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Berliner Zeitung | Filmkritik zu „Still Alice“: Löcher in Hirn und Leben
04. March 2015
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Filmkritik zu „Still Alice“: Löcher in Hirn und Leben

Julianne Moore (l.) und Kristen Stewart als ihre Tochter, die sich als Fels in der Brandung erweist.

Julianne Moore (l.) und Kristen Stewart als ihre Tochter, die sich als Fels in der Brandung erweist.

Kann ja mal vorkommen, dass einem ein Wort entfällt. Es ist natürlich ein wenig peinlich, wenn das coram publico passiert, aber die Welt geht auch dann nicht unter, wenn der berühmten Linguistin bei einem Vortrag vor der Fachkollegenschaft der Ausdruck „Spracherwerb“ nicht einfallen will. Mit den Wahrnehmungsstörungen, die kurz darauf einsetzen, dem für Sekunden, gar Minuten Aus-der-Raumzeit-Fallen, verhält es sich da schon anders. Als die 50-jährige New Yorker Professorin Alice Howland beim Joggen auf ihrer gewohnten Strecke die Orientierung verliert, ist sie beunruhigt. Sie geht zum Arzt und erhält schließlich die Diagnose Alzheimer; Howland leidet an jener vergleichsweise seltenen, erblich bedingten Form der Demenzerkrankung, die bereits in mittleren Jahren einsetzt. An deren unaufhaltbar tragischem Verlauf ändert das allerdings auch nichts. Eher im Gegenteil.

Und der Regisseur leidet an ALS

Dass da jemand in der Blüte seines Lebens, sozusagen bei vollem Bewusstsein und lebendigen Leibes der Gehirnfäule erliegt – eben dieser Umstand ermöglicht es Richard Glatzer und Wash Westmoreland in „Still Alice“ – der Adaption von Lisa Genovas gleichnamigem Roman von 2009 – der Krankheit jenseits jener bereits hinlänglich etablierten Klischees von der rührend verpeilten Oma näherzukommen. Freilich, auch Alice’ Krankheit fungiert – innerhalb des Films in den Rahmen nicht eben funktionaler Familienstrukturen gesetzt – als Katalysator von Konflikten. Sie tut dies aber nicht auf Kosten einer authentischen Darstellung von Alice’ Leiden. Es teilt sich vielmehr mit, welche Erniedrigung beispielsweise darin liegt, im eigenen Heim vergeblich nach dem Klo zu suchen, um sich schließlich, verzweifelt und hilflos, in die Hose zu pissen.

Glatzer und Westmoreland melken den Stoff nicht auf sein sentimentales Potenzial hin, und sie enthalten sich, so gut es eben geht, der romantisierenden Abmilderung. Mit ein Grund dafür mag sein, dass das Filmemacher- und Autorenpaar auf eigene Erfahrungen mit unheilbarer Krankheit zurückgreifen kann. Richard Glatzer leidet an ALS, der Amyotrophen Lateralsklerose, einer degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems. ALS kann man sich als umgekehrtes Alzheimer vorstellen; während ALS den Körper zerstört und den Geist intakt lässt, zerstört Alzheimer den Geist und lässt den Körper intakt.

„Kennzeichnend für die Erkrankung ist der langsam fortschreitende Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten“ heißt es auf der Webseite der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Trockene Worte, die Julianne Moore in der Rolle Alice Howlands mit Leben füllt. Für ihre Darstellung einer Frau, die sich allmählich selbst abhanden kommt, wurde Moore mit einer veritablen Preisflut überschüttet, deren Krönung die Auszeichnung mit dem Oscar als Beste Hauptdarstellerin ist. Ihr Spiel ist gefühlvoll und nuanciert, es hält einen Film zusammen, der das Auseinanderdriften der Welt eines Individuums zeigt, in der am Ende nur noch dieses nicht mehr funktionierende Individuum übrig bleibt.

Alzheimer als soziales Stigma

Um das langsame Verlöschen der Hauptfigur herum gruppieren sich die zunehmend überforderten Angehörigen und Freunde: Da ist der von Alec Baldwin dargestellte, wie ein Fels in der Brandung wirkende Ehemann, der schließlich fortgespült wird, und da ist die unstete, wenig verlässlich scheinende Tochter (Kristen Stewart), die sich schließlich als Fels in der Brandung erweist. Keineswegs nebenher erzählt „Still Alice“ auch die Geschichte einer Familie, die mit dem in ihrer Mitte sich ausbreitenden Schwarzen Loch umzugehen versuchen muss.

Dabei dringen Glatzer und Westmoreland in den ebenso befremdlichen wie erschütternd virulenten Bereich des metaphorischen Potenzials von Krankheiten vor und zeigen Alzheimer als soziales Stigma. Niemand wird über die Demenz eine Oper schreiben, so wie Puccini das einst mit „La Bohème“ über die Schwindsucht tat. Tatsächlich sagt Alice einmal: „I wish I had cancer“, und man versteht sofort, was sie damit meint. Nicht nur das ist zum Heulen.

Still Alice – Meine Leben ohne gestern USA 2014. Regie, Drehbuch: Richard Glatzer, Wash Westmoreland, Kamera: Denis Lenoir, Musik: Ilan Eshkeri, Darsteller: Julianne Moore, Kristen Stewart, Alec Baldwin u.a., 101 Minuten, Farbe.


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