blz_logo12,9

Interview mit Armin Mueller-Stahl: „So ein Interview ist mir Schauspielerei genug“

Armin Mueller-Stahl beim Filmfestival in Locarno, wo er soeben für sein Lebenswerk geehrt wurde.

Armin Mueller-Stahl beim Filmfestival in Locarno, wo er soeben für sein Lebenswerk geehrt wurde.

Foto:

Getty Images/Pier Marco Tacca

Seit fünf Jahren hat er die Schauspielerei so gut wie aufgegeben und konzentriert sich auf Ausstellungen eigener Bilder und Konzerte. Beim Filmfestival in Locarno, wo er mit dem Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, haben wir mit dem 83-Jährigen über sein Leben beim und für den Film gesprochen.

Herr Mueller-Stahl, man hört, Sie wollten sich nicht nach Locarno einfliegen lassen, sondern sind mit dem Auto angereist...

Richtig, von Lübeck bis ins Tessin. Ist zwar weit, aber ich mache das manchmal gern, um die Gegend zu entdecken. Sogar in den USA, da bin ich zuletzt von Key West bis nach Los Angeles gefahren. Dafür habe ich zehn Tage gebraucht, aber ich habe wunderbare Ecken entdeckt, die ich sonst nie gesehen hätte. Auch der Weg nach Locarno war herrlich. Nur versagte gegen Ende der Reise leider das Navigationssystem. Plötzlich gab die Dame keine Antwort mehr, ich wusste irgendwann nicht mehr, wo ich lang fahren muss. Aber ich habe den richtigen Weg dann doch noch gefunden.

Leben Sie mittlerweile wieder komplett in Deutschland?

Nicht ausschließlich. Außer dem Haus an der Ostsee habe ich immer noch eines in Kalifornien. Ich mag die Abwechslung, die sich dadurch ergibt. Das Wetter, den Pazifik, die Nähe zu den Rocky Mountains – das wollte ich nicht aufgeben.

Fühlen Sie sich dort auch zu Hause?

Das kann man nicht vergleichen. Mein Zuhause ist in erster Linie meine Familie, die ist das Fundament meines Lebens. Aber natürlich hat auch die Sprache einen großen Anteil am Zuhause-Sein. Ich schreibe ja viel, und das kann ich nur auf Deutsch. Deswegen ist es mir wichtig, dass ich viel dort bin, wo Deutsch gesprochen wird. Ich will mein Ohr immer möglichst nah an den aktuellen sprachlichen Entwicklungen haben.

Hier in Locarno bekommen Sie den Preis für Ihr Lebenswerk. Was waren die einschneidendsten Wendepunkte in Ihrer langen Karriere?

In meinem ganzen Leben gab es so viele Wendepunkte. Zum Beispiel als ich damals nach meinem Musikstudium von Westberlin in den Ostteil der Stadt gezogen bin. Dort war dank Brecht das Theater spannender, und ich wollte Schauspieler werden. Was dann ja klappte, auch wenn ich leider nie mit Brecht gearbeitet habe, dem ich vermutlich zu westlich und zu wenig proletarisch war. Dann kam ein paar Jahre später der Mauerbau, der nächste große Einschnitt. Aber das können Sie alles in meinen Autobiografien lesen.

Lassen Sie uns trotzdem kurz darüber sprechen, wie Sie damals, mit fast 60 Jahren, in die USA gingen und einen Karriereneubeginn wagten...

Ohne überhaupt Englisch zu sprechen! Aber ich wollte einfach weg aus der BRD, wo ich schon ein paar Jahre lebte. Horst Wendlandt, damals der wohl wichtigste Filmproduzent, sagte mir: Ich kann dich ganz groß rausbringen, aber genauso kann ich deine Karriere ruinieren. Auf so etwas hatte ich keine Lust. Also sind wir nach Amerika. Wobei ich meine Frau heute noch manchmal frage, wieso sie mich von so einer Schnapsidee nicht abgehalten hat. Tausende andere, die viel besser Englisch sprechen und jünger sind als ich, enden in Hollywood als Taxifahrer oder Kellner. Dass es bei mir anders lief, verdanke ich Regisseuren, die einige meiner deutschen Filme gesehen hatten.

Viele europäische Schauspieler machen in Hollywood unerfreuliche Erfahrungen. Was war das Schlimmste für Sie?

Mein schlimmstes Erlebnis bei Dreharbeiten hat mit Hollywood gar nichts zu tun. Das war viel früher, während der Kubakrise 1962. Ausgerechnet als die Lage sich zuspitzte, drehten wir damals auf Kuba einen Film, „Preludio 11“. Und nicht nur wir waren dort, sondern gleichzeitig auch eine französische Produktion und eine russische. Eines Tages erwarteten wir wirklich die Invasion durch die Amerikaner.

Unser deutsches Team – Feiglinge, die wir sind – versuchte, so schnell wie möglich außer Landes zu kommen. Die Franzosen wollten am liebsten gegen die Amerikaner kämpfen. Und die Russen fingen einfach an zu trinken. Zu denen gesellte ich mich. Aber es war schrecklich, weil wir alle fürchteten, dass unser letztes Stündlein geschlagen hat. Ich war nie wieder in meinem Leben so sicher, dass ich sterben würde. Am nächsten Morgen aufzuwachen, fühlte sich an wie ein Geschenk.

nächste Seite Seite 1 von 2


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?