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Interview mit Jürgen Böttcher: Ein zensierter DDR-Film birgt jede Menge Aktualität

Der junge Mann war den DDR-Funktionären zu lässig und ziellos: Al (Rolf Römer , 2. v. l.) in „Jahrgang 45“ (DEFA 1966, Regie: Jürgen Böttcher).

Der junge Mann war den DDR-Funktionären zu lässig und ziellos: Al (Rolf Römer , 2. v. l.) in „Jahrgang 45“ (DEFA 1966, Regie: Jürgen Böttcher).

Foto:

DEFA-Stiftung/Roland Gräf

Jürgen Böttcher drehte 1966 seinen einzigen Spielfilm: „Jahrgang 45“ fiel der Kahlschlagpolitik nach dem 11. Plenum des ZK der SED 1965 zum Opfer. Der Film verschwand im Tresor. Erst 1990, nach dem Mauerfall, erlebte er seine Uraufführung. Wenn man ihn heute sieht, ist man über seine Modernität verblüfft.

Böttcher, unter dem Namen Strawalde als Maler berühmt, erzählt in „Jahrgang 45“ von jungen Leuten im Ost-Berlin der 1960er. Keineswegs im Sinn des sozialistischen Realismus – der Regisseur beobachtet seine Hauptfigur Al (gespielt von Rolf Römer) vielmehr dabei, wie der sich im Stadtraum bewegt und dabei ganz im Augenblick lebt.

Al nimmt Urlaub, bummelt durch Ost-Berlin, lässt sich treiben. Die Berlinale zeigt die digital restaurierte Fassung, die unter Beteiligung des Kameramanns Roland Gräf bei der DEFA-Stiftung entstand.

Herr Böttcher, „Jahrgang 45“ ist Ihr erster und einziger Spielfilm. Als er verboten wurde, waren Sie 35 Jahre alt. Wie haben Sie das verkraftet?

Das Verbot war schrecklich. Es war, als hätte man einer Mutter ihr Baby weggenommen. Ich war ja noch ein junger Kerl, wollte mich zeigen mit meiner Arbeit, wünschte mir Anerkennung. Das war vorbei. Damals waren Wolf Biermann und ich enge Freunde. Biermann packte mich in sein Auto, fuhr mit mir nach Usedom. Wir tobten am Strand rum, tranken. Er versuchte mich abzulenken. Die Freunde gaben mir Halt. Die Frau. Und es kamen Künstler aus dem westlichen Ausland zu Besuch: Beispielsweise die legendären Regisseure Joris Ivens und Chris Marker, die Schriftsteller Heinrich Böll, Max Frisch. Der italienische Komponist Luigi Nono war da. Ich fühlte mich respektiert.

Wie lauteten die Vorwürfe von staatlicher Seite gegen „Jahrgang 45“?

Es hieß, ich betreibe die „Heroisierung des Abseitigen“. Es hieß: „So sind unsere Menschen nicht!“ Also nicht wie Al, der Nietenhosen trägt und sein Hemd weit aufgeknöpft. Ein Parteifunktionär äußerte bezüglich der Drehorte in Berlin, Hauptstadt der DDR: „Wir haben keine Slums!“ Er fand also, der Prenzlauer Berg sehe in dem Film aus wie ein Slum. Ich antwortete ihm: „Ich lebe in diesem Slum!“ Damit machte ich mir keinen Freund. Ich hatte eine Art Räuberadel. Überhaupt wurde ich als „Formalist“ und als „Gangstermaler“ beschimpft. Im DEFA-Studio für Dokumentarfilme, wo ich arbeitete, haben die mich gehasst.

Das ist ein hartes Wort.

Mit das Schlimmste für mich war, den Mitwirkenden erklären zu müssen, dass der Film nicht aufgeführt werden wird. Ich spürte da ja Verantwortung. Der alte Mann namens Mogul im Film, ein Freund von Al, wurde von Paul Eichbaum, meinem damaligen Nachbarn, gespielt. Das Gemälde mit den Bäumen im Film ist von ihm selbst. Leute von der Straße, die wir spontan angesprochen hatten, haben mitgemacht bei „Jahrgang 45“. Der Mann, der im Film das Gras harkt, wurde von einem Kraftfahrer der DEFA gespielt. – Bei den Gesprächen merkte ich dann, dass viele der Mitwirkenden nie damit gerechnet hatten, dass der Film je in die DDR-Kinos kommt. Sie meinten: So entsteht doch kein „ordentlicher Film“. Sie machten eben aus Laune und mir zuliebe mit.

Einen Film wie „Jahrgang 45“ hatte es zuvor auch noch nie gegeben, weder in der DDR noch in der BRD. Sie beobachten einfach einen jungen Mann und andere junge Leute dabei, wie sie den Tag genießen... Es gibt keine Entwicklungsgeschichte, wie sie damals üblich war.

Das stimmt. Als ich für eine Szene junge Männer beim Tanzen filmen wollte, machte der eine von ihnen eine abwehrende Geste – das bitte nicht. Heute finde ich es immer noch toll: Wie da in diesem Club einer ganz beiläufig – heute würde man cool sagen – am Treppengeländer herumhängt. Im Film geht es ja um ein bestimmtes Lebensgefühl. Das war in der DDR dunkel grundiert wie meines auch: Ich hatte den Krieg erlebt und als 14-Jähriger viele Tote begraben müssen, massenweisee. Mein Bruder war in Stalingrad gewesen. Dann kam ich zum Studium der Malerei nach Dresden – Sie können sich vielleicht vorstellen, wie Dresden zu Anfang der 1950er-Jahre aussah, nach den Bombardierungen vom Februar 1945.

In „Jahrgang 45“ gibt es eine Szene – da sitzt Al mit Freunden auf den Stufen des kriegszerstörten Schauspielhauses am Gendarmenmarkt, heute das Konzerthaus. Die jungen Männer beobachten, wie ein Reisebus mit West-Touristen hält und schicke junge Leute aussteigen, die gelangweilt und arrogant wirken und mit ihren Kameras Fotos von Ost-Berlin machen. Wie haben Sie das gedreht?

Natürlich inoffiziell, heute würde man sagen: Guerilla-mäßig. Wir filmten heimlich aus dem Fenster eines Bauwagens heraus; deswegen konnten wir auch keinen Ton machen für die Szene. Sie ist mir sehr wichtig, weil sie dieses Eingesperrtsein in der DDR transportiert. Dass wir angeguckt wurden wie die Affen im Zoo, quasi wie Primitive. Unsere damalige Schnittmeisterin Helga Gentz hat Material mit Szenen wie diesen versteckt und gerettet.

Sie sind trotz der Schikanen nie in den Westen ausgereist. Warum nicht?

Das stand für mich nicht zur Debatte. Ich konnte nicht in die Bundesrepublik gehen – für mich das Land von Krupp-Stahl und IG Farben. Ich war links, bin es immer noch. Außerdem waren meine Eltern alt; ich wollte mich um sie kümmern. Gerade das haben etliche Freunde, die ausreisten, nicht verstehen wollen.

„Jahrgang 45“ wirkt ungeheuer modern. Die Leute im Film würden genauso ins Berlin von heute passen. Etwa als junge Kreative aus Kreuzberg oder Neukölln. Können Sie sich das erklären?

Nein. Aber das freut mich.

Interview: Anke Westphal

Jahrgang 45 am 7. Februar, 11 Uhr im CinemaxX am Potsdamer Platz.


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