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Interview mit Emma Watson: „Wenn ich mich heute als Hermine sehe, komme ich mir vor wie eine Fremde“

Für viele junge Frauen ein Vorbild - obwohl sie es gar nicht sein möchte: Schauspielerin Emma Watson.

Für viele junge Frauen ein Vorbild - obwohl sie es gar nicht sein möchte: Schauspielerin Emma Watson.

Foto:

Majestic

Für mindestens eine Generation von Kinogängern wird Emma Watson wohl auf ewig Hermine Granger bleiben, die neunmalkluge beste Freundin von Harry Potter. Doch im Gegensatz zu anderen Kinderstars ist es ihr schon vor Langem gelungen, sich von diesem Image zu lösen, was auch an einer sehr variablen Rollenwahl liegt. In ihrem neuen Film „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ (ab 18. Februar im Kino) spielt sie eine junge Frau, die 1973 in Chile in die Wirren von General Pinochets Terror-Regime gerät; ein Film also mit dezidiert politischer Aussage.




Wir treffen eine gut gelaunte Emma Watson in einer Suite eines Londoner Luxus-Hotels, ihr Händedruck ist fest, der Augenkontakt direkt. Die zierliche 25-Jährige trägt ein Kleid ihres Lieblingsdesigners Alexander McQueen, dazu schwarze Stiefeletten. Ihr Kurzhaarschnitt à la Mia Farrow ist dunkelbraun, ihre Fingernägel blutrot. Sie sitzt vor einer dampfenden Tasse grünen Tees, die sie während des Gesprächs immer wieder sinnend anschaut. Nur trinken wird sie daraus nie.

Sie waren gerade mal neun Jahre alt, als die Dreharbeiten für den ersten „Harry Potter“-Film begannen, beim letzten waren Sie zwanzig – und Multimillionärin. Wie kommt man damit eigentlich so früh klar?

Ganz gut, glaube ich. Und das habe ich vor allem meiner Familie zu verdanken. Meine Eltern ließen sich zwar scheiden, als ich fünf war, aber sie haben mich trotzdem beide all die Jahre über immer sehr liebevoll begleitet und unterstützt. In puncto Geld kann ich nur sagen, dass ich jahrelang etwa hundert Pfund Taschengeld im Monat bekam. Und das hat mir auch völlig genügt.

Haben Sie sich in den fünf Jahren seit Ende der „Potter“-Filme sehr verändert?

Ja, und darüber bin ich sehr froh. Es hat lange genug gedauert, mich von diesem Erbe zu befreien und mich als junge, selbstständige Frau zu emanzipieren. Wenn ich mich heute in den frühen „Potter“-Filmen sehe, erkenne ich mich kaum wieder. Da komme ich mir vor wie eine Fremde. Ich denke mir: „Wer ist dieses seltsame Mädchen? Was denkt sie? Was fühlt sie?“ Manchmal blättere ich in den Tagebüchern, die ich mit zehn, zwölf geschrieben habe – und kann mich darin kaum wiederfinden.

War dieser Prozess der Selbstfindung sehr mühsam?

Ja, schon. Und es hat eine ganze Weile gedauert. Es gab auch einige Sackgassen, aus denen ich erst wieder herausfinden musste, um zu den Alleen zu gelangen, auf denen ich mich heute befinde. Ich fühle mich mit 25 sehr wohl in meiner Haut. Und für nichts auf der Welt wollte ich noch einmal zwanzig sein.

So schlimm?

Wenn man ein Leben unter dem Vergrößerungsglas führen muss, ist das immer sehr kompliziert, erst recht als Teenager. Da hat man doch tausend Fragen an sich und die Welt, auf die man noch keine Antwort weiß: Was will ich im Leben erreichen? Wo will ich leben? Welche Freunde will ich haben? Und welche Menschen will ich auf keinen Fall in mein Privatleben lassen? Das war schon alles ziemlich heftig. Irgendwann habe ich mich einfach damit geschützt, dass ich mich emotional betäubt habe und alles durch mich hindurchließ.

Und wie haben Sie sich aus dieser seelischen Erstarrung befreit?

Ich habe viel an mir gearbeitet. Ich hatte Unterstützung von meiner Familie, von echten Freunden. Sicher half mir auch die Zeit in den USA und, so banal das vielleicht klingt, meine Lebenserfahrung. Außerdem habe ich nach und nach auch meinen Horizont – und damit meinen Aktionsradius – erheblich erweitert.

Sie haben sich selbst als Feministin bezeichnet. Was bedeutet Feminismus für Sie denn genau?

Ganz einfach: Ich glaube daran, dass Männer und Frauen auf der ganzen Welt die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben sollten. Dafür setze ich mich als Sonderbotschafterin von UN Women ein. Und davon würden Männer und Frauen doch letztlich gleichermaßen profitieren. Deshalb wünsche ich mir auch nichts mehr, als dass sie gemeinsam an der Verwirklichung dieses Ziels arbeiten. Heutzutage hat doch Feminismus viel mehr Verbindendes als Trennendes.

Sie haben eine sehr offene Art, mit diesem Thema umzugehen. Und stehen damit – zumindest im Filmbusiness – ziemlich alleine da.

Das würde ich nicht so sagen, denn auch im Filmbusiness gibt es viele Frauen die sich für Gleichberechtigung engagieren. Und zum Glück auch ein paar aufgeklärte Männer. Ich habe durchaus das Gefühl, wir sind da auf dem richtigen Weg. Aber natürlich wissen auch alle Beteiligten, dass es ein langer Weg sein wird.

Sie haben sich auch sehr für den Dokumentarfilm „The True Cost – Der Preis der Mode“ starkgemacht, der die verheerenden Auswirkungen der modernen Textilindustrie anprangert. Wie kam das denn bei den Luxus-Designern an, die Sie für Ihre Gala-Auftritte einkleiden?

Bis jetzt habe ich noch nichts Negatives bemerkt. Und gerade weil ich als Schauspielerin ja sehr viel mit der Mode-Industrie zu tun habe, ist es mir wichtig, ein Zeichen zu setzen. Um ehrlich zu sein, war es ein ziemlicher Schock für mich, als ich herausfand, dass einige dieser wunderschönen und kunstvollen Kleider solches Leid mit sich bringen – für Menschen weitab von jedem roten Teppich, die für einen Hungerlohn schuften. Ganz zu schweigen vom enormen Schaden, der dadurch auch in unserer Umwelt entsteht.

Hat das Ihre Einstellung verändert – bezüglich der Mode, die Sie tragen?

Auf jeden Fall. Privat trage ich nur noch Kleidung, die umweltfreundlich hergestellt wurde. Deshalb arbeite ich auch sehr gern mit Alberta Ferretti zusammen, die todschicke Kleider aus ökologisch verträglichen Stoffen macht. Aber es muss wirklich nicht immer Luxus sein. Ich setze mich auch sehr für die Fairtrade-Marke People Tree ein, für die ich sogar eine eigene Kollektion entworfen habe. Ich finde, dass die mächtigen Nationen endlich damit aufhören sollten, Dritte-Welt-Länder auszubeuten. Wir leben doch alle auf diesem Planeten und haben die Aufgabe, fair miteinander umzugehen und unsere Umwelt zu schonen.

Wie finden Sie bei dieser Agenda eigentlich noch Zeit, ab und zu einen Film zu drehen?

Das frage ich mich manchmal auch! Aber die Schauspielerei ist mir nach wie vor sehr, sehr wichtig. Ich lasse mir bei der Auswahl inzwischen auch immer sehr viel Zeit. Und wäge sehr genau ab, was mich wirklich interessiert und was nicht. Gerade im letzten Jahr hatte ich das Glück, in ein paar sehr guten Filmen mitspielen zu dürfen.

Bei so viel Engagement passt es ja, dass Sie nun in einem Polit-Thriller „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ mitwirken.

Auf jeden Fall. Als ich das Drehbuch las, war ich wie vor den Kopf gestoßen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie etwas über diese Sekten-Siedlung in Chile gehört. Aber dann habe ich mich natürlich umfassend informiert. Und je mehr ich las, desto unfassbarer war es für mich, dass dieser Paul Schäfer fast 40 Jahre lang Menschen wie in einem Konzentrationslager gefangen hielt. Und das alles unter dem Schutz von Pinochet und sogar in Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft. Die Geschichte, die wir erzählen, ist zwar fiktiv, aber der historische Hintergrund ist absolut authentisch. Und das ist das wirklich Erschreckende.

Sie spielen Lena, die sich in die sogenannte Kolonie der Würde einschleusen lässt, um ihren Freund, der dort eingesperrt wurde, zu befreien…

…was ich wahnsinnig mutig von ihr finde. Ich habe mich während der Dreharbeiten jeden Tag gefragt, wie ich selbst mich dabei wohl verhalten hätte. Und ich muss ehrlich sagen: Ich weiß es nicht. Aber ich finde es sehr inspirierend, Menschen zu spielen, die größer und besser sind als man selbst. Denn dadurch wächst man auch im eigenen Leben. Von Lena habe ich viel gelernt. Und ich glaube, ich bin sogar im wirklichen Leben mutiger geworden.

Inwiefern mutiger?

Das ist mir jetzt zu privat. Aber was ich bei diesem Film auch toll fand, ist, dass hier das Mädchen den Jungen rettet. Da wurde das typische Rollenverhalten – Gott sei Dank – einmal umgekehrt. Sie glauben ja nicht, wie viele Drehbücher ich zugeschickt bekomme, in denen ich das nette Mädchen spielen soll, das dann von ihrem männlichen Beschützer gerettet wird…Wie sterbenslangweilig!

Wie war es denn mit Daniel Brühl, Ihrem Co-Star?

Daniel war ein ganz fantastischer Kumpel, der mir während der Dreharbeiten sehr viel geholfen hat, nicht trübsinnig zu werden. Denn wir hatten da ja auch ganz schön harte Szenen zu meistern. Aber er hat mich immer aufgeheitert und zum Lachen gebracht.

Sie haben Teile des Films auch in Deutschland gedreht…

…ja, unter anderem in München und Berlin. Und beide Städte haben mir sehr gut gefallen. Vor allem Berlin. Da gibt es eine sehr spannende Kulturszene. Und dann die vielen Museen und Galerien. Aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht nach den Namen. Wenn man so viel unterwegs ist wie ich, kann man manchmal schon etwas durcheinanderbringen. Ich führe ein sehr intensives Leben.

Einer Ihrer Regisseure hat Sie mal wie folgt beschrieben: „Emma ist wie ein Krake. Sie hat viele Arme, mit denen sie gleichzeitig viele verschiedene Dinge jongliert.“ Erkennen Sie sich in diesem Bild wieder?

Vielleicht nicht gerade als Krake…Aber es stimmt schon, dass ich immer sehr viele verschiedene Projekte am Laufen habe. Das kommt daher, dass mich eben sehr viel interessiert, was auf der Welt so passiert. Und ich empfinde es als großes Geschenk, so viele Dinge gleichzeitig machen zu können. Ich habe tatsächlich immer viele Bälle gleichzeitig in der Luft.

Woher nehmen Sie die dafür nötige Kraft?

Ich schöpfe sehr viel Energie und Kraft aus meinen Yoga-Übungen. Seit einiger Zeit praktiziere ich mit großer Leidenschaft Ashtanga-Yoga. Das ist eine wunderbare Art, meinen Kopf und meine Seele frei zu bekommen. Es ist eine Meditationsform, die des indischen Hatha-Yogas. Ich bin gerade sogar dabei, mich zur Yoga-Lehrerin ausbilden lassen. Jetzt bin ich auf der dritten Stufe angelangt, mit Schwerpunkt auf Meditation.

Können Sie beschreiben, wie Ashtanga-Yoga auf Sie wirkt?

Ich bekomme dadurch eine völlig neue Perspektive auf die Welt in mir und um mich herum. Ich kann zum Beispiel einen Meditations-Tunnel hinabgehen und mich dabei auf die noch so kleinsten Dinge konzentrieren. Wie zum Beispiel eine Tasse. Dadurch kann ich mich ganz hervorragend entspannen. Der ganze Stress, die ganzen Sorgen und all das, was ich sonst nicht aus dem Kopf bekomme, fallen von mir ab. Alles wird klar. Und da ich nicht religiös bin, kommt diese Art von Transzendenz einer Spiritualität sehr nahe. So bekomme ich sehr viel Energie und Kraft zurück. Ich fühle mich manchmal, als hätte ich tatsächlich Superkräfte.

Welche Bälle halten Sie denn dann noch in der Luft?

Ich habe Anfang des Jahres einen feministischen Buchclub gegründet, mit dem schönen Namen „Our Shared Shelf“. Mein Plan ist, jeden Monat ein ganz bestimmtes Buch auszuwählen, über das dann alle Leser, die darauf Lust haben, am Ende eines Monats im Internet diskutieren können. Ich fange damit an, dass ich einige Fragen zum Buch poste oder einige Zitate ins Netz stelle. Und ich hoffe, dass ich damit einen sehr angeregten Gedankenaustausch initiiere. Ganz besonders freuen würde es mich natürlich, wenn sich dann auch der Autor selbst einmischen würde. Das erste Buch, das ich ausgewählt habe, ist „My Life on the Road“ von Gloria Steinem, einer amerikanischen Journalistin und Frauenrechtlerin. Die Literatur ist – neben der Schauspielerei – eine meiner ganz großen Leidenschaften im Leben.

Deshalb haben Sie wohl Englische Literatur studiert…

…ja, meine große Liebe war die Literatur der Moderne. Das war auch das Thema meiner Abschlussarbeit, mit Schwerpunkt auf Virginia Woolf.

Warum haben Sie eigentlich nicht in Oxford studiert, wo Sie doch damals gewohnt haben, sondern sind stattdessen an die amerikanische Elite-Hochschule Brown University in Rhode Island gegangen?

Ich wollte einfach raus aus dem vertrauten England und Oxford. Ich wollte weg von einem Kulturkreis, der mich geprägt hat, seit ich denken kann. Weg von allem Eingefahrenen, von aller Routine. Und auch weg von meinen Freunden und Verwandten. Das war – rückblickend – ein ziemlich radikaler Schnitt, den ich damals aber dringend gebraucht habe. Natürlich fühlte ich mich auch manchmal einsam, aber es war gleichzeitig auch sehr befreiend.

Inwiefern befreiend?

Ich konnte machen, was ich wollte. Ich konnte mich ausprobieren, Grenzen austesten. Und ich habe ja nicht nur englische Literatur studiert, sondern auch Philosophie-Seminare belegt. Ich erinnere mich noch gut an eins mit dem Titel „Die Philosophie und Psychologie der Liebe“. Leider habe ich davon nicht viel fürs wirkliche Leben gebrauchen können. Außer der Erkenntnis, dass es in der Liebe keine Regeln gibt.

Stimmt es, dass Sie damals auch gemalt haben?

Ja, und das mache ich immer noch. Das ist auch so ein Ball, mit dem ich jongliere. Und seit ich von meiner Oma vor ein paar Jahren ein Keyboard geschenkt bekommen habe, versuche ich es auch mit dem Klavierspielen. Aber das ist jetzt die ganz private Seite von mir. Das ist eigentlich gar nicht so interessant.

Ganz im Gegenteil. Für viele junge Frauen sind Sie ein großes Vorbild…

…oh Gott, hoffentlich nicht.

Was glauben Sie denn? Sie sind jung, gut aussehend und extrem erfolgreich. Wenn das nicht die Blaupause für eine Traumfrau ist.

Aber das ist mir viel zu oberflächlich. Leute, die mich so sehen, sehen mich eigentlich gar nicht wirklich. Ehrlich gesagt, ist mir diese Art von Aufmerksamkeit schon seit Langem suspekt. Denn als ich durch die „Harry Potter“-Filme zu einer sogenannten Celebrity wurde, wurde mir sehr schnell bewusst, wie so ein bisschen Ruhm aus dem Ruder laufen kann. Deshalb bin ich in privaten Dingen auch vorsichtiger geworden.

Haben Sie eigentlich so etwas wie einen Lebensplan?

Wie heißt es so schön: „Wie bringt man Gott zum Lachen? Erzähl’ ihm deine Pläne!“ Aber im Ernst: Natürlich habe ich Wünsche und Bedürfnisse, aber ich versuche, mein Leben weniger zu planen, sondern mehr auf mich zukommen zu lassen.

Verraten Sie uns noch Ihr Lebensmotto?

Ich finde immer noch gut, was mir mein früherer Cricket-Trainer mal gesagt hat: „Gut in Form zu sein, kann schnell vergehen. Aber Klasse bleibt bestehen!“

Das Gespräch führte Ulrich Lössl.