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Ken Loach über „Jimmy’s Hall“: „Der Kampf ist vielleicht doch zu gewinnen“

Setzt sich mit seiner Kunst für die Armen und Entrechteten ein: Ken Loach.

Setzt sich mit seiner Kunst für die Armen und Entrechteten ein: Ken Loach.

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AFP

Er habe ganz vergessen, dass Berlin im Sommer so schön ist, sagt Ken Loach. Tatsächlich ist es lauschig im Garten des Hotels, wo wir ihn treffen. Ob Berlin denn menschenleerer würde im Sommer, will der 78-jährige britische Regisseur noch wissen, der ungeheuer freundlich, wach und zugewandt wirkt. Dann ist man schon beim Thema.

Mr. Loach, es heißt, dass „Jimmy’s Hall“ Ihr letzter Film sei. Warum wollen Sie als Regisseur aufhören?

Weil es ungeheure Energie kostet, einen Film zu drehen. Allein schon, das Set zusammenzuhalten! Als Regisseur befindet man sich zwischen ungefähr hundert Leuten, die alle furchtbar absorbiert und ergriffen sind von dem, was sie da machen. Und man steht da als Regisseur ja nicht nur einen Tag, sondern meist etliche Wochen. Das kostet wahnsinnig viel Kraft, die ich einfach nicht mehr habe. Ich bin ja fast 80! Vom Kopf her könnte ich ewig weitermachen, aber es geht physisch nicht. Manche Regisseure sitzen hinterm Monitor und lassen andere Leute für sich die Anweisungen geben, die Konflikte regeln. Aber das kann und will ich nicht. Und ich kann eben auch nicht mehr herumrennen und sagen: Tu das, tu dies.

Sie kennen gewiss den portugiesischen Regisseur Manoel de Oliveira, der 1908 geboren wurde und immer noch Filme macht.

Aber klar: Das ist schockierend! Wahrscheinlich ist er in Wahrheit erst 50… Nein, das war ein Scherz.

Wenn Sie nicht weitermachen, ist also Ihr letzter Film, „Jimmy’s Hall“, einer über Irland. Genauer gesagt Ihr zweiter großer Irland-Film nach „The Wind That Shakes the Barley“. Warum ausgerechnet Irland?

Als ich „Jimmy’s Hall“ plante, dachte ich ja nicht, dass dies mein letzter Film wird. Ich dachte, es sei einfach nur mein nächster Film. Außerdem war der Geschichte von „Jimmy’s Hall“ eine klassische Einfachheit zu eigen, die mich fesselte: Der Ire Jimmy Gralton, der lange in den USA gelebt hatte, kehrt in die Heimat zurück und macht dort seine alte Dance Hall wieder auf, die einst von den Briten im Verbund mit der irisch-katholischen Kirche sabotiert und dann niedergebrannt wurde. Es ist eine klassische Geschichte vom Widerstand einfacher, armer Leute gegen die Obrigkeit, die die Kontrolle behalten will, auch über Dinge wie Bildung und Kultur.

Die Frage ist nun, was daran so gefährlich ist…

Die einfachen Leute wollen diese Tanzhalle als Ort, an dem sie unabhängig sind. Das macht den Ort so gefährlich. In der Dance Hall tanzen und singen sie, treiben Sport, debattieren aber auch. Und es gibt Kurse, etwa für die gälische Sprache. Die Kirche will aber das Bildungsmonopol behalten. Und sie kollaboriert mit den reichen Landeigentümern, um die Verhältnisse zu wahren. Die Reichen sollen reich bleiben und die Armen arm. Unabhängig gebildete Untertanen wünscht sich keine Macht der Welt. Diese Allianz von institutionalisierter Religion, sprich Kirche, und wirtschaftlich Mächtigen ist sehr repressiv. Und man findet sie auch heute noch. Einer ihrer Glaubenssätze ist die Verherrlichung des freien Marktes: Dass es keine Alternative dazu gibt; dass man am besten alles privatisiert. Und diese Ideologie wird so lange von Politikern und in den Medien verbreitet, bis sie akzeptiert ist. Aber man kann kollektiv arbeiten und Dinge gemeinsam besitzen.

Kultur ist in Ihrem neuen Film ein Mittel des Widerstands.

Das war die Kultur tatsächlich oft. Denken Sie nur an die Kampagnen gegen Jazz: Das sei die Musik des Teufels, hieß es früher mal! Oder daran, wie Punk in den Ostblock-Staaten verfolgt wurde.

Obwohl „Jimmy’s Hall“ ein so politischer Film ist, vermittelt er ungeheure Lebensfreude und Menschenfreundlichkeit. Wann immer ich einen Ihrer Filme sehe, komme ich mir danach vor, ich sei ein besserer Mensch als ich tatsächlich bin.

Das ist sehr nett, dass Sie das sagen. Es wäre ganz wunderbar, wenn es so wäre!

Was ich meine: Offenbar steckt eine große moralische Kraft in Ihren Filmen, die ja nicht nur mich als Zuschauer anspricht.

Das verdanken die Filme aber auch Paul Laverty: Er ist ein unglaublicher Drehbuchautor mit großer Fähigkeit zur Empathie, Menschenliebe und Solidarität. Also beginnt es mit dem Drehbuch. Und dann sind da all die anderen Leute, die an so einem Film beteiligt sind. Meine Aufgabe als Regisseur ist es auch, dafür zu sorgen, dass alle eine gute Zeit haben. Klingt albern, ist aber ungeheuer wichtig. Diese Empathie, Stärke und Menschenliebe muss in den Augen der Darsteller zu sehen sein, denn ich kann nur filmen, was vor der Kamera zu sehen ist. Letztlich ist aber auch das politisch: Filmisch zu vermitteln, dass wir über Stärke verfügen. Obwohl es Niederlagen über Niederlagen gab, auch für den Helden Jimmy Gralton. – Natürlich kann ich die Weltgeschichte nicht verändern. Aber ich kann zeigen, dass der Kampf vielleicht doch zu gewinnen ist.

Die Geschichte ist reich an charismatischen Personen, die für die Gerechtigkeit streiten. Was machte ausgerechnet Jimmy Gralton so interessant für Sie?

Gerade Linke können manchmal ziemlich ernst bis feierlich, dogmatisch oder sogar sauertöpfisch sein. Jimmy war das nicht. Er war ein Original mit einer spitzen Zunge, der den Leuten auch das Feiern gönnte. Er liebte das Leben. Er war kreativ. Er konnte die politische Analyse mit alltäglicher Freude verbinden. Das macht ihn so besonders. Die US-amerikanische Anarchistin Emma Goldman hat mal gesagt: „Wenn ich nicht tanzen kann, will ich nicht Teil dieser Revolution sein!“

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie Ken Loach seiner linken Überzeugung treu bleiben konnte.

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