Neuer Inhalt

Kino und Filmförderung: Was nützt ein Film, wenn ihn keiner sieht?

Alle freuen sich für das frisch vermählte Paar, nur Monsieur Claude (Christian Clavier, 3.v.l.) nicht, der für seine Töchter „französischere“ Männer wollte.

Alle freuen sich für das frisch vermählte Paar, nur Monsieur Claude (Christian Clavier, 3.v.l.) nicht, der für seine Töchter „französischere“ Männer wollte.

Foto:

Neue Visionen

Herr Bräuer, wie steht es aus Sicht der Filmkunsttheater eigentlich um den deutschen Film?

Die deutschen Filmkunstkinos hängen am deutschen Film, wir brauchen ihn und spielen viele deutsche Filme. Deswegen leiden wir vielleicht besonders mit dem deutschen Film. Weil mehr und mehr deutsche Filme finanziell gefördert werden und in die Kinos kommen. Die Förderung ist dabei sehr produktionszentriert – so als würde vor allem gefördert, um Filme in der Hoffnung auf wirtschaftliche Standorteffekte um ihrer selbst willen entstehen zu lassen. Hauptsache die Studios sind belegt, Kameraleute et cetera beschäftigt…

Das sind auch alles hehre Ziele. Aber ein Film lebt nun einmal wie jede andere Kunst auch davon, gesehen, von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Aber bei vielen deutschen Filmen stellt sich doch die Grundsatzfrage: Warum soll man sich das ansehen? Was hebt diesen Film heraus aus der Menge? Hat er eine besondere Geschichte, einen interessanten Erzählansatz? Leider ist das bei vielen deutschen Filmen nicht der Fall. Es gibt drei, vier herausragende und einige spannende Nischen- und Dokumentarfilme. Aber dann bricht es qualitativ doch oft ab, vieles ist brav und vorhersehbar.

Was sind für Sie herausragende deutsche Filme?

In diesem Jahr zum Beispiel: „Phoenix“ von Christian Petzold ist großartig – mit eigener Filmsprache, eigener Ästhetik. Oder „Das Salz der Erde“ von Wim Wenders. Und als Kinderfilm „Rico, Oscar und die Tieferschatten.“ Rückblickend war „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta ein herausragender Film: Die Agenda dieser politischen Philosophin war spannend umgesetzt, gut gespielt. Oder „Oh, Boy“ – wo man sich sagte: Ja, das ist es - eine neue Stimme. Aber viele deutsche Filme sind nur irgendwie okay, gut gemacht, aber eben nicht originär.

Sie sprachen die deutsche Filmförderung an. Ist die also das Problem bei der mangelnden oder nur durchschnittlichen Qualität vieler Filme?

Das Problem liegt darin, dass die deutsche Filmförderung nicht qualitäts- sondern viel zu produktionsorientiert ist. Ein Film benötigt zudem auch öffentliche Aufmerksamkeit, und dazu braucht es Geld fürs Marketing. In den USA ist das Verhältnis in etwa so: 65 Prozent des Budgets für die Produktion, 35 fürs Marketing. In Europa und auch in Deutschland wird erst einmal der Film produziert; es gibt entweder gar kein oder ein zu geringes Marketing-Budget. Denn nur rund zehn Prozent dessen, was an nationalen Fördergeldern in die Produktion fließt, geht ins Marketing, so eine EU-Studie. Hier zu Lande werden zu viele Filme gefördert, für deren Sichtbarmachung dann zu wenig Geld zur Verfügung steht. Die Filmtheater haben Fördergelder für die Digitalisierung erhalten, aber es braucht eben nicht allein die Technik, sondern auch eine ansprechende Ausstattung und ein lokales Filmmarketing. Förderprogramme, um diese kulturellen Orte zu pflegen oder gar neue zu bauen, haben die wenigsten Bundesländer.

Wie könnte man einen guten deutschen Film besser sichtbar machen?

In der deutschen Filmförderung muss es eine Umschichtung geben, weg von der Produktions- und hin zu besserer Verleih- und Kinoförderung. Das ist das Grundsätzliche. Dazu kommt, dass etwa die Fernsehsender ihren Beitrag zur Filmförderung über sogenannte Medialeistungen, etwa Werbespots für neue Filme erbringen, dies aber meist nur für große Filme mit bekannten Namen. Die qualitativ hochwertigen kleinen Filme bleiben da wieder außen vor. Und der gute Arthaus-Film ist im Fernsehen viel zu wenig präsent. Da gibt es nicht mal zwischen Zahnpasta und Waschpulver einen Werbespot.

Gibt es, wie es mal in der Debatte hieß, zu viele deutsche Filme?

Martin Moszkowicz von Constantin Film hat mal gesagt: Es gibt nicht zu viele Filme, sondern zu viele schlechte Filme. Die nicht die Kraft und das Budget haben, sich durchzusetzen. Wenn man zu viele von diesen Filmen hat, beginnen die sich gegenseitig zu kannibalisieren im Kino. Wenn, sagen wir, in einer Woche sechs deutsche und 15 Filme insgesamt starten, gehen wohl die meisten davon unter. Was Kinos brauchen, sind qualitativ überzeugende, zugkräftige Produktionen zur Auslastung der Säle. Die stützen dann auch andere Werke. Denn noch immer ist der Filmtrailer wichtig: Der kann dazu beitragen, dass auch der kleinste Nischenfilm wahrgenommen wird.

Was macht denn einen guten Arthaus-Kinofilm aus?

Ich könnte es natürlich pauschal fassen: Ein guter Film ist der, den viele Leute sehen wollen, wo die Kinos gut ausgelastet sind. Aber wir sind als Kinomacher ja nicht nur Ökonomen, sondern auch Überzeugungstäter. Ein guter Film nutzt die Leinwand und den Raum bewusst mit seinen Bildern. Ein guter Film erzählt eine fesselnde Geschichte. Die Menschen lieben es, sich von Geschichten verzaubern zu lassen. Sie lassen sich auch gern die immer gleiche Geschichte erzählen, wenn es denn auf originäre, neue Weise geschieht. Wenn nicht, dann ist das Ergebnis Gähnen. Wenn der zehnte Film über dieselbe Subkultur ohne substanziell neuen Ansatz kommt, hat dieser ganz klar schlechte Chancen.

Dass unlängst der Deutsche Filmpreis von Anfang Mai auf den 19. Juni verlegt wurde, muss Sie erleichtern. Der Stau an deutschen Filmen nach der Berlinale, die ja eine Plattform für das deutsche Filmwesen ist, entzerrt sich dadurch.

Wir haben mit der Deutschen Filmakademie viele Jahre lang über diese Verschiebung geredet. Die Situation war unhaltbar. Alle Arthaus-Filme starteten bislang im ersten Quartal des Jahres – im Umfeld der Verleihung der Oscars und des Auslandsoscars sowie der Berlinale und der Verleihung des Deutschen Filmpreises. Ab Mai, Juni gab es dann kaum noch deutsche Filme in den Kinos. Wenn aber der Deutsche Filmpreis mehr wert sein soll als der Kinobesucher, stimmt etwas nicht. Und wenn man dann sieht, wie manche gute deutsche Filme bei 20.000 Zuschauern stecken bleiben, weil zu viele gleichzeitig starten – dann hat man das Problem der gegenseitigen Kannibalisierung. Ab 2015 ist die Situation hoffentlich entspannter.

Wenn man sich die Arthaus-Kinohitparade ansieht, stellt man fest, dass die Spannbreite da groß ist. Auf Platz eins fand sich in der 43. Kalenderwoche „The Cut“ von Fatih Akin und auf Platz neun die Komödie „Wie in alten Zeiten“ mit Pierce Brosnan und Emma Thompson. Was sind denn Ihre Kriterien für eine Kinoprogrammierung?

Zum einen müssen wir vom Kinomachen leben. Zum anderen gibt es in Deutschland keine speziellen Arthausfilm-Kriterien. Das ist beispielsweise in Frankreich oder aber Italien anders. Tatsächlich sind die Übergänge fließend. Wir zeigen im Arthaus auch „James Bond“ – als Kult. Und dann gibt es regionale Besonderheiten für Arthaus-Kino: Wenn man so ein Kino in einem Kurort oder Urlaubsort oder aber auf dem Land betreibt, hat man gewiss mehr Angebote für Ältere oder Familien. –„The Cut“ läuft ungeachtet der durchwachsenen Kritiken, weil unsere Zuschauer eben auch das Werk eines Künstlers begleiten – so wie sich ein Musikliebhaber immer das neue Album seines Idols holt. Und die Möglichkeit, das neue Werk eines interessanten Regisseurs zu sehen, gibt es bei uns oft auch mehrere Wochen, denn die guten Filme laufen in den Filmkunstkinos lange.

Welches waren bislang die erfolreichsten Arthaus-Filme 2014?

Zu Anfang des Jahres „Grand Budapest Hotel“ von Wes Anderson, auch dank der Berlinale, die der Film eröffnete. Die Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ läuft seit ihrem Kinostart im Juli top. Auch „Boyhood“ von Richard Linklater ist ungeachtet der Laufzeit von drei Stunden ein Erfolg. Die Arthaus- und Programmkinos haben sich jedenfalls besser geschlagen als der Mainstream-Markt.

Wie arbeiten die Filmkunsttheater eigentlich mit den Filmverleihern zusammen?

Wir fahren auch auf die großen Filmfestivals, und wenn wir dort etwas Hochinteressantes sehen, raten wir schon mal den Verleihern: Kauft das doch. Umgekehrt fragen uns auch Verleiher mitunter, ob dieser oder jener Film Chancen im Kino hätte. Da gibt es einen Austausch.

Bei uns geht es auch immer darum, wohin sich die Filmkunst und der Nachwuchs entwickelt. Ich habe den Eindruck, dass mehr und mehr Kreative an den Filmhochschulen ausgebildet werden – viel zu zu viele. Aber für das Kino wird nicht ausgebildet. Alle reden über das Kino, zu wenige aber mit den Kinobetreibern. Wie die Praxis läuft, weiß der kreative Nachwuchs oft nicht. Da wird ein junger Regisseur etwa für seinen Abschlussfilm auf Festivals gefeiert – und das war es dann. Der Markt tickt anders. Böse Zungen behaupten, dass man an den Filmhochschulen beigebracht bekommt, wie man an die Fördertöpfe herankommt. Früher gab es da mehr Austausch mit der Praxis des Kinos.

Zum Abschluss: Schauen Sie sich auch mal einen großen Hollywood-Kracher an?

Natürlich. Ich bin generell ein großer Kinofan. „Gravity“ von Alfonso Cuarón habe ich beispielsweise im Multiplex gesehen.

Das Gespräch führte Anke Westphal.

nächste Seite Seite 1 von 2