blz_logo12,9

Kritik zu "Birdman": Michael Keaton trifft auf nackten Edward Norton

Seine Rolle ist immer bei ihm: Riggan Thomson (Michael Keaton).

Seine Rolle ist immer bei ihm: Riggan Thomson (Michael Keaton).

Foto:

fox

Früher hat Riggan Thompson den Superhelden Birdman gespielt, nun aber entdeckt er den Künstler in sich. Am Broadway inszeniert er ein Theaterstück nach Raymond Carver, sich selbst hat er in der Hauptrolle besetzt, doch irgendwie steht seine geistig-artistische Veredlung unter keinem guten Stern – besonders dann nicht, als er sich zwischen zwei Auftritten aus seinem Theater aussperrt, nur mit einer Unterhose bekleidet.

Der Spießrutenlauf zwischen den Handyfotos schießenden Passanten zum Haupteingang hindurch beschert Riggan zwar 80.000 Likes auf Facebook, wie seine Tochter Sam fast genießerisch feststellt. Doch was hat Riggan von dem neumodischen Kram? Er will eine Rezension in der „New York Times“.

Hoffnungslos aus der Zeit gefallen ist er also, der Held in Alejandro González Iñárritus neuem Film „Birdman“. So hoffnungslos wie sein Darsteller Michael Keaton selbst, der einst als Batman zu Starruhm gelangte, zuletzt aber für das Outdoor-Fernsehmagazin „Buccaneers&Bones“ angeln ging. Mit der Rolle des Riggan Thompson ist ihm nun ein glanzvolles Comeback gelungen: Der Film eröffnete im vergangenen Spätsommer das Festival von Venedig, Keaton selbst gewann jüngst einen Golden Globe und ist nun für einen Oscar nominiert. Wie „Birdman“ überhaupt als Favorit ins Rennen geht, wenn Hollywood demnächst wieder seine rauschendste Nacht des Jahres feiert.

Was immerhin beweist, dass man in Tinseltown über sich selbst lachen kann: Iñárritu lässt schließlich keinen Stein auf dem anderen, was die Denkmalpflege in Sachen Schauspielkunst und Showgeschäft betrifft. Stand sein Name seit dem Durchbruch mit „Amores Perros“ im Jahr 2000 und Erfolgen wie „21 Grams“ und „Babel“ für einen virtuos verschachtelten Regiestil mit leichter Angebergeste, so langt „Birdman“ als schwarze Komödie kräftig hin: Riggan Thompsons Broadway-Theater ist das reinste Irrenhaus, die Diagnose lautet je nachdem auf Narzissmus oder Größenwahn. Bei den meisten, und nicht nur den Schauspielern, auf beides.

1405122

Sex vor Publikum

Seine inszenatorische Kunstfertigkeit konzentriert Iñárritu nun auf eine Kamerafahrt, die „Birdman“ wie eine einzige Plansequenz erscheinen lässt. Einmal streifen wir so auf dem Broadway an einem Straßenmusiker vorüber, dessen vorantreibendes, nervöses Schlagzeugspiel der Regisseur als Soundtrack für den gesamten Film nutzt: Alles hängt mit allem zusammen in „Birdman“, und die Kamera ist wie ein nach Peinlichkeiten gierender Detektiv, der seine Opfer zuverlässig in flagranti erwischt.

Zum Beispiel Edward Norton als egomanischer Bühnenpartner von Riggan Thompson, der Lesley (Naomi Watts), die dritte Mitspielerin, zu realem Sex vor Publikum überreden will. Sein Mike Shiner strebt stets in die Extreme, um alle Welt zu beeindrucken: Auf der Bühne trinkt er echten Schnaps statt Wasser, und als er sich einmal mit seinem Chef prügelt, trägt auch er nur Unterhose. Dem seelischen Striptease folgt in „Birdman“ konsequent der physische.

Natürlich wird jeder, der gern ins Kino geht, an solchen anspielungsreichen Szenen seine helle Freude haben: Iñárritu wirft eine gigantische Referenzmaschine an, mischt Anklänge an „Fight Club“ mit Edward Norton voller Ironie mit dem Widerhall von Keatons Batman-Vergangenheit, die im Film Riggan Thompsons Birdman-Vergangenheit ist – wie ein böser Schatten verfolgt die einstige Starrolle den ergrauten Mimen, dessen Neurosen noch dazu befeuert werden, wenn er die Grabesstimme des Superhelden hört: Zu Riggans künstlerischen Ambitionen fällt Birdman leider überhaupt nichts Schmeichelhaftes ein.

Doch Iñárritu hat glücklicherweise mehr als den Film eines Cineasten für Cineasten gedreht. Riggan Thompsons Bühne steht für die Welt – hier werden klassische Fragen gestellt, die vom Altern und der Angst vorm Scheitern handeln. Oder von der Furcht, sich überhaupt dem Leben zu stellen, denn diese treibt die Tochter um: Die famose Emma Stone spielt Sam, die auf die manische Extravaganz des Vaters mit eisiger Illusionslosigkeit reagiert, wenn sie sich nicht in Drogenrausch flüchtet. So munter Iñárritu Film- und Bühnenträume demontiert, so existenziell erwachsen aus den Trümmern buchstäblich Fragen nach Leben und Tod. Birdman ist Ikarus, dem Absturz stets bedrohlich nah.