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Kinostart: Woody Allens "Magic in the Moonlight": Misanthrop trifft Medium

Magie des ersten Kusses: Sophie (Emma Stone) hat Stanley (Colin Firth) verzaubert.

Magie des ersten Kusses: Sophie (Emma Stone) hat Stanley (Colin Firth) verzaubert.

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Warner

Mit den Filmen von Woody Allen verhält es sich inzwischen so wie mit einem Glas Champagner zu Feiertagen. Der Genuss wird immer noch als etwas Besonderes zelebriert, aber man kennt ihn auch zur Genüge. Dennoch versetzt er einen, wie nahezu jedes Ritual, in quasi feierliche Stimmung. Freunde des ewigen Stadtneurotikers Woody Allen begrüßen schon aus lieber Gewohnheit jedes seiner Werke. Und werden dabei doch immer wieder überrascht, etwa durch den steten Wechsel von Drama und Komödie, der Allens Werk kennzeichnet.

Und so erfreut der New Yorker Regisseur nun nach dem Drama „Blue Jasmine“ mit einer romantischen Komödie, die ins nostalgische Licht der 1920er-Jahre getaucht ist. „Magic in the Moonlight“ ist weitgehend an der Côte d’Azur angesiedelt, deren Postkartenschönheit Allen ganz illusorisch inszeniert. Besonders deutlich wird das in einer Szene, in der ein mittelalter Mann und eine junge Frau im Auto eine Küstenstraße befahren – das Ganze wirkt, als wäre die französische Riviera eine Pappkulisse, vor der ein Studioarbeiter den Wagen von Stanley Crawford mittels Hydraulik bewegt, so wie bei Dreharbeiten früherer Zeiten. Hier spürt man die Magie des Kinos: Dass die Illusion als solche sichtbar ist, verstärkt ihren Reiz.

An die Côte d’Azur hat sich Stanley Crawford auf Bitten eines alten Freundes begeben, der als Berufsillusionist arbeitet – genau wie Crawford, der als Zauberer Wei Ling Soo berühmt ist. Zu Beginn des Films lässt der vorgeblich chinesische Magier einen Elefanten von der Bühne eines Berliner Varietés verschwinden – um dann nach der Show die Mitwirkenden anzuschnauzen. Denn Stanley Crawford (Colin Firth) ist nicht nur ein arroganter und cholerischer Mann, sondern auch ein langweiliger Rationalist, der weder an Zauberei noch an Magie glaubt. „Das Leben ist hässlich, brutal und kurz“, meint er – und erweist sich damit als Alter Ego seines Schöpfers Woody Allen, den man auch für folgendes Bekenntnis liebt: „Ich hasse die Wirklichkeit, aber es ist der einzige Ort, wo man ein gutes Steak bekommt.“ Wie wahr!

Crawford soll an der Côte d’Azur die Hellseherin Sophie Baker (Emma Stone) der Scharlatanerie überführen. Zudem hat die junge Frau mit ebenso viel Charme wie Berechnung das Herz eines attraktiven, aber tumben Multimillionärs erobert, der ihr süßliche Ständchen darbringt.

Identität als Konstruktion

Schon die Eröffnungsmusik zu „Magic in the Moonlight“ verbreitet gute Laune. Über all den liebevoll rekonstruierten historischen Charleston-Ära-Kostümen und Art-déco-Kulissen könnte man indes glatt übersehen, dass Allen in seinem neuen Film gleich an mehreren Scharaden bastelt, die kinematografische inklusive. Dass sich ein angeblich chinesischer Zauberer, der eigentlich ein britischer Misanthrop ist, auf einem allzu malerischen südfranzösischen Landsitz als Geschäftsmann für Im- und Export ausgibt, ist schon ein wenig verwirrend. Und dann kommt noch ein hübsches Medium hinzu, das für Staunen sorgt bei diversen spiritistischen Sitzungen, die jeweils ganz zur Zufriedenheit der Kunden verlaufen.

Identität als Konstruktion und nicht allein als Resultat einer Lebenserzählung – das ist eins der Motive des Films. Einmal heißt es einleuchtend, dass eine nette Betrügerin einem ehrlichen Ekel allemal vorzuziehen sei. Woody Allen selbst begnügt sich bei „Magic in the Moonlight“ mit der Rolle des Regisseurs. Und wenn er einen Illusionisten ohne Illusionen auf eine Mystikerin ohne metaphysische Begabung treffen lässt, kommt es nicht allein zu spitzen Dialogen – es werden auch Grundfragen der menschlichen Existenz angerissen. Etwa: Ist ein Leben ohne Illusionen überhaupt erträglich? Ist die absolute Vernunft nicht unmenschlich?

Von Magiern, Zauberei und Illusionismus zeigt sich der nunmehr 79-jährige Woody Allen seit Jahrzehnten fasziniert; etliche seiner Filme legen davon Zeugnis ab, von „New York Stories“ über „Im Bann des Jade Skorpions“ bis hin zu „Scoop – Der Knüller“, in dem Allen den Bühnenmagier Splendini verkörpert. „Magic in the Moonlight“ ist nun vielleicht das menschenfreundlichste – manche sagen: unerheblichste – Produkt von Allens Liebe zum Imaginären.

Großartige Leistungen in den Nebenrollen, etwa von Eileen Atkins als hinreißend elegante Tante Vanessa, machen diesen Film indes ebenso zum Vergnügen wie der Umstand, dass die Chemie stimmt zwischen Colin Firth und Emma Stone, wenn sie als Stanley und Sophie dem Zauber einer Sternennacht erliegen – und zwar in einer Sternwarte.