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Interview: „Ich habe mich nie prostituiert"

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Die Schauspielerei wurde Julie Delpy schon in die Wiege gelegt.

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REUTERS

Julie Delpy hat einen Arbeitstag aus ihrem Geburtstag gemacht, sie ist in Berlin und gibt Interviews. Kurz nach 14 Uhr betritt sie ihr Zimmer im Hotel Grand Hyatt, sie trägt einen grauen Pullover, graue Jeans und schwarze Stiefel. Delpy, Regisseurin, Schauspielerin und seit ihrem 14. Lebensjahr in Los Angeles lebende Französin, ist gut gelaunt, fast ein wenig aufgekratzt. Ihre wachen, dunkelblauen Augen werden von einer dicken, schwarzen Brille umrahmt.

Madame Delpy, Sie waren gerade mit Regisseur Volker Schlöndorff Mittagessen. Machen Sie etwa einen neuen Film mit ihm?

Nein, das war ein rein freundschaftliches Treffen. Wir kennen uns seit Anfang der Neunzigerjahre, als wir zusammen „Homo Faber“ gemacht haben. Und da wir uns sehr mögen und schätzen, haben wir uns in all den Jahren nicht aus den Augen verloren.

Halten Sie zu vielen Regisseuren oder Schauspielern Kontakt?

Ja, da gibt es schon einige. Wenn ich in Berlin bin, treffe ich mich auch sehr gerne mit Daniel Brühl, der in zweien meiner Filme mitspielte. Und wenn ich in New York bin, sehe ich natürlich Ethan Hawke. Von meinen Freunden und Bekannten in Paris ganz zu schweigen.

Sie spielen in „Lolo – Drei ist einer zu viel“, der in Deutschland nun anläuft, nicht nur eine Hauptrolle, sondern haben auch das Drehbuch geschrieben. Hat diese Ödipus-Geschichte einen autobiografischen Ansatz?

Nein, überhaupt nicht. Dass mein Sohn meinen neuen Liebhaber verdrängen will – dafür ist mein Sohn Leo mit seinen sieben Jahren noch etwas zu jung. Aber vielleicht passiert das ja später mal. Die Idee zu diesem Film kam mir, als ich mir über verschiedene Themen ernsthaft Gedanken gemacht habe. Ich wollte wissen, wie es ist, als alleinerziehende Mutter mit einem Sohn im Teenager-Alter zusammenzuleben. Und wie er darauf reagiert, wenn sich seine Mutter neu verliebt und mit dem Partner dann auch noch eine enge Beziehung eingeht. Außerdem hat mich interessiert, wie Frauen, die sich fast nur über ihre Arbeit definieren, privat so ticken.

Nie über Karriere definiert

Wie steht es da mit Ihnen? Haben Sie sich jemals über Ihre Karriere definiert?

Absolut nicht. Mein Privatleben war mir immer genauso wichtig – wenn nicht wichtiger. Nein, der Film ist ein Gedankenspiel und hat mit meinem wirklichen Leben nichts zu tun. Abgesehen davon bin ich seit letztem Jahr glücklich verheiratet. Ein anderer wichtiger Punkt, warum ich „Lolo“ gemacht habe, war, weil ich mich lustig machen wollte über diese kleinen manipulativen Soziopathen, wie Lolo, mein Filmsohn, einer ist. In meinem Bekanntenkreis gibt es davon einige Exemplare.

Haben Sie einen Masterplan in Sachen Erziehung?

Die große Überschrift über meinem ganz persönlichen Masterplan lautet: Wie schaffe ich es, mein Kind nicht zu verderben, sondern es zu einem liebenswerten, empathischen, intelligenten und sich selbst tragenden Menschen zu erziehen?

Und – schaffen Sie das?

Ich erziehe ihn mit sehr viel Liebe. Leo ist der einzige Mensch auf der Welt, den ich von ganzem Herzen und total selbstlos liebe. Dabei bemühe ich mich, immer die richtige Balance zu finden. Er soll sich zwar geliebt fühlen, aber nicht denken, er sei der König der Welt.

Wie war denn Ihre Erziehung? Waren Ihre Eltern streng, oder haben sie Ihnen viel durchgehen lassen?

Meine Eltern waren sehr liebevoll und haben mich immer unterstützt. Und sie haben mir letztlich auch die Freiheit gelassen, mich selbst auszuprobieren. Wofür ich ihnen sehr dankbar bin. Aber man muss als Eltern auch aufpassen, was man zu seinen Kindern sagt. Denn das kann einen großen Eindruck auf sie machen – und sie fürs Leben prägen.

Orientierung nach oben

Erinnern Sie sich noch an so einen Satz?

Oh ja! Der kam von meinem Vater. Sie müssen wissen, dass ich immer sehr gut in der Schule war. Aber ich war nie die Beste in der Klasse. Vielleicht die Nummer sieben von 30. Und eines Tages sagte mein Vater zu seiner stolzen Tochter: „Orientiere dich nie an denen, die schlechter sind, sondern an denen, die besser sind als du.“ Das saß. Und diese Neigung, mich mit anderen zu vergleichen, um dann möglichst besser zu sein, die ist mir bis heute geblieben. Wenn ich etwas erreicht und es gut gemacht habe, dann bin ich durchaus stolz auf mich – vielleicht für fünf Minuten. Aber dann denke ich sofort: Ich hätte es doch noch viel besser machen können.

Immer mehr zu wollen, kann doch auch ein Zeichen von Kreativität sein.

Gut, dass Sie das sagen. Das sehe ich nämlich auch so. Man darf sich von diesen Ambitionen nur nicht auffressen lassen.

„Ich bin keine Opportunistin"

Als Schauspielerin muss man sich beim Casting auch gegen Konkurrenten durchsetzen. Haben Sie schon mal eine Ihrer Mitbewerberinnen die Treppe hinuntergestoßen …

… damit sie sich die Beine bricht und ich die Rolle bekomme? Um Himmels Willen – nein! Wir sind ja nicht im Film „Showgirls“. Ich war gegenüber meinen Kolleginnen nie hinterhältig oder gar grausam. Ich bin aber auch keine Opportunistin – wie viele in der Branche. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Vor einiger Zeit wurde mir von einem Hollywood-Studio die Regie zu einem Film angeboten. Ich fand das Projekt interessant und sagte zu. Einige Tage später hörte ich zufällig, dass diese Regiearbeit zuerst einer Freundin von mir angeboten worden war, man sie aber gefeuert hatte. Als ich das erfuhr, habe ich den Job abgelehnt.

Ein seltener Fall von Loyalität.

Ja, aber die Pointe kommt noch: Meine Freundin ist bis heute sauer auf mich und denkt, dass sie wegen mir gefeuert wurde, und ich ihr den Job wegschnappen wollte.

Eine nette Freundin.

Nein, sie ist keine gute Freundin. Und ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass sie den Job sofort angenommen hätte, wenn es umgekehrt gelaufen wäre. Aber das ist überhaupt nicht mein Ding. Ich respektiere nämlich meine Kollegen.

Waren Sie selbst schon Opfer von Intrigen?

Oh ja. Da könnte ich Ihnen Geschichten erzählen …

Bitte gern – ich bin ganz Ohr.

Lieber nicht. Da muss ich vorsichtig sein. Ich hänge mich nämlich gerne viel zu weit aus dem Fenster. Verstehen Sie mich nicht falsch: Auch ich will Erfolg haben! Aber den will ich mir durch mein Können und durch harte Arbeit verdienen. Und nicht durch Arschkriecherei oder auf Kosten von jemand anderem. Das wäre dann auch kein Erfolg für mich.

Definieren Sie doch bitte mal Erfolg.

Erfolg ist eine Mischung vieler Komponenten. Da kommt es für mich nicht nur auf die künstlerische, sondern auch sehr auf die soziale Kompetenz an. Mein Ehemann hat erst gestern gesagt: „Julie, du bist ein Erfolg. Du bist gut im Regie führen, gut als Schauspielerin, als Drehbuchautorin, als Musikerin und Sängerin. Du bist auch eine großartige Mutter, ein sehr guter Freund, eine tolle Köchin und fantastisch im Bett.“ Nein, im Ernst – Erfolg ist für mich auf jeden Fall nicht, ein Superstar im Job zu sein, aber ein beschissenes Privatleben haben.

Sie leben seit über 20 Jahren in Los Angeles. Warum eigentlich immer noch?

Wegen meines Sohnes, damit er seinem leiblichen Vater nahe sein kann. Sonst wäre ich schon längst weg. In Los Angeles herrscht ein ziemlich ungesundes Klima. Da geht es doch eigentlich fast immer nur darum, die Rolle zu kriegen, den Film zu machen, Erfolg zu haben und dabei möglichst viel Geld zu scheffeln.

Haben Sie eigentlich schon mal sexuellen Avancen nachgegeben, um eine Filmrolle zu bekommen?

Nein, noch nie! Aber ich kenne viele Schauspielerinnen, die genau das getan haben. Eindeutige Angebote habe ich allerdings – leider – sehr viele bekommen. Vor allem in Frankreich. Das fing schon beim Vorsprechen an. Da gab es Regisseure, die in ihrer Selbstherrlichkeit vollkommen davon überzeugt waren, dass jede Schauspielerin für eine Rolle mit ihnen ins Bett gehen würde. Da ich da nicht mitspielte, wurde ich ziemlich schnell ziemlich unpopulär. Das war auch einer der Gründe, warum ich aus Frankreich weg bin und zum Beispiel mit Volker Schlöndorff „Homo Faber“ gedreht habe. Volker hat mich voll und ganz respektiert und ist überhaupt ein ganz wunderbarer Mensch.

„Das finde ich total krank"

Aber die berühmte Besetzungs-Couch gibt es auch in Hollywood.

Sicher. Vor allem, wenn man ins Filmgeschäft einsteigen will. Googeln Sie mal im Internet „first auditions“. Was da vor der Kamera geflirtet wird. Wie man da versucht, den Regisseur zu verführen, sich oft sogar auszieht, das finde ich total krank. Ich kenne viele Schauspielerinnen, die Rollen bekamen, weil sie mit dem Regisseur geschlafen haben. Es gibt da eine ziemlich berühmte französische Schauspielerin, die wird hinter ihrem Rücken von allen nur „autoroute“ genannt, Schnellstraße.

Wer das ist, möchten Sie vermutlich nicht sagen, oder?

Nein, zumindest nicht öffentlich. Natürlich gibt es gerade auch in Hollywood den Deal: Sex für eine Rolle. Ich war mal eine Weile mit einem Zuhälter aus Los Angeles befreundet, der mir ganz unglaubliche Geschichten aus der Filmszene erzählt hat. Ich sage nur so viel: Einige der größten Hollywood-Stars haben als Call-Girls angefangen …

Und Sie haben wirklich nie während Dreharbeiten mit dem Regisseur geschlafen?

Nein, ich habe mich nie prostituiert. Ich bin viel lieber mit dem Kabelträger, dem Tontechniker, dem Beleuchter oder dem Typen, der die Filmklappe schlägt, ins Bett gegangen, wenn er mir gefallen hat. Aber machen wir uns nichts vor: Korruption, Machtmissbrauch, Leute manipulieren – das gibt es überall. In der Politik, in der Wirtschaft und freilich auch im Filmbusiness. Aber das ist nicht meine Welt. Da versuche ich, mich herauszuhalten. Für mich ist künstlerische Integrität wichtig. Und die bekommt man durch harte Arbeit, Durchhaltevermögen und ein bisschen Glück. Und bisher konnte ich immer noch das Geld für meine Filme zusammenkratzen.

Da scheinen Sie einen guten Agenten zu haben.

Machen Sie Witze? Durch meinen Agenten habe ich noch nie einen Film realisiert bekommen. Im Gegenteil. Ich habe das sichere Gefühl, dass er nicht für, sondern gegen mich arbeitet.

Warum trennen Sie sich nicht von diesem Agenten?

Wenn ich ihn feuere, würde er aus Rache noch mehr gegen mich intrigieren. Es ist zwar schlecht, so wie es ist – aber es könnte noch viel schlechter werden. So halte ich ihn wenigstens in Schach. In Hollywood ist es ratsam, lieber einen kleinen als einen großen Feind zu haben. Okay, ich übertreibe jetzt ein bisschen, aber nicht viel.

„Die Darth Vaders aus Hollywood"

Das klingt ja schwer nach Machiavelli …

Machiavelli ist ein Waisenknabe gehen die Darth Vaders von Hollywood. In Hollywood geht es nicht darum, Leute aufzubauen, sondern darum, sie abzuschießen. Das ist das Spiel. Und wenn man sich entschieden hat, es mitzuspielen, muss man vor allem aufpassen, dass man nicht unter die Räder kommt. Das ist wie Tangotanzen in einem Tretminenfeld.

Es ist sehr erfrischend, sich mit Ihnen zu unterhalten.

Okay, reden wir von etwas anderem.

Ach, bleiben wir doch noch ein bisschen bei Hollywood. Wie erklären Sie sich, dass es für viele Filmschaffende nach wie vor das große Traumziel ist?

Hollywood ist ein gigantisches Monster, das hochoriginelle, alternative Künstler und Kreative aus der ganzen Welt magisch anzieht, sie sich einverleibt und als stromlinienförmige Disney-Figuren wieder ausspuckt. Hollywood gibt den coolsten Filmemachern die Möglichkeit, Filme zu machen – mit dem Ziel, sie zu brechen. Verrückt, nicht?

Sie wurden offensichtlich nicht gebrochen.

Nein, aber es ist verdammt hart, dort einen Film zu machen, der eine eigene Handschrift hat. Ich kann mir diese künstlerische Integrität auch nur deshalb bewahren, weil ich meine Filme alle selbst finanziere. Denn wenn ein Hollywood-Studio Millionen Dollar in einen Film investiert, dann wollen sie die absolute Kontrolle haben. Aber nicht mit mir! Ich hasse es, wenn man versucht, mich zu manipulieren. Und natürlich gibt es auch dort eine Handvoll aufrechte Filmemacher. Man muss sie sich nur sorgfältig aussuchen.

Regisseurinnen werden benachteiligt

Wen denn zum Beispiel?

Ich denke dabei an Regisseure wie Jim Jarmusch oder Richard Linklater. Das sind Menschen, die meinen Verstand schätzen und mein Talent als Schauspielerin. Natürlich kommen aus Hollywood auch gute Filme. Und Filme, die bei einem gewissen Publikum sehr erfolgreich sind. Das kritisiere ich gar nicht. Jeder soll sich das anschauen, was er mag. Nehmen wir nur mal meinen Sohn. Der hat unlängst zu mir gesagt: „Mami, warum machst du immer nur Filme, in denen so viel gesprochen wird? Führ doch lieber mal bei ‚Star Wars‘ Regie!“

Was haben Sie ihm geantwortet?

Ich habe gelacht. Aber höchstwahrscheinlich könnte ich tatsächlich bei einem „Star Wars“-Film die Regie übernehmen. Und was die Qualität angeht, würde die sich wahrscheinlich sogar verbessern. Das klingt jetzt vielleicht vermessen, ist es aber nicht. Bei solchen riesigen Blockbuster-Movies hat man eine Million Leute, die dem Regisseur zuarbeiten. Allein die vielen Leute für die Spezialeffekte. Als Regisseur braucht man für den ganzen Film vielleicht zehn Ideen. Das Problem liegt ganz woanders: Niemand würde je einer Frau die Regie für so einen Film anvertrauen. Das ist ein reiner Männer-Club.

Sie haben kürzlich in so einem Blockbuster-Film mitgespielt, nämlich in „Avengers: Age of Ultron“. Wie geht das zusammen?

Ach, ein paar von diesen Comic-Verfilmungen gefallen mir sogar, wie zum Beispiel „Captain America“. Den fand ich vor allem witzig und gut geschrieben. Also rief ich meinen Agenten an – der mich nie zurückruft – und sagte ihm, dass ich jetzt langsam in dem Alter bin, in dem ich durchaus die Böse in einem Superhelden-Film spielen könnte. Irgendwie haben sie bei Marvel davon Wind bekommen und mich als Madame B besetzt. Sie ist eine ganz, ganz Böse, die Mädchen zu Killern ausbildet. Es war nur eine Mini-Rolle, hat aber Spaß gemacht.

In letzter Zeit haben sich Filmstars wie Jennifer Lawrence, Patricia Arquette, Sandra Bullock und Kate Winslet darüber beklagt, dass sie für die gleiche Arbeit viel weniger Geld bekommen als ihre männlichen Kollegen. Was meinen Sie zu diesem „Gender Pay Gap“?

Ach, die bekommen doch immer noch Millionen Dollar pro Film. Natürlich bin ich für gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit. Wissen Sie, dass ich bei „Before Sunrise“ etwa zehn Prozent der Gage von Ethan Hawke bekommen habe? Bei „Sunset“, der Fortsetzung knapp zehn Jahre später, war es immerhin die Hälfte. Und bei „Midnight“, dem dritten Teil, habe ich gesagt, ich will genau so viel, sonst mache ich den Film nicht. Was mich aber viel mehr aufregt, ist, dass Frauen in Hollywood nicht die gleichen Rechte als Regisseurinnen bekommen wie ihre männlichen Kollegen.

Können Sie das belegen?

Das ist mir selbst passiert. Hier ein Beispiel: 2007 kam mein Film „2 Tage Paris“ in die Kinos. Zur selben Zeit kam ein Film heraus, bei dem ein Mann Regie führte – ich sage nicht, wer. Er machte vielleicht zehn Prozent des Umsatzes, den mein Film machte. Beide Filme wurden vom Publikum sehr gut aufgenommen und bekamen gute Kritiken. Dem jungen Filmemacher, der in meinem Alter war, hat man danach alles angeboten – einen neuen Kinofilm, TV-Shows, Mainstream- und Arthouse-Projekte. Ich habe keinen einzigen Anruf von einem Studio bekommen. Niemand hat mir auch nur ein Projekt angeboten. Wollen Sie wissen, warum?

Sicher.

Wenn eine Frau einen erfolgreichen Film macht, dann ist das für die in Hollywood wie ein glücklicher Zufall. „Oh, das war ja ganz nett. Wer hätte das gedacht?“ Sie glauben einfach nicht, dass diese Frau Talent hat oder in der Lage ist, eine Geschichte gut und schlüssig zu erzählen.

Aber Sie haben diesen Erfolg an der Kinokasse doch schon ein paar Mal bewiesen.

Das spielt keine Rolle. Ich habe eine Reihe erfolgreicher Kinofilme gemacht – und die denken immer noch, das wäre Zufall. Ich muss zugeben, dass man das in Frankreich Gott sei Dank anders sieht. Aber in Amerika werde ich als Filmemacherin nicht ernst genommen.

Und das führen Sie darauf zurück, dass Sie eine Frau sind?

Das ist eine Tatsache. Als Mann hätte ich es viel einfacher. Noch ein Beispiel: Für den Film „Before Sunset“ war ich für das beste adaptierte Drehbuch für den Oscar nominiert. Glauben Sie wirklich, irgendjemand in Hollywood hat geglaubt, dass ich tatsächlich am Drehbuch ganz wesentlich mitgeschrieben habe?

Sie haben das Drehbuch zusammen mit Richard Linklater und Ethan Hawke geschrieben.

Ja, das waren zwei Männer und eine Frau. Aber in Hollywood hat man das nicht zur Kenntnis genommen. Da dachte man wohl, dass ich die Köchin für die beiden war oder ihnen Blowjobs gegeben habe.

„Meine Humor ist meine Stärke"

Wie stecken Sie eine solche Enttäuschung weg?

Es hat lange gedauert, bis ich darüber lachen konnte. Mein Humor ist meine Stärke. Hätte ich den nicht, wäre ich wahrscheinlich schon lange weg vom Fenster. Aber natürlich fühle ich mich durch so eine Behandlung verletzt. Und es macht mich ängstlich und unsicher. Ich kann Ihnen versichern, dass ich viel früher sterben werde als Ethan und Richard. Weil ich viel selbstzerstörerischer bin als sie – und mich ständig fühle, als wäre ich im Krieg.

Linklater und Hawke haben sich in Hollywood doch sehr gut etabliert. Helfen sie Ihnen nicht ab und zu?

Niemand hilft irgendjemandem im Filmbusiness. Das erwarte ich auch gar nicht. Okay, Ethan hat dem einen oder anderen Produzenten schon mal ein Drehbuch von mir empfohlen. Aber sonst? Am Ende des Tages bist du in dieser Branche immer allein. Wer mich unterstützt, sind drei, vier echte Freunde und mein Mann.

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In ihrem neuesten Film „Lolo  – Drei ist einer zu viel" spielt Delpy gemeinsam mit Dany Boom (u. a. „Willkommen bei den Sch'tis", „Nichts zu verzollen").

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NFP

Wie haben Sie bei so vielen Schwierigkeiten Ihren neuen Film finanziert bekommen?

Das war einfach. „Lolo“ wurde ja ganz und gar in Frankreich produziert. Und als dann Dany Boon – immerhin einer der erfolgreichsten Schauspieler in Frankreich – mit an Bord war, gab es überhaupt keine Probleme. Ich bin auch sehr froh darüber, dass in Frankreich mein Name immer noch einen sehr guten Klang hat. Frankreich ist im Vergleich zu Amerika das Paradies.

In „Lolo“ geht es auch um Emanzipation. Der Sohn müsste sich eigentlich von der Mutter lösen, und die Mutter vom Sohn …

… was natürlich im wirklichen Leben ganz wichtig ist. Mir ist dieser Abnabelungsprozess von meinen Eltern ganz gut – und ziemlich früh – geglückt. Ich war gerade einmal 14 Jahre alt, da habe ich meinen ersten Film gemacht und mit 15 bin ich von zu Hause ausgezogen. Mit Anfang 20 bin ich dann allein nach New York gegangen und habe dort an der Filmhochschule Regie studiert. Dann ging es weiter nach Los Angeles. Mir war meine persönliche Freiheit immer sehr wichtig. Und natürlich wollte ich auch finanziell unabhängig sein. Ich habe noch nie jemanden um Geld angepumpt.

Kamen Ihre Eltern damit klar, dass Sie so jung schon flügge waren?

Meine Mutter hat schon darunter gelitten und sich immer sehr große Sorgen gemacht. Aber ich hatte auch immer ein sehr enges Verhältnis zu meinen Eltern. Und zu meinem Vater heute noch. Leider ist meine Mutter vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Sie hatte das erste Mal Krebs, da war ich gerade einmal ein Jahr alt. In unserer Familie saß der Tod fast immer mit am Tisch.

„Ich trinke kaum noch Alkohol"

Wie haben Sie das als junges Mädchen verkraftet?

Das war für mich immer sehr schwierig. Vielleicht bin ich auch deshalb schon so früh ausgezogen. Ich war, wohl auch durch diese permanente Todesangst als Teenager und später ein fürchterlicher Hypochonder. Ich war fast ständig bei irgendwelchen Ärzten. Seit meine Mutter tot ist, ist das vorbei.

„Ich bin neurotisch, psychotisch und übersensibel“, haben Sie mal von sich behauptet.

Ach, ganz so schlimm ist es nicht mehr. Seit mein Sohn Leo auf der Welt ist, habe ich mich schon verändert. Zum Positiven, wie ich meine. Ich trinke zum Beispiel kaum noch Alkohol. Nicht, dass ich früher ständig betrunken oder gar Alkoholikerin gewesen wäre – aber ich habe oft aus Angst und Unsicherheit getrunken. Um die Nerven zu beruhigen. Heute brauche ich diese kleinen Fluchten nicht mehr.

Haben Sie schon ein neues Projekt?

Eins? Ich habe viele unverfilmte Drehbücher in der Schublade. Und vielleicht mache ich demnächst sogar etwas fürs amerikanische Fernsehen. Ich entwickle gerade eine Comedy-Serie über Frauen über 40. Im US-Fernsehen und auch bei Netflix oder Amazon ist man Frauen gegenüber viel aufgeschlossener als beim Film. Damit meine ich Frauen, die hinter der Kamera arbeiten. Vor der Kamera – das gab es ja schon immer.

Sie kommen also doch ganz gut über die Runden.

Ich kann von meiner Arbeit leben, ja. Aber ich brauche auch nicht viel Geld. Ich lebe mit meinem Mann und meinem Sohn in einem kleinen Haus mit Garten in West Hollywood. Wir haben auch nicht 15 Badezimmer, sondern eins. Das reicht doch. Und während ich mir die Zähne putze, sitzt mein Sohn oft neben mir auf dem Klo und macht Kacka.



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