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Inside Wikileaks - Die fünfte Gewalt: „Ein sehr perfider Propagandafilm“

Moderne Menschen bei der Arbeit: Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl, l.) und Julian Assange (Benedict Cumberbatch).

Moderne Menschen bei der Arbeit: Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl, l.) und Julian Assange (Benedict Cumberbatch).

Foto:

Constantin

Bei einer Veranstaltung des Chaos Computer Clubs in Berlin lernt Julian Assange 2007 den Informatiker Daniel Domscheit-Berg kennen. Der hilft dem Australier, seine Idee eines Enthüllungsinternetportals zu verwirklichen. Wikileaks sorgt bald für Schlagzeilen mit geheimen US-Dokumenten. In seinem Spielfilm „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ erzählt der amerikanische Regisseur Bill Condon die Geschichte von Wikileaks als Politthriller. Neben den politischen Fakten rückt hier aber die Geschichte einer Freundschaft und ihres Scheiterns in den Mittelpunkt.

Für die Berliner Zeitung hat sich der Berliner IT-Sicherheitsexperte Andy Müller-Maguhn „Inside Wikileaks“ angesehen. Im Interview erklärt er, wieso er den Spielfilm für gefährlich hält.

Herr Müller-Maguhn, Sie treffen sich regelmäßig mit Julian Assange und haben mit ihm ein Buch über Freiheit und die Zukunft des Internets veröffentlicht. Haben Sie Assange in dem Film „Inside Wikileaks“ wiedererkannt?

Es gibt ein, zwei Ausdrucksweisen und Gesten von Assange, die der Schauspieler Benedict Cumberbatch sehr authentisch darstellt. Aber ansonsten starrt Julian Assange in dem Film ja nahezu die ganze Zeit mit halboffenem Mund durch die Gegend. Er wird hier zur Karikatur eines autistischen Psychopathen mit glasigem Blick gemacht. Das hat mit dem realen Assange einfach nichts zu tun. Auch die Darstellung von Daniel Domscheit-Berg hat übrigens wenig mit der Realität gemein. Im Film wird er als der nette Typ gezeigt, der um die Verantwortung von Wikileaks besorgt ist. Das war nie seine Rolle, und darum ging es auch nicht in der Auseinandersetzung zwischen Assange und Domscheit-Berg.

Sie haben damals im realen Konflikt zwischen Domscheit-Berg mit Assange vermittelt. Was steckte hinter dem Streit?

Dass Domscheit-Berg sich mit Assange überworfen hat, lag vor allem daran, dass er massiv überfordert war mit dem Druck, den es auf Wikileaks nach den Veröffentlichungen der Geheimdokumente gab. Anders als im Film dargestellt, war er bei den späteren wichtigen Wikileaks-Veröffentlichungen gar nicht mehr dabei. Stattdessen hat er ein Buch geschrieben, dessen unpolitische Perspektive der Film leider übernimmt. Da stehen die persönlichen Befindlichkeiten im Vordergrund und wie oft Assange sich rasiert oder sein Hemd wechselt. Das ist völlig grotesk angesichts der Inhalte der Wikileaks-Enthüllungen – also illegale Todeslisten, Folter und andere massive Rechtsverstöße. Dafür interessiert sich auch der Film kaum.

In einem Statement von Wikileaks wird der Film von Bill Condon als unverantwortlich, kontraproduktiv und schädlich bezeichnet. Ist das nicht etwas übertrieben?

Ich denke nicht. Was den Film gefährlich macht, ist, dass er fiktive Ereignisse mit realen Videomitschnitten vermengt, etwa von Wikileaks veröffentlichtes Videomaterial, Nachrichtenbeiträge und Politiker-Statements. Die erfunden Handlungen zielen dabei fast immer darauf ab, Assange zu diffamieren.

Bei aller Kritik an der Einseitigkeit dieses Films: Es ist eben ein Hollywood-Film und keine Dokumentation.

Klar. Aber das Problem ist, dass der Film gerade beansprucht, sehr authentisch zu wirken, indem er auf Original-Videomaterial zurückgreift, das Kinogänger aus den Medien kennen. Dadurch entsteht zwangsläufig die Assoziation, dass die Handlung real ist. Der Film prägt das reale Bild der Akteure. Und das Ganze passiert ja nicht in einem historischen Vakuum.

Wie meinen Sie das?

Es ist klar, dass gegen Assange in den USA eine Anklage vorbereitet wird. Und Wikileaks ist ja auch an den Snowden-Enthüllungen beteiligt und unterstützte Edward Snowdens Flucht nach Moskau. Wenn Julian Assange nun vielleicht morgen über neue Snowden-Enthüllungen spricht, werden viele denken: Ah, das ist ja dieser durchgeknallte Brite, der sich die Haare weiß färbt und aus einer Sekte kommt – was übrigens auch beides nicht stimmt.

Als Person der Zeitgeschichte muss sich Assange sicherlich gefallen lassen, dass er auch Gegenstand von Filmen wird. Aber es ist schon mehr als grenzwertig, wenn zum Beispiel im Abspann behauptet wird, dass Assange zunächst abgestritten hätte, die schwedischen Frauen auch nur gekannt zu haben, die ihm sexuelle Nötigung vorwerfen. Das stimmt nicht. Die Behauptung soll ihn offensichtlich diffamieren.

Die Vermischung zwischen Realität und Fiktion wird dadurch verstärkt, dass die vierte Wand durchbrochen wird: Am Ende von „Inside Wikileaks“ kritisiert die Filmfigur Assange mit leicht abgewandelten Zitaten des echten Julian Assange den Film.

Das ist eine extrem geschickte Art und Weise, Assange die Möglichkeit zu nehmen, sich selbst zu äußern. Denn wenn der reale Julian Assange nun den Film kritisiert, verstärkt er zugleich den Eindruck, der Film sei authentisch. Das ist ein Mechanismus, mit dem sich der Film gegen Kritik zu immunisieren versucht. Man kann schon sagen, dass es ein sehr perfider Propagandafilm ist.

Was sehen Sie als die Agenda des Films? Bemüht er sich nicht auch, die Konflikte innerhalb von Wikileaks darzustellen?

Dieser Film nimmt sich zwar viel Zeit, das Dilemma von Wikileaks zu beschreiben, dass die Aufhebung von Geheimhaltung auch Menschen in Gefahr bringen kann und es daher berechtigt sein kann, nicht alles öffentlich zu machen. Die Botschaft des Films ist aber letztlich, dass die Geheimhaltung durch Regierungen sinnvoll ist. Dazu wird in dem Plot extra ein fiktiver Handlungsstrang eingebaut, in dem eine libysche Familie durch die Wikileaks-Veröffentlichungen bedroht ist. Auch die Regierungsbeamten werden ja so dargestellt, als ob es ihnen nur um den Schutz der Quellen geht. Wie hingegen Druck auf Medien ausgeübt wird, nicht zu veröffentlichen – das bleibt völlig ausgeblendet. Dabei ist genau das Versagen der etablierten Medien ein Grund für die Entstehung und enorme Wirkung von Wikileaks. Das „Collateral Murder“-Video, das Wikileaks bekannt machte und in dem der Mord an Reuters-Journalisten durch US-Soldaten gezeigt wird, lag der Tageszeitung Washington Post lange vor Wikileaks vor, und sie hat es nicht veröffentlicht. Der Film appelliert subtil daran, anzuerkennen, dass Geheimhaltung notwendig ist und diejenigen den Terroristen helfen, die solche Geheimdokumente öffentlich machen.

Auch Medien wie die britische Tageszeitung Guardian, die an den Snowden-Enthüllungen beteiligt waren, wird vorgeworfen, die nationale Sicherheit zu gefährden und Terroristen zu helfen. Ändern die Snowden-Enthüllungen unsere Perspektive auf den Film, der ja vorher schon abgedreht war?

Ich glaube, ein Stück weit ist der Film von der Realität der Snowden-Enthüllungen eingeholt worden. Man sieht, dass die Wikileaks-Geschichte nicht zu Ende ist, wie der Film suggeriert. Und die Snowden-Enthüllungen machen ja sehr deutlich, dass es mehr Transparenz in Regierungsaktivitäten braucht – nicht weniger.

Das Gespräch führte Jonas Rest.

Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt: USA 2013. Regie: Bill Condon, Drehbuch: Josh Singer, nach der Buchvorlage von Daniel Domscheit-Berg, David Leigh, Luke Harding, Kamera: Tobias Schliessler, Darsteller: Benedict Cumberbatch (Julian Assange), Daniel Brühl (Daniel Domscheit-Berg), Alicia Vikander (Anke) u.a.; 128 Minuten, Farbe. FSK ab 12. Ab 31. Oktober 2013 im Kino.