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Fraktus im Kino: Ohne sie hätte es Techno nie gegeben

Radikal im Raucherbereich: Dickie Schubert (Rocko Schamoni).

Radikal im Raucherbereich: Dickie Schubert (Rocko Schamoni).

Foto:

pandora/corazòn

Berlin -

Sie gehören zu den großen Legenden der elektronischen Musik. Ohne sie wäre die Revolution von Techno und Tekkno, Teckno und Tekcno, Electric Body Music und Electronic Hardcore Rave Rhythm Blast Beat Ende der 1980er-Jahre nicht denkbar gewesen. Sie kamen aus Brunsbüttel am radioaktiv kontaminierten Unterlauf der Oberelbe unweit von Hamburg und eroberten die gesamte Welt.

Mit Liedern wie „Supergau“ und „Affe sucht Liebe“ aus dem Jahr 1982 schrieben Dickie Schubert, Bernd Wand und Torsten Bage, die unter dem Namen Fraktus musizierten, Musikgeschichte. Ihr ästhetischer Minimalismus war radikal, und mit Liedern wie „7353=057“ übten sie bitterböse Kritik am selbstzerstörerischen Hedonismus der entpolitisierten Post-Punk-Generation.

Doch dann brannte bei einem ihrer Konzerte im Jahr 1983 die Hamburger Konzerthalle Turbine nieder und wurde sogleich durch ein mehrgeschossiges Parkhaus ersetzt, und Fraktus versanken in der Vergessenheit. Die drei Mitglieder Schubert, Bage und Wand verstreuten sich in alle Winde und sprachen nie wieder ein Wort miteinander. Bis zu dem Tag, an dem sich ihr größter Fan Roger Dettner – inzwischen Produktmanager bei der international operierenden Tonträgerfirma Award Records – auf den Weg machte, um sie aufzustöbern und zu einer lange überfälligen Reunion zu bewegen.

Ein wunderbarer Dokumentarfilm begleitet Dettner auf seiner langen Reise dorthin. In dem pausbäckigen Überzeugungstäter mit der unreinen Haut, den man sich wie den Fernsehkommissar Devid Striesow mit Musikgeschmack vorstellen kann, treffen wir auf einen Mann mit einer Mission, der für seine Liebe zu Fraktus viel aufzugeben bereit ist. In einer der emotional stärksten Szenen des Film werden wir zum Beispiel zu Zeugen dabei, wie er seine hochschwangere Ehefrau Sabine „Lutschi“ Dettner eines Morgens in ihrem verklinkerten Reihenhaus liegen lässt, um sich auf die Fährte seiner Idole zu begeben.

Klug montierte Fraktus-Bewunderung

Und es sind nicht nur seine Idole! In klug montierten Interviewpassagen im Stil kulturhistorischer Dokumentationen von Guido Knopp oder dem MTV History Channel sieht man prominente Figuren der Popgeschichte beim Bekenntnis zur Fraktus-Bewunderung: HP Baxxter und Dieter Meier, Marusha und Jan Delay. Peter Illmann von der Sendung „Formel Eins“, in der Fraktus zum ersten Mal im Fernsehen auftraten, rühmt ihre prägende Performance-Kunst. Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten erzählt, wie sein Hang zum Selberbasteln von Instrumenten durch Fraktus ausgelöst wurde; schon früh nutzten sie ja eigenkreierte Geräte wie die Lichtmangel oder den elektrischen Dudelsack „Roedelius“.

Ja, wirklich, die Welt wartet auf ein Comeback dieser Band. Aber bis es soweit ist, muss Roger Dettner viel Überzeugungsarbeit leisten und drei äußerst ungleiche Charaktere zusammen bringen. Torsten Bage führt inzwischen ein Luxusleben als Mainstream-Rave-Pop-Produzent auf Ibiza; mit Hits wie „Geilianer“ hat er Millionen verdient.

Dickie Schubert hingegen betreibt in Hamburg ein Internetcafé namens „Surf’n’Schlurf“ samt angeschlossener türkischer Bäckerei, während Bernd Wand – „das wahre Genie hinter Fraktus“ (MTV-Legende Steve Blame) – in das Optikerfachgeschäft seiner Eltern Klaus und Renate Wand eingestiegen ist; mit ihnen betreibt er auch die Band Fraktus 2, deren Durchbruch indes immer wieder dadurch verzögert wird, dass Wand unter seltenen Krankheiten wie entzündeten Milzbacken oder Kongozunge zu leiden glaubt.

Der Regisseur Lars Jessen (bekannt durch „Dorfpunks“ oder „Am Tag, als Bobby Ewing starb“) hat Fraktus auf dem steinigen Weg in den zweiten Frühling begleitet; ein eindrucksvolles Werk mit sympathischen Hauptdarstellern, deren Physiognomien von fern an die Hamburger Blödelbarden Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger erinnern. Aber das ist natürlich nur ein Zufall, denn Fraktus sind echte Charaktertypen, wie man jetzt auch auf ihrer glücklich zustande gekommenen Reuniontournee nachprüfen kann.

25 Jahre lang haben wir darauf gewartet, dass ihre größten Hits wieder erklingen. Jetzt ist es endlich soweit: „Affe sucht Liebe / Affe sucht Halt / Affe sucht Wärme / sonst wird Affe kalt“!

Fraktus – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte Dtl. 2012. Regie: Lars Jessen.

Musik: Fraktus. 95 Minuten, Farbe.

Das Album „Fraktus – Millennium Edition“ ist bei Staatsakt/Rough Trade erschienen.


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