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Forum: Überleben im Schnellzug

Von links: Tilda Swinton, Chris Evans, Luke Pasqualino, Song Kang-ho, Ko Asung.

Von links: Tilda Swinton, Chris Evans, Luke Pasqualino, Song Kang-ho, Ko Asung.

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Courtesy of Snowpiercer Ltd

In der Geschichte der Zivilisationsbrüche des 20. Jahrhunderts fällt der Eisenbahn eine wichtige, verheerende Rolle zu. Während sie in Europa Assoziationen zur Deportation der Juden weckt, symbolisiert sie in Korea die Barbarei der japanischen Besatzer. Bong Joon-hos neuer Film „Snowpiercer“ spielt zwar in der Zukunft – die historischen Traumata bilden jedoch seine unentrinnbare Grundierung.

Nachdem eine neue Eiszeit ausgebrochen ist, haben die Überlebenden Zuflucht in einem Schnellzug gefunden, der unaufhörlich um den Globus rast. Diese letzte Hoffnung der Menschheit ist ein Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die elenden Passagiere des hinteren Zugteils sind zusammengepfercht wie in einem KZ; einer der Aufseher ist ein japanischer Offizier: Joon-ho versteht es, Actionfilmen eine zweite Ebene der Parabel einzuziehen. Im Zug herrscht ein rabiates Gleichgewicht aus Mangel und Luxus. Wie sich 17 Jahre nach der Katastrophe noch immer die Versorgung sichern lässt, erklärt der Film auf einfallsreiche Weise.

Als filmischer Mikrokosmos funktioniert die Mehrklassengesellschaft prächtig, als Allegorie steht sie auf wackligen Beinen, da die Unterprivilegierten keine Arbeitskraft darstellen, die man noch ausbeuten könnte. Eine Revolte bricht aus, deren Anführer an der Spitze des Zuges die Macht an sich reißen wollen.

Gekürzt für den US-Markt

In einem Zug gibt es weder Umwege noch Fluchtmöglichkeiten – die dramaturgische Bewegung des Films ist also linear. Und voller blutrünstiger Hindernisse! Aber wie rasant der Regisseur die Kurven in Szene setzt! Trotz seiner prominenten Besetzung (Chris Evans, John Hurt, Ed Harris) ist „Snowpiercer“ kein handelsüblicher Blockbuster, sondern ein forsch getarnter Autorenfilm. Der Erzählton ist empfänglich für grimmige Situationskomik und satirischen Furor. Tilda Swinton legt ihre Rolle als eine Maggie Thatcher an, die sich in den Dienst stalinistischer Umerziehung stellt.

Der Pessimismus, mit dem Joon-ho Demagogie und politische Heilsversprechen reflektiert, war Harvey Weinstein, der die Rechte für den englischsprachigen Raum erwarb, zu komplex. Das mochte er dem US-Publikum nicht zumuten! Also ließ er den Film um 20 Minuten kürzen. Auf der Berlinale ist der Film so zu sehen, wie sein Regisseur es wollte. 10 Millionen südkoreanische Zuschauerhaben ihn auch verstanden.

Snowpiercer (Seolguk-yeolcha): 7.2.: 18,30 Uhr, Cinestar 8; 8.2.: 22.15 Uhr, Cubix 9


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