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Berliner Zeitung | Interview mit Armin Mueller-Stahl: „So ein Interview ist mir Schauspielerei genug“
14. August 2014
http://www.berliner-zeitung.de/765704
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Interview mit Armin Mueller-Stahl: „So ein Interview ist mir Schauspielerei genug“

Armin Mueller-Stahl beim Filmfestival in Locarno, wo er soeben für sein Lebenswerk geehrt wurde.

Armin Mueller-Stahl beim Filmfestival in Locarno, wo er soeben für sein Lebenswerk geehrt wurde.

Foto:

Getty Images/Pier Marco Tacca

Seit fünf Jahren hat er die Schauspielerei so gut wie aufgegeben und konzentriert sich auf Ausstellungen eigener Bilder und Konzerte. Beim Filmfestival in Locarno, wo er mit dem Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, haben wir mit dem 83-Jährigen über sein Leben beim und für den Film gesprochen.

Herr Mueller-Stahl, man hört, Sie wollten sich nicht nach Locarno einfliegen lassen, sondern sind mit dem Auto angereist...

Richtig, von Lübeck bis ins Tessin. Ist zwar weit, aber ich mache das manchmal gern, um die Gegend zu entdecken. Sogar in den USA, da bin ich zuletzt von Key West bis nach Los Angeles gefahren. Dafür habe ich zehn Tage gebraucht, aber ich habe wunderbare Ecken entdeckt, die ich sonst nie gesehen hätte. Auch der Weg nach Locarno war herrlich. Nur versagte gegen Ende der Reise leider das Navigationssystem. Plötzlich gab die Dame keine Antwort mehr, ich wusste irgendwann nicht mehr, wo ich lang fahren muss. Aber ich habe den richtigen Weg dann doch noch gefunden.

Leben Sie mittlerweile wieder komplett in Deutschland?

Nicht ausschließlich. Außer dem Haus an der Ostsee habe ich immer noch eines in Kalifornien. Ich mag die Abwechslung, die sich dadurch ergibt. Das Wetter, den Pazifik, die Nähe zu den Rocky Mountains – das wollte ich nicht aufgeben.

Fühlen Sie sich dort auch zu Hause?

Das kann man nicht vergleichen. Mein Zuhause ist in erster Linie meine Familie, die ist das Fundament meines Lebens. Aber natürlich hat auch die Sprache einen großen Anteil am Zuhause-Sein. Ich schreibe ja viel, und das kann ich nur auf Deutsch. Deswegen ist es mir wichtig, dass ich viel dort bin, wo Deutsch gesprochen wird. Ich will mein Ohr immer möglichst nah an den aktuellen sprachlichen Entwicklungen haben.

Hier in Locarno bekommen Sie den Preis für Ihr Lebenswerk. Was waren die einschneidendsten Wendepunkte in Ihrer langen Karriere?

In meinem ganzen Leben gab es so viele Wendepunkte. Zum Beispiel als ich damals nach meinem Musikstudium von Westberlin in den Ostteil der Stadt gezogen bin. Dort war dank Brecht das Theater spannender, und ich wollte Schauspieler werden. Was dann ja klappte, auch wenn ich leider nie mit Brecht gearbeitet habe, dem ich vermutlich zu westlich und zu wenig proletarisch war. Dann kam ein paar Jahre später der Mauerbau, der nächste große Einschnitt. Aber das können Sie alles in meinen Autobiografien lesen.

Lassen Sie uns trotzdem kurz darüber sprechen, wie Sie damals, mit fast 60 Jahren, in die USA gingen und einen Karriereneubeginn wagten...

Ohne überhaupt Englisch zu sprechen! Aber ich wollte einfach weg aus der BRD, wo ich schon ein paar Jahre lebte. Horst Wendlandt, damals der wohl wichtigste Filmproduzent, sagte mir: Ich kann dich ganz groß rausbringen, aber genauso kann ich deine Karriere ruinieren. Auf so etwas hatte ich keine Lust. Also sind wir nach Amerika. Wobei ich meine Frau heute noch manchmal frage, wieso sie mich von so einer Schnapsidee nicht abgehalten hat. Tausende andere, die viel besser Englisch sprechen und jünger sind als ich, enden in Hollywood als Taxifahrer oder Kellner. Dass es bei mir anders lief, verdanke ich Regisseuren, die einige meiner deutschen Filme gesehen hatten.

Viele europäische Schauspieler machen in Hollywood unerfreuliche Erfahrungen. Was war das Schlimmste für Sie?

Mein schlimmstes Erlebnis bei Dreharbeiten hat mit Hollywood gar nichts zu tun. Das war viel früher, während der Kubakrise 1962. Ausgerechnet als die Lage sich zuspitzte, drehten wir damals auf Kuba einen Film, „Preludio 11“. Und nicht nur wir waren dort, sondern gleichzeitig auch eine französische Produktion und eine russische. Eines Tages erwarteten wir wirklich die Invasion durch die Amerikaner.

Unser deutsches Team – Feiglinge, die wir sind – versuchte, so schnell wie möglich außer Landes zu kommen. Die Franzosen wollten am liebsten gegen die Amerikaner kämpfen. Und die Russen fingen einfach an zu trinken. Zu denen gesellte ich mich. Aber es war schrecklich, weil wir alle fürchteten, dass unser letztes Stündlein geschlagen hat. Ich war nie wieder in meinem Leben so sicher, dass ich sterben würde. Am nächsten Morgen aufzuwachen, fühlte sich an wie ein Geschenk.

Sie haben, vor allem in den USA, oft Bösewichter verkörpert. Fühlten Sie sich manchmal in eine seltsame Schublade gedrängt?

Überhaupt nicht. Dazu waren die Rollen viel zu unterschiedlich. Und ich habe auch genug gute Männer gespielt. Außerdem kann es Vorteile haben, wenn man auch mal einen Mafia-Boss wie in David Cronenbergs „Tödliche Versprechen“ gespielt hat. Neulich im Urlaub auf Hawaii spazierte am Strand die ganze Zeit ein russischer Oligarch entlang und brüllte in sein Telefon. Irgendwann sah er mich, guckte mich lange und prüfend an – und sprach fortan nur noch ganz leise ins Handy.

Sehen Sie sich Ihre alten Filme manchmal an?

Nie. In der Regel habe ich keinen meiner Filme mehr als einmal gesehen. Ich war ja dabei und stand persönlich vor der Kamera, deswegen habe ich das Bedürfnis nicht. Ich lese ja auch meine Bücher nicht noch einmal, nachdem ich sie geschrieben habe. Es gibt sogar Filme, die ich nie gesehen habe. Ich weiß noch, wie mein Sohn mal „Im Angesicht meines Feindes“ im Fernsehen guckte und ich mich auf den ersten Blick selbst nicht erkannte. Das war allerdings eine so furchtbare Auschwitz-Geschichte, die konnte ich einfach aus emotionalen Gründen nicht gucken. Ich war damals froh, diese Geschichte hinter mir lassen zu können.

Gibt es im Rückblick Karriere-Entscheidungen, die Sie bedauern?

Nein, ich bereue gar nichts. Fassbinder sagte einst zu mir, ein Leben müsse nicht lang sein, solange es nur erfüllt ist. Ich habe ihm damals schon geraten, mehr auf seine Gesundheit zu achten, weil ich davon überzeugt war, dass beides geht: ein langes und erfülltes Leben. Und genau so ist es doch bei mir gekommen. Deswegen bin ich glücklich.

In den letzten fünf Jahren haben Sie nicht mehr als Schauspieler gearbeitet. Vermissen Sie das gar nicht?

Ich lese immer noch Drehbücher, so ist es nicht. Aber vermissen tue ich die Arbeit gar nicht. Das, was wir hier machen, so ein Interview, das ist mir Schauspielerei genug.

Also werden wir Sie nie wieder auf der Leinwand sehen?

Ich will das nicht kategorisch ausschließen. Aber im Moment kann ich es mir nicht wirklich vorstellen. Mir reichen meine Malerei, das Schreiben, die Musik. Derzeit liegt ein wirklich schönes Drehbuch auf meinem Schreibtisch, „American Diary“, die Geschichte zweier alter Männer. Aber das Feuer brennt gerade einfach nicht mehr in mir. Und solange das nicht wieder lodert, sehe ich keinen Grund, wieder vor der Kamera zu stehen.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.

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