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Filmkritik World War Z: Zombies wie du und ich

Bastel mal wieder! Der wackere Gerry (Brad Pitt) rüstet sich für die Begegnung mit den Zombies.

Bastel mal wieder! Der wackere Gerry (Brad Pitt) rüstet sich für die Begegnung mit den Zombies.

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PPG

Die Natur weiß zuerst von der nahenden Katastrophe. Aber die Menschen haben nicht auf sie geachtet. Kurze Zeit nachdem sich die Zahl der Wölfe vervielfacht hat, unzählige tote Delfine an den Ufern der Weltmeere strandeten und gewaltige Vogelschwärme nach Nirgendwo aufbrachen, gibt es in Philadelphia, US-Bundesstatt Pennsylvania, eine erste Explosion. Panik bricht aus, die Menschen flüchten, aber wovor? Eben noch hat Gerry Lane friedlich gefrühstückt mit seiner Frau und den beiden Töchtern. Doch dann ist das Kriegsrecht ausgerufen, und er steht mit der Familie mitten in der allgemeinen Panik: Passanten schreien und fliehen, Autos überschlagen sich, weitere Explosionen. Und dann sieht Gerry, wie jemand springt, nein fliegt, über die Länge zweier Wagen hinweg, um sich an einem Menschen festzubeißen, der zunächst in Starre verfällt, dann aber seltsam konvulsivisch sich zu bewegen beginnt und seinerseits Leute attackiert. So geht es fort und fort. Und der Zuschauer krümmt sich im Kinosessel.

Denn die Kamera ist mitten im Geschehen in „World War Z“. Sie hat anfangs nicht die geringste Distanz zum Geschehen, sie ist vielmehr darin verwickelt und mit ihr das Publikum, das doch nur den neuen Film von Marc Forster sehen wollte. Der deutsch-schweizerische Regisseur, 1969 geboren, genießt mit Arbeiten wie „Monsters Ball“, „Wenn Träume fliegen lernen“ oder dem Bond-Film „Ein Quantum Trost“ einen guten Ruf im gehobenen Mainstream-Sektor. „World War Z“ ist nun ein apokalyptisches Drama nach dem gleichnamigen Roman von Max Brooks, mit einem Budget von 200 Millionen US-Dollar zudem der teuerste Zombie-Film der Geschichte und ein Star-Vehikel für Brad Pitt, dessen letzter Kinohit (Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, 2009) schon etwas zurück liegt, obwohl Pitt präsent ist als Schauspieler, dies jedoch vor allem in Arthouse-Filmen.

Geeignet für Angstlust-Junkies

Und auch Pitts Gerry ist ein unheroischer Held: Er will nicht die Welt retten, sondern nur seine eigene Familie – und dadurch ist er erpressbar. Nach einer riskanten Flucht vor den Zombies auf das Dach eines hohen Wohnhauses werden die Lanes vom rettenden Hubschrauber der UNO, Gerrys ehemaligem Arbeitgeber, auf eine Navy-Basis im Meer ausgeflogen. Doch hier bleiben dürfen Karen und die Töchter nur, wenn der Wissenschaftler Gerry herausfindet, was die Menschen überall auf dem Globus zu Zombies macht. Wenn er also die Welt rettet.

Das Kinopublikum hat sich in den vergangenen Wochen gleich an einer Reihe apokalyptischer oder postapokalyptischer Filme erfreuen dürfen – und das den Einspielergebnissen zufolge auch getan. In einigen dieser Filme ist die Erde bereits verlassen. („Oblivion“, „After Earth“), in anderen noch bewohnt, aber Heimat eines totalen Terrors, der von den Helden nur knapp überlebt wird („Evil Dead“, „The Purge“, „Olympus Has Fallen“). Was sagt es über unsere Zeit, wenn es der Untergang der Menschheit ist, der den größten Unterhaltungswert besitzt? Sind wir Angstlust-Junkies? Suizidale Memmen? Oder einfach Leute, die sich der schlimmstmöglichen Zukunft stellen?

Die Katastrophe wischt alles weg

In „World War Z“ schiebt Marc Forster nun den drohenden allgemeinen Untergang durch Anwendung quasi dokumentarischer Mittel näher in den Wirklichkeitsbereich als die erwähnten Blockbuster. Und wir sitzen im Kino und werden blass und blässer. Auch angesichts der Tatsache, dass diese Zombies so anders sind als jene, die wir aus dem Kino, etwa von George A. Romero, kennen, wie sie sich auch ruckend und zuckend, aber nicht gerade flink ihren Opfern näherten. Jene herkömmlichen Zombies konnten als Abspaltung des Ichs gedeutet werden, als irgendwie verlorenes Teil unseres Selbst. Doch wie fremd wirken die Zombies in „World War Z“! Sie sind hyperaktiv, raketenschnell, superaggressiv – gewissermaßen Zombies auf Speed. Diese Eigenschaften sind Symptome einer wohl auch metaphorischen Krankheit, einer „Walking Plague“, hervorgerufen durch einen unter welchen Umständen auch immer freigesetzten hochvirulenten Erreger.

Gerry Lane soll diesen Erreger identifizieren sowie möglichst unschädlich machen, und dabei kommt er mächtig herum in einer Welt, die eigentlich keine Chance mehr hat. „Bewegung ist Leben“, heißt es einmal, und es wirkt sarkastisch. Immerhin wollten die Israelis clever handeln, indem sie um Jerusalem herum eine Mauer errichteten, was natürlich inhuman ist, diesem Film aber zu einem seiner ikonischen Bilder verhilft: Den wimmelnden, stetig sich erhöhenden Berg, den die Zombies an dieser Mauer aus ihren Leibern errichten, wird man so bald nicht vergessen – das ist Angstkino pur: Überleben wollen, verdrängt werden, zurückbleiben. Und wenn die Aggressoren dann die Mauer überwinden und Juden wie Araber gleichermaßen anfallen, ist die Botschaft längst klar: Die Katastrophe wischt alles gnadenlos hinweg, individuelle wie politische Belange.

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Für das Verhalten der Zombies haben die Filmemacher auf die Schwarmtheorie zurückgegriffen, Bewegungsmuster in der Natur, die ja gleich zu Beginn von „World war Z“ angedeutet sind. Die Frage ist nun, warum man sich so einen wirklich hoffnungsarmen Film ansehen soll. In dem sogar der US-Präsident schon zu Beginn tot ist. Dumme Frage! Wegen Marc Forster. Und wegen Brad Pitt. Denn der Mann ist nicht allein ein netter Anblick; er hält hier inmitten all der Atemlosigkeit auch eine Präsenz aufrecht, die dem ganzen Halt gibt. Das geschieht indes ungeachtet all der Post-Heroik in einem konventionellen Hollywood-Erzählrahmen. Auch was Untergänge und Zombies angeht, ist das Fernsehen weiter. Aber noch nicht „bigger than life“.

World War Z USA 2013 Regie: Marc Forster, Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, J. Michael Straczynski, Drew Goddard, Damon Lindelof, Kamera: Ben Seresin, Darsteller: Brad Pitt, Mireille Enos, James Badge Dale u. a.; FSK ab 16. Ab morgen im Kino.