder eine ökologisch korrekte Sonnenblume ins Bild setzt oder einen Tautropfen im Morgenlicht schimmern lässt, dürfte auch dem arglosesten Zuschauer klar sein, dass den drängenden Fragen unserer Zukunft mit lyrisch-romantischer Nivellierung nicht beizukommen ist. Und auch nicht mit den tradierten Begriffen von Menschlichkeit. „Kannst du beweisen, dass du fühlst“, wird Will-PINN mehrfach von einem seiner Kritiker gefragt. „Kannst du es?“ entgegnet das Super-Bewusstsein. Und Johnny Depp verzieht dabei als digitaler Gott keine Miene.