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Berliner Zeitung | Interview mit Jason Reitman zu „#Zeitgeist“: Alle Menschen haben ihre Abgründe
11. December 2014
http://www.berliner-zeitung.de/570102
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Interview mit Jason Reitman zu „#Zeitgeist“: Alle Menschen haben ihre Abgründe

Noch reden sie wirklich miteinander, bald fliehen sie wieder ins Netz: Ansel Elgort und Kaitlyn Dever in „#Zeitgeist“.

Noch reden sie wirklich miteinander, bald fliehen sie wieder ins Netz: Ansel Elgort und Kaitlyn Dever in „#Zeitgeist“.

Foto:

Dale Robinette

Seine Filme sind mitten in der Gegenwart angesiedelt. Das hat Jason Reitman mit „Juno“ genauso bewiesen wie mit „Up in the Air“, der Tragikomödie um einen Kündigungs-Profi. Mit „#Zeitgeist“, seit Donnerstag in den Kinos, betrachtet er die Auswirkungen der digitalen Revolution auf den Alltag von sieben Familien.

Mr. Reitman, ist das Internet das zentrale Thema des Films?

Nicht ganz. Das wäre auch fatal, denn dann wäre der Film vermutlich schon in einem halben Jahr wieder überholt. „Thank You For Smoking“ war kein Film über Zigaretten und in „Juno“ ging es nicht zuerst um Teenager-Schwangerschaften. Das waren, genau wie das Internet in „#Zeitgeist“ immer nur die Aufhänger, um etwas über Menschen zu erzählen. Über die Entscheidungen, die sie treffen, in bestimmten Umständen an bestimmten Orten. Genau das nämlich ist das Internet in meinem Film: eine Location.




Ein Ort, an dem auffällig viele Figuren auffällig viele Probleme haben.

Aber haben wir nicht alle ganz schön viele Probleme? Ich meine das gar nicht als Scherz. Ich habe das eigentlich immer so empfunden, dass wir alle mehr oder weniger dysfunktional sind und es mit einer Fassade der Funktionstüchtigkeit kaschieren. Nur online scheinen wir in der Lage zu sein, offen darüber zu sprechen, wie gestört wir wirklich sind und wonach wir uns tatsächlich sehnen.

Sie sehen das Bild, dass Sie von zwischenmenschlichen Beziehungen zeichnen, also auch nicht als düster?

Doch, da ist schon eine Düsternis, keine Frage. Aber mir ist es eben wichtig, zu betonen, dass die nichts Abstraktes ist, sondern dass dies lediglich die dunklen Abgründe sind, die wir alle in uns tragen, und die heute durch das Internet erstmals sichtbar werden.

Ihrer Ansicht nach zeigt sich nun, wie wir wirklich sind? Andere argumentieren, dass wir dadurch überhaupt erst so geworden sind.

Das ist natürlich eine ziemlich komplexe Problematik. Ich denke, dass das Internet genauso viel Gutes wie Schlechtes mit sich bringt. Macht uns das Internet zu Perversen, zu Magersüchtigen, zu Ehebrechern? Bis zu einem gewissen Grad sicherlich. Aber wir verdanken dem Internet auch den Arabischen Frühling. Oder wenn ich mir anschaue, welche Aufmerksamkeit im vergangenen Sommer der schreckliche Fall von Polizeigewalt in der Stadt Ferguson bekam. Hätten wir nicht alle immer Kameras dabei, wäre das nie möglich gewesen.

Was aber nicht so viel zu tun hat mit der Frage, ob das Internet uns seelisch und moralisch ruiniert.

Stimmt. Aber mir sind beide Seiten wichtig. Die Erfindung, die dabei helfen kann, unsere Gesellschaft zu verändern, ist die gleiche, die uns verleitet, in den sprichwörtlichen Kaninchenbau unserer abstoßendsten Begierden hinabzusteigen. Das Internet ist alles gleichzeitig.

Also ist es müßig, sich all diese Fragen überhaupt zu stellen?

Es ist nie müßig, Fragen zu stellen. Wir sollten nur nicht mit endgültigen Antworten rechnen. Wir sind die erste Generation, die Erfahrungen mit dem Internet sammelt. Wie sollten wir da schon in der Lage sein, diese zu beurteilen?

Wie ist denn aber Ihre ganz persönliche Haltung? Dass Sie bei der Arbeit an „#Zeitgeist“ Ihre jugendlichen Darsteller baten, sich von Facebook und Co. fernzuhalten, sagt ja einiges...

Da muss ich etwas klarstellen. Ich habe ihnen nicht verboten, online zu gehen, sondern geraten, zumindest die Dreharbeiten außen vor zu lassen. Weil ich überzeugt war, dass es ihnen gut tun würde, sie zu einer persönlichen Erfahrung zu machen, die sie untereinander teilen, aber nicht mit aller Welt. Maßhalten, darum ging es mir.

Und wie gehen Sie als Vater einer Tochter mit dem Thema Internet um?

Man kann nie komplett kontrollieren, was die Kinder online machen. Das ist genauso wie mit dem Führerschein: Wenn sie erst einmal fahren können, werden sie das auch tun, und du hast es nicht in der Hand, wohin. Man kann nur hoffen, dass man in der Erziehung ein bisschen was richtig gemacht hat. Dann sind sie vielleicht vernünftig genug. Und auch so offen, dass sie mit dir über ihre Sorgen und Bedürfnisse sprechen, statt sich bloß in die Anonymität des Internets zu stürzen.

Das Interview führte Patrick Heidmann.