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Filmkritik „Wir sind die Neuen“: Tattergreis-WG? Wir doch nicht!

Einst haben sie gegen das „Schweinesystem“ und für den Weltfrieden gekämpft, das Leben der Schleiereulen geschützt oder aber Asylbewerber juristisch vertreten – alles für alternativen Lohn oder gleich gar nichts. Motto: Hoch – die – internationale – Solidarität! Jetzt können sie sich als Mindestrentner die Mieten in der Stadt nicht mehr leisten, in der sie praktisch ihr ganzes Leben verbracht haben. Was tun? Diese Frage stellte einst auch der inzwischen nicht mehr so moderne Wladimir Iljitsch Lenin, den der heute wieder sehr beliebte Karl Marx ja nicht ohne Grund überdauert hat.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein und so weiter – wobei sich Anne nicht damit arrangieren will, ihrer mangelnden Kapitalkraft wegen in eine muffige, aber wohnraummäßig erschwingliche Kleinstadt zu ziehen. Wie viele andere Altlinke in dieser Situation muss sich also auch Anne etwas einfallen lassen, wobei ihre Idee zwar der Originalität entbehrt, aber praktikabel scheint.

Die zierliche Sechzigerin macht sich auf zu ehemaligen Weggefährten, um die einstige Studenten-WG wiederzubeleben: als Senioren-WG. Der antikapitalistische Anwalt Johannes ist schnell mit dabei. Doch die Suche nach weiteren Mitbewohnern wird zum Reinfall. Denn warum sollten Leute, denen die beiden vor 40 Jahren den Joghurt wegfraßen, weil sie die Eigentümer ohnehin für „Spießer“ hielten, wieder mit ihnen zusammenziehen wollen?

„Wir sind die Neuen“ heißt eine neue deutsche Komödie. Wobei deren Regisseur Ralf Westhoff das Problem der Altersarmut, die demografische Frage und die Rentenlüge gewitzt mit einem obsolet gewordenen Generationenvertrag verbindet. Tatsächlich finden Anne (Gisela Schneeberger) und Johannes (Michael Wittenborn) nach einigen Abfuhren von nachhaltig gekränkten Ex-WGlern im ebenso charmanten wie kämpferischen Eddi (Heiner Lauterbach) doch einen dritten Mitbewohner, der dank einer Ex-Affäre auch gleich eine Wohnung besorgt.



Nur mit den Obermietern hat das fidele Trio, das zum Einzug die Langspielplatte mit den guten alten Songs von Steppenwolf voll aufdreht, nicht gerechnet. Katharina (Claudia Eisinger) und Torsten (Patrick Güldenberg) müssen fürs Jura-Examen büffeln, und Barbara (Karoline Schuch) hat sich gerade verlobt. „Verloben – was ist das?“ provoziert Eddie die Kunststudentin und setzt nach: „Willst du wirklich die nächsten dreißig Jahre mit demselben vögeln?“ So macht man sich keine jungen Freunde. Und so kommt es bald zu giftigen verbalen Gefechten, in denen selbstredend auch der technologische Fortschritt als Waffe ins Feld geführt wird gegen die „Wählscheibentelefon-Benutzer“ aus der „bekloppten Tatter-Greis-WG“.

Das Leben und die „Armen-WG“ (Zitat Torsten) werden von Anne dabei immer mal wieder aus dem Off kommentiert, sodass eine gewisse Distanz hergestellt wird. Abgesehen von den pointierten Dialogen, die der Regisseur selbst schrieb, und den tollen Schauspielern überzeugt diese Komödie auch mit einer fast schmerzlichen, auf jeden Fall aber melancholischen Überprüfung verfestigter Lebensentwürfe auf beiden Seiten, jung wie alt. Dass Anne und Johannes immer noch sprechen und sich kleiden wie Mittzwanziger aus den 1970ern, macht ihren sturen Idealismus nicht liebenswerter.

Die asoziale Rücksichtslosigkeit beginnt bekanntlich da, wo die Selbstverwirklichung noch lange nicht endet. Aber auch die junge WG lädt den Kinozuschauer keineswegs zur Identifikation ein mit der verbissenen Überangepasstheit ihrer Bewohner an den heutigen Leistungs- und Effektivitätsdruck. Ja, die Jungen kommen noch schlechter weg.

Dabei ist Ralf Westhoff selbst 44, er denkt hier wohl auch in eigener Sache zukunftsorientiert. Die Frage ist, wie er seine Protagonisten weiterführt und wie er sie am Ende aus diesem Film entlässt. Vielleicht hätte es hier noch böser werden können als etwa im Fall von Anne („Wenn ich noch ein einziges perfektes Paar sehe, kotze ich auf den Boden.“) oder Torsten („Wir können euch alten Leuten nicht helfen. Wir haben keine Kapazitäten.“).

Aber Westhoff, dieser tolle Regisseur (u. a. „Shoppen“, „Der letzte schöne Herbsttag“), ist ein Menschenfreund; er entschied sich für Vermittlung angesichts der Schwäche, die ausgerechnet den Karrieristen Torsten befällt in Form eines Rückenleidens. Hier ist Anne mit ihren Anatomiekenntnissen dann ebenso gefragt wie der geduldige Johannes als Mentor bei der angesichts des Lehrstoffs verzweifelnden Katharina. Ganz zu schweigen von Eddi, der wegen seiner umfangreichen Erfahrungen der unversehens entlobten Barbara Beziehungstipps zu geben versteht. Letztlich müssen alle sechs das Gleiche begreifen: Die Zeit an sich interessiert sich nicht für einen.

Wir sind die Neuen Dtl. 2014. Regie & Drehbuch: Ralf Westhoff, Kamera: Ian Blumers, Darsteller: Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenborn, Claudia Eisinger, Karoline Schuch, Patrick Güldenberg, Julia Koschitz u. a.; 92 Minuten, Farbe. FSK o. A.