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Berliner Zeitung | Filmrezension: Krummrückig in die Zukunft
19. March 2014
http://www.berliner-zeitung.de/3120282
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Filmrezension: Krummrückig in die Zukunft

Sind mit einer Leiche unterwegs: Allan (Robert Gustafsson, l. hinten) und Julius (Iwar Wiklander).

Sind mit einer Leiche unterwegs: Allan (Robert Gustafsson, l. hinten) und Julius (Iwar Wiklander).

Foto:

Concorde

Schnaps und Dynamit – das sind zwei Dinge, auf die Allan Karlsson nicht verzichten mag, die geradezu integraler Bestandteil seines Lebens sind. Wahre Freunde fand er stets im Suff, und seine maßlose Lust an Explosionen jeder Art verhalf ihm zu den entscheidenden Karrieresprüngen. Nitroglyzerin, Uran, Schwarzpulver – Karlsson ist ein Virtuose der kontrollierten Zerstörung. Genauer: Er war einer. Denn als er, inzwischen 99-jährig, versucht, einen Fuchs mit Dynamit zu erledigen, pulverisiert er sein Häuschen und muss fortan im Seniorenzentrum von Malmköping seine Tage fristen. Endstation, sollte man meinen. Aber nicht für Allan.

Im Grunde muss man hier nicht weitererzählen, so bekannt ist die Geschichte von „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Der gleichnamige Roman von Jonas Jonasson wurde allein in Deutschland über zwei Millionen Mal verkauft und führte 32 Wochen die Spiegel-Bestsellerliste an. Die Geschichte des Greises, der dem spaßfreien Alltag der Altenverwahrung entkommen will, deswegen am Tag seines 100. Geburtstags aus dem Fenster klettert, sich auf wackeligen Beinen in Pantoffeln davonmacht, einen Koffer mit 50 Millionen schwedischer Kronen in die Hände bekommt und fortan von einer Handvoll kahlköpfiger, übel fluchender Ganoven sowie bis zur Unglaubwürdigkeit minderbegabter Polizisten verfolgt wird, hat viele begeistert. Die Bühnenversion am Altonaer Theater in Hamburg mit Jörg Schüttauf war ausverkauft. An diesen Erfolg hofft Regisseur Felix Herngren anzuknüpfen. In Schweden ist ihm das bereits gelungen, wo der Film seit Dezember zu sehen ist.

Wahrscheinlich wird das in Deutschland kaum anders sein – obwohl die Geschichte, eine Mischung aus Roadmovie und Krimikomödie, mehr als vorhersehbar ist. In Rückblicken auf Allans langes Leben werden seine aberwitzigen Zufallsbekanntschaften mit einigen der grauslichsten Diktatoren des vergangen Jahrhunderts erzählt. Das ist in seiner gnadenlosen Wiederholung spätestens ab der dritten Begegnung einfach langweilig. Aber das hat ja bereits in der gedruckten Vorlage kaum einen Leser gestört. Zu dieser Vorhersehbarkeit passt denn auch die beschauliche Pippi-Langstrumpf-Ästhetik, in welcher der Regisseur Herngren Schweden mit bunten Holzhäuschen und maulfaulen Menschen bebildert.

Bleibt dennoch die Frage, was um alles in der Welt die Faszination dieser Geschichte ausmacht? Der Film, der sich bis auf einige Kürzungen treu an die Vorlage hält, kann es nicht beantworten. Es ist wohl der schlichte Geist Allans, der zwar selten in Gänze versteht, was um ihn herum geschieht, dessen pragmatische Entscheidungen aber mitunter von erstaunlicher Klugheit sind. „Es ist wie es ist, und es kommt, wie es kommt“, lautet sein Leitsatz. Allan arrangiert sich mit dem, was das Leben ihm bietet, ob im sibirischen Straflager oder im US-Atomlabor. Er macht sich keinen Kopf. Wer hätte nicht gern diese Gelassenheit! Im Grunde sind Allan auch die 50 Millionen Kronen gleichgültig. Reichtum interessiert ihn nicht. Wer kann das schon von sich sagen? Wertvoll ist vielmehr ein Gläschen Hochprozentiger, heruntergestürzt in Gesellschaft eines freundlichen Trinkkumpanen. Diese Einfalt hat ihren Reiz. Warum sonst wäre der Tor, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält, ein so gern wiederholtes Motiv? Tom Hanks etwa konnte als minderbegabter „Forrest Gump“ auch ein Millionenpublikum beglücken.

Darstellerisch kann der schwedische Comedian Robert Gustafsson, der Allan Karlsson in jedem Alter verkörpert, da nicht mithalten. Obwohl seine Körpersprache als Greis beeindruckt. Wie er steif und ungelenk von der Fensterbank klettert und dann krummrückig über den Friedhof davonschlurft, ist bewundernswert lebensecht. In Gustafssons Gesicht dagegen geschieht wenig – und das liegt nicht an den zwei Kilogramm Silikon, die ihm als Faltenlandschaft im Gesicht kleben, wie die Mimik des jungen Allan zeigt.

Zumindest entlässt einen der Film mit einer lebensbejahenden Botschaft: Mit hundert ist längst nicht Schluss. Dazu hätte es aber keine zwei Stunden Kino gebraucht.

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand Schweden 2014. Regie: Felix Herngren, Drehbuch: Felix Herngren, Hans Ingemansson, Kamera: Göran Hallberg, Darsteller: Robert

Gustafsson, Iwar Wiklander, David Wiberg u.a.; 115 Minuten, Farbe. FSK ab 12.