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Finding Vivian Maier: Die Nanny mit der Kamera

Vivian Maier nahm die ihr anvertrauten Kinder mit auf ihre fotografischen Streifzüge durch Chicago, Selbstporträt.

Vivian Maier nahm die ihr anvertrauten Kinder mit auf ihre fotografischen Streifzüge durch Chicago, Selbstporträt.

Foto:

NFP

Im Winter 2007 ersteigert ein junger Mann in einem Auktionshaus in Chicago eine Kiste mit alten Negativen. John Maloof benötigt historische Fotos für ein Projekt an der Universität; er ahnt damals nicht, dass er mit dem staubigen Karton eine Aufgabe gefunden hat, die ihn auf Jahre fasziniert. Doch was heißt hier Aufgabe? Eine Mission! Maloof scannt die Negative ein und findet die Bilder so toll, dass er mit etlichen davon ein Blog bestückt. Über die Fotografin, deren Arbeiten dank den sozialen Netzwerken nun auch andere für großartig halten, kann er indes nichts finden. Google kennt Vivian Maier nicht. Absolut nicht.

Das ist der Beginn einer mehrjährigen Recherche, deren vorläufiges Ende Ausstellungen in der ganzen Welt, Publikationen und dieser Dokumentarfilm bilden. „Finding Vivian Maier“ feierte im Panorama der Berlinale 2014 Premiere; nun kommt der Film in die Kinos. Man sollte ihn keineswegs verpassen – und zwar nicht allein, weil er mit dem originären Werk einer hochinteressanten Frau bekannt macht, sondern weil er das auch auf spannende, seine Form und Herangehensweise reflektierende Weise tut.

Exzentrisch und furchtlos

Exzentrisch, unerschrocken, äußerst zurückgezogen, paradox, geheimnisvoll und geheimniskrämerisch – so wird Vivian Maier charakterisiert von den Menschen, die sie kannten, die ihre Arbeitgeber oder aber Schutzbefohlene waren. Denn die 1926 in New York geborene Vivian Maier verdiente ihr Brot keineswegs als Bildjournalistin oder Künstlerin – sie war vielmehr Kindermädchen und Haushaltshilfe. Das fand John Maloof heraus, als er einem vergilbten Adresszettel in der Kiste mit den vielen Negativen folgte. Doch warum, um Himmels willen, fotografiert ein Kindermädchen derart viel, und warum fotografiert es gerade diese Motive, fragte sich Maloof. Und er fragte sich auch, warum jemand überhaupt so viel fotografiert, wenn er doch seine Bilder keinem zu zeigen gedenkt.

In diesem Film, der in Ko-Regie mit Charlie Siskel gedreht wurde, führen solche Fragen zu immer neuen Entdeckungen und anderen Sichtweisen auf das Objekt der Spurensuche, die dann wieder neue Fragen aufwerfen. Ähnlich wie in Thesen und Gegenthesen ersteht so allmählich das äußerst widersprüchliche und ungeachtet einiger Selbstporträts doch phantomhafte Bild eines Menschen, den der Rechercheur nie persönlich kennenlernen konnte. 2009 starb Vivian Maier, kurz bevor Maloof auch den Rest ihres beträchtlichen Nachlasses, der auf dem Müll landen sollte, rettete. Da kein Museum Interesse zeigte, machte er sich selbst daran, ihn zu ordnen und zu verwerten, um – wie er sagt – „die Künstlerin Vivian Maier wieder sichtbar zu machen“ und „in den Geschichtsbüchern zu verewigen“.

Als Zuschauer nimmt man dem Lokalhistoriker Maloof den irgendwie ur-amerikanischen Enthusiasmus ab – mit einem gewissen Erstaunen über dessen Unermüdlichkeit. Aber anders hätte der Mann wohl kaum durchgehalten. Im Prozess der Erforschung und Musealisierung von Maiers Werk werden indes auch einstige Annahmen zur Person widerlegt durch bislang nicht öffentlich gewordene Erinnerungen an diese Frau. Vivian Maier mag exzentrisch, paradox sowie geheimnisvoll gewesen sein und äußerst auf ihre Privatsphäre bedacht, aber sie war zugleich paranoid, sozial schwierig und gelegentlich sogar grausam gegenüber den Kindern, die sie betreute. Dass sie offenbar selbst einmal Opfer furchtbarer Gewalt geworden ist – sie hatte panische Angst vor Berührungen und Männern –, wird im Film keineswegs als Entschuldigung benutzt. Es fügt ihrem Porträt vielmehr nur eine Facette hinzu.

Selbstporträts mit der Kamera zeigen Vivian Maier als sehr groß gewachsene, so ernst wie distanziert wirkende und vorbehaltlich beobachtende Frau mit kurzem dunklen Haar. Sie sprach mit einem leichten französischen Akzent, den Linguisten für manieriert, antrainiert halten. Tatsächlich stammten ihre Vorfahren aus den französischen Alpen, aber Vivian Maier wurde ja in den USA geboren.

Zärtlich und komisch

Aber was sagt das schon über ihr Werk? Etwa über das Schwarz-Weiß-Foto einer alten, vogeläugigen Dame im Pelz. Über die Momentaufnahme eines dösenden Paars im Zug. Über die Bilder vom Hund mit der eingegipsten Pfote, vom Säufer mit der Bierdose im Slum. Über das Bild der schwarzen Kinder mit den Mickey-Mouse-Ohren aus Plastik. Es sagt wenig oder sogar nichts. Und so bildet denn auch das Werk das Zentrum dieses Films, alles andere bleibt Näherungsversuch. Die Fotografien von Vivian Maier beweisen einen besonderen Blick für das Bizarre, Düstere, Dissonante in der Welt, für die Tragödie – aber sie sind zugleich voller Humor und Zärtlichkeit für alle Kreatur, die Geschöpfe.

Und auch diese Fragen verhandelt der Film: Wie gut kann man jemanden kennenlernen? Und ist es überhaupt angemessen, das Leben eines Menschen, der so viel Wert auf seine Privatheit legte, ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren? Vivian Maier hat nichts weggeworfen, sondern alles hinterlassen: Unzählige Kisten – voller Kleidungsstücke, Hüte, Super-8-Filme, Zähne, von ihr selbst besprochene Tonbandkassetten, Andenken, nicht eingelöste Rückzahlungsschecks vom Finanzamt… Ihr ganzes Leben hat sie aufbewahrt in Kartons. Sie war ein Messie. Ein getriebener Mensch. Und eine Künstlerin, die nichts vernichtete, sondern etwas hinterließ – vielleicht damit man sie nicht vergisst. Auch das erzählt der Film: eine Geschichte vom späten Ruhm.

Finding Vivian Maier USA 2014. Drehbuch & Regie: John Maloof, Charlie Siskel, Kamera: John Maloof. 100 Minuten, Farbe & Schwarz-Weiß. FSK o.A.