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Filmkritik: Du mit deinem Nazi-Voodoo!

Immer schön friedlich bitte sehr: Curt (André Wilms) und Nick (Georg Friedrich).

Immer schön friedlich bitte sehr: Curt (André Wilms) und Nick (Georg Friedrich).

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PifflMedien

Natürlich gibt es auch unter den Ganoven schöngeistige Menschen. Nick etwa ist die „erste Promenadenmischung aus Kanal- und Leseratte“, wie es seine Freundin charmant formuliert. Sie betreibt ein gut sortiertes Antiquariat, in dem Nick die wertvollen Ausgaben vertickt, die er erst billig auf Flohmärkten gekauft und dann höchstpersönlich studiert hat. Wegen seines Berufs – Ganove – ist Nick allerdings ständig in Schwierigkeiten und taucht deswegen in unbewohnten Häusern unter.

Doch die Villa, die er sich als neues Refugium ausgesucht hat, steht gar nicht leer – hier wohnt der greise Curt Ledig. Der „Denker und Psychologe“, so die offizielle Attributierung, ist das, was man eine Jahrhundertfigur nennt und außerdem schon ein wenig vergesslich. Aber sonst noch ganz gewitzt. Der komische Mann mit der Schiebermütze, der sich da in der Not für seinen neuen Pfleger ausgibt, scheint ein interessanter psychologischer Fall für Curt. Besser dieser anarchische Nick, als zur Tochter zu ziehen.

Und so beginnt einer der lustigsten neuen deutschen Filme. „Über-Ich und Du“ von Benjamin Heisenberg (u. a. „Schläfer“) ist eine herrliche Mischung aus verdrehtem Double-Trouble-Kumpelfilm, Clash der Kulturen, Therapie-Satire und historischer Reflexion. Bald werden Nick (der große österreichische Charakterdarsteller Georg Friedrich) und Curt (der große französische Charakterdarsteller André Wilms) ziemlich beste Freunde, weil es sonst keinen anderen Weg gibt für sie. Und wenn die Männer dann jeweils in die vollkommen unterschiedliche Lebenswelt des anderen hineingezwungen werden, sorgt das für die herrlichste Situationskomik.

Nick etwa hat mächtig Schulden bei der Unterwelt-Patin „Mutter“ (die große österreichische Charakterdarstellerin Maria Hofstätter), weswegen diese kurzerhand Curts Auto als Pfand nimmt. Ha, nicht mit Curt! Und so humpelt der bayrische Analytiker, der im Elsass geboren wurde, Nicks Warnungen ungeachtet, furchtlos in „Mutters“ Hauptquartier hinein: eine riesige Lagerhalle voller skurriler Gestalten, wo etwa ein fetter Mann alte Bücher sortiert. Ihn lernten wir bereits in jener Zahnarztpraxis kennen, in der sich Nick eine Brücke machen lassen will, die er mangels Barem mit der Sammlerausgabe eines Comics zu bezahlen gedenkt. Aber dann kommt der Fette und greift die Beißschiene mit dem Zahnabdruckmaterial, um Nick wegen der Schulden festzusetzen. Slapstick pur.

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Tränen gelacht! Wie auch in jenen Szenen, in denen Curt eine neue Heilungsmethode anwendet bei Nick, der wiederum in einem geradezu klassischen Fall von Übertragung im psychotherapeutischen Prozess Curts Küchenphobie übernimmt. Was Nick für „Nazi-Voodoo“ von einer „alten Nazi-Sau“ hält. Als Curt außerdem reinen Tisch machen will mit seiner zwiespältigen Vergangenheit unter Hitler, ist dieser Film nicht mehr zu halten in seiner hinreißenden Originalität in Sachen Identität, Erinnerung, Verantwortung und gerade auch Aufarbeitungsgeschichte.

Benjamin Heisenberg, Enkel des berühmten Physikers Werner Heisenberg, Mitbegründer der Filmzeitschrift „Revolver“ und bildender (Video-) Künstler, wird als Filmregisseur der sogenannten, für ihre inszenatorische Kargheit berühmten Berliner Schule zugerechnet.

Hier beweist er: Die Berliner Schule hat sogar Humor! Für seinen neuen Film hat sich Heisenberg mit dem Ko-Autor Josef Lechner zusammengetan, der selbst ein paar Jahre mit einem gebildeten, alten Herrn wie Curt verbracht hat und entsprechend viele Anekdoten aus eigenem Erleben parat hatte. Und wie erwähnt gibt es da diese beiden großartigen Hauptdarsteller: Georg Friedrich als stets übellauniger Kleinkrimineller und André Wilms als sturer Professor sind ebenso ein Fest für Kinofreunde wie der ganze Film, der all das ist, was man sich nur wünschen kann vom deutschen Kino: geistreich, absurd, erzählerisch offen, hintergründig – und unglaublich lustig.

Über-Ich und Du Dtl. 2014. Regie:

Benjamin Heisenberg, Drehbuch:

Benjamin Heisenberg, Josef Lechner,

Kamera:Reinhold Vorschneider, Darsteller: André Wilms, Georg Friedrich, Bettina Stucky u. a.; 94 Minuten, Farbe. FSK ab 6.



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