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Kubrick-Retrospektive im Kino Babylon Berlin: Kubrick war ein politisches Biest

Für Kubricks Film „Eyes Wide Shut“ (nach Schnitzlers „Traumnovelle“) hat Edgar Reitz die Synchron-Regie übernommen.

Für Kubricks Film „Eyes Wide Shut“ (nach Schnitzlers „Traumnovelle“) hat Edgar Reitz die Synchron-Regie übernommen.

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DPA/ZDF

Mit „Clockwork Kubrick“ zeigt das Kino Babylon ab 16. Januar eine Retrospektive der Filme von Stanley Kubrick. Die Regielegende wird mit 12 Spielfilmen gewürdigt, viele davon in 4K neu digitalisiert und restauriert, mit seinem Debüt-Kurzfilm „Day of the Fight“ sowie der Dokumentation „Stanley Kubrick – A life in Pictures“ von Jan Harlan. Harlan ist zu Gast; er war Kubricks ausführender Produzent und außerdem dessen Schwager.

Herr Harlan, der Anlass für die aktuelle Kubrick-Retrospektive ist ein technischer. Erstmals liegen die Filme in optimal digitalisierter 4K-Fassung vor. Wie sehen Sie diesen Umstand, vor allem in Hinblick auf die Werktreue? Schließlich sind die Filme noch analog gedreht worden.

Das muss man nüchtern sehen. Es ist wichtig, die Filme heute so zu zeigen, wie sie Kubrick selbst damals auf der Leinwand sehen wollte. Die alten 35-Millimeter-Kopien, selbst wenn sie noch in guter Verfassung sind, verblassen zunehmend. Analoge Kopien entsprechen viel weniger dem Original, denn es gibt kaum noch qualitativ hochwertige Exemplare. Es ist ja auch viel zu teuer, immer wieder neue herzustellen.

Die Werkschau umfasst fast alle langen Filme, außer dem 1953 gedrehten Erstling. Warum fehlt „Fear and Desire“ weiterhin?

Kubrick wollte das nicht. Ihm ist es nicht gelungen, den Film vollständig aus dem Verkehr zu ziehen. Er wollte um jeden Preis verhindern, dass dieser Film von irgendjemandem gesehen wird. Persönlich finde ich ihn nun gar nicht so schlecht, Kubrick hat mit seinem negativen Urteil übertrieben. Aber das spielt keine Rolle. Ich werde weiter seinen Wunsch akzeptieren.

Und wie verhält es sich mit den bislang unveröffentlichten Kurzfilmen „Flying Padre“ (1951) und „The Seafarers“ (1952)?

Diese Filme sind nicht so bedeutend. Viel wichtiger war „Day oft he Fight“ von 1951, der sehr viel mit Kubricks damaliger Arbeit als Fotograf zu tun hat. Dieser Film wurde restauriert und ist Teil des Programms.

Er wirkt heute vielleicht ein bisschen altmodisch, aber man bemerkt bereits, dass es sich um einen begabten Filmemacher handelt. Zum ersten Film, zu dem er wirklich stand und auf den er stolz war, wurde 1956 „The Killing“. Die Rechnung ging nicht auf. Der Durchbruch, zu dem was er wirklich machen wollte, war dann „Paths of Glory“ (Wege zum Ruhm).

Schauen Sie sich selbst eigentlich die Filme Kubricks auch wieder an oder haben sie diese bereits vollständig verinnerlicht? Gibt es einen Lieblingsfilm?

Doch, ich sehe die Filme immer wieder gern, obwohl ich sie natürlich kenne, vor allem diejenigen, an denen ich beteiligt war. Aber prinzipiell sehe ich einfach gerne gute Filme, und deshalb auch die von Kubrick. Natürlich bin ich etwas zu dicht dran. Ich bin nicht objektiv. Aber eigentlich ist mein Lieblingsfilm dann doch „Eyes Wide Shut“ (1999). Vielleicht liegt meine Vorliebe daran, dass wir extrem lang an diesem Film gearbeitet haben. Bereits 1970 wurden die Rechte an Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ erworben. Immer wieder wurde die Arbeit aufgenommen und wieder unterbrochen. Vor „Shining“ (1980) stand er ganz dicht davor, ihn zu machen: mit Woody Allen als Arzt, in Schwarzweiß, als Low-Budget-Movie, ganz billig. Aber dann war er plötzlich wieder mit dem Drehbuch unzufrieden und hat alles wieder fallen lassen. Er war 1999 so glücklich, dass er es doch noch geschafft hat. Er empfand „Eyes Wide Shut“ als wichtigsten Beitrag zum Kino als Kunst. Vielleicht war „2001“ (1968) die filmtechnisch größere Leistung – aber am meisten geliebt hat Kubrick seinen letzten Film. Ihm ging es ja immer mehr um den Inhalt, um die Beleuchtung menschlicher Schwächen. Das ist der Rote Faden, der sich durch alle seine Filme zieht.

Hat uns das Werk Kubricks heute noch etwas zu sagen oder handelt es sich „nur“ um Klassiker?

Alle Filme sind weiterhin brandaktuell, von „Paths of Glory“ bis „Eyes Wide Shut“, das steht völlig außer Frage. „2001“ zum Beispiel: Kubrick verbeugte sich mit diesem Film vor dem großen Unbekannten. Er war ja keineswegs ein religiöser Mensch. Aber er war sich stets vollkommen bewusst, dass es noch viel mehr jenseits dessen gibt, was wir verstehen können. Als wir den Film im Vatikan gezeigt haben, trat ein Kardinal vor die geistlichen Würdenträger im Publikum und sprach: „Sie sehen jetzt den Film eines Agnostikers, der ins Schwarze trifft.“ Weit weniger geliebt von der katholischen Kirche wurden allerdings „A Clockwork Orange“ und vor allem „Lolita“, zu Unrecht.

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