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La La Land: Eine leichtfüßige Hommage an Hollywoods große Musicals

La La Land

Seb (Ryan Gosling) träumt sich mit Mia (Emma Stone) nach Paris.

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Studiocanal

Seit seiner Premiere am 31. August 2016 beim Festival von Venedig wird dieser Film gefeiert. Kritiker singen und tanzen seinen Namen, in dem Sehnsucht steckt: „La La Land“ – das ist das Land der großen, unerfüllbaren Träume, ein Luftschloss aus Glitzer und Sternenstaub. Der junge Regisseur Damien Chazelle hat diesen Traum wahr gemacht mit einer einfachen Geschichte, in der das Hollywood-Traumpaar Emma Stone und Ryan Gosling seinen Träumen hinterherjagt und die Traumstadt Los Angeles – auch der Name der Filmmetropole steckt im Titel – unter die Füße nimmt, mit bezwingender Leichtigkeit.

Alle sind sich nun einig, dass das Kino mehr Musicals braucht. Ein gutes Musical bildet schließlich noch immer den Höhepunkt der Filmkunst, als vollständige Mobilisierung all ihrer Kräfte: Farbe, Tanz und Gesang. Oder wie es nun clever in der Ouvertüre heißt: „Technicolor, Musik und Technik!“ Warum macht Hollywood das nicht öfter?

Rückgriff auf Hollywoods Goldene Ära

Man kann sich dem Phänomen „La La Land“ von zwei Seiten nähern. Da ist zum einen der Rückgriff auf Hollywoods Goldene Ära. Der hat sich zuletzt fast zum eigenen Genre entwickelt. Filme wie John McNamaras „Trumbo“, „Hail, Caesar!“ von den Coen-Brüdern – übrigens mit einer astreinen Musical-Steppnummer à la Gene Kelly – und jüngst Woody Allens „Café Society“ sonnten sich im Glanz der Traumfabrik. In der Jetztzeit wird diese Nostalgie von Mia (Stone) verkörpert. An ihrer Wand hängen Poster von Ingrid Bergman und Fred Astaire, sie will Schauspielerin werden und arbeitet zwischen den Vorstellungsgesprächen als Kellnerin. Wie scheinbar ganz Hollywood sehnt sie sich nach jener Zeit, als die Sache noch Bedeutung hatte. Mias Arbeitsplatz findet sich auf den Flächen der alten Warner-Studios – mehr Touristenattraktion als Drehort, mithin perfekter Schauplatz eines Filmmusicals.

Der andere Zugriff geht über das Genre selbst. Das Musical ist eine konstante Randerscheinung des Betriebs. Noch immer lautet die zweitwichtigste Kategorie der Golden Globes „Musical and Comedy“. Zwar brachten spektakuläre Neuauflagen wie „Moulin Rouge!“ und „Chicago“ nie die erhoffte Renaissance, doch die Form bleibt präsent. Spike Lees Gangsta-Musical „Chi-Raq“ ist in bester Erinnerung; am Broadway sorgt seit einiger Zeit „Hamilton“, ein Stück über schwarzes Leben in den USA, für Furore und heftige Debatten. Und was machen wir eigentlich mit den „Pitch Perfect“-Filmen, die den Casting-Wahnsinn ins Kino tragen? Das Musical ist keine verstaubte Form von gestern, sondern wandelbar und aktuell. Zum Singen und Tanzen braucht es keinen Anlass, und erst recht keine Entschuldigung.

La La Land

Eine Szene aus dem Film „La La Land”, der bei den Golden Globes als beste Komödie ausgezeichnet wurde.

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dpa

Damien Chazelle freilich orientiert sich an den Klassikern. Stones und Goslings erster gemeinsamer Tanz zitiert Gene Kellys Laternenkapriolen in „Singin’ in the Rain“ ebenso wie nahezu alles von Ginger Rogers und Fred Astaire. Es ist der Moment, in dem „La La Land“ – nach der etwas gewollt überwältigenden Massenouvertüre auf dem Highway – zu leben beginnt. Eine „verschwendete Nacht“ wird beklagt, denn Mia und Seb, die Traumtänzerin und der erfolglose Jazzpianist, seien doch nicht füreinander geschaffen. Die perfekte Choreographie von Takt und Tanz indes sagt das Gegenteil. So muss es sein.

Die Leichtigkeit bewahrt

Chazelle ist jedoch noch mehr als ein Traditionalist, nämlich Überzeugungstäter. Er hat für dieses Projekt gekämpft, so wie Mia und Seb für ihre Ambitionen kämpfen, selbst auf Kosten ihrer Liebe. Man kennt diesen Regisseur seit „Whiplash“, dem mit drei Oscars ausgezeichneten Musikdrama um die Härten des Schlagzeugspiels. Sein Debüt allerdings war ein Low-Budget-Jazz-Musical in den Straßen New Yorks, mit zauberhaften Anklängen an die Nouvelle Vague. Jacques Demys „Regenschirme von Cherbourg“ tauchen auch jetzt wieder auf. Und Seb, der Jazz-Purist, muss zwar gelegentlich Weihnachtslieder klimpern oder sich gar – komischer Höhepunkt – in einer 1980er-Jahre-Kapelle verdingen. Er darf jedoch Jazzer bleiben. Das Studio wollte einen Rockmusiker und verschleppte den Film jahrelang.

Sieben Golden Globes hat „La La Land“ kürzlich gewonnen. Chazelle hat sich die Leichtigkeit bewahrt – und die unzeitgemäße Liebe zum Jazz. Ob Stücke wie „Someone in the Crowd“ oder die Leitmelodie „City of Stars“ einmal denselben Status haben werden wie „Singin’ in the Rain“ oder „All that Jazz!“, muss die Zukunft zeigen. Die wunderbare Musik von Justin Hurwitz jedoch ist zweifellos das Herz von „La La Land“. Sie trägt auch über schwächere Passagen, in denen die Melange aus traditionellen Klängen und den Träumen der Moderne nicht rückstandslos aufgeht.

Vor allem aber hat man bei Chazelle, diesem kompromisslosen Filmemacher das Gefühl, dass es hier einer ernst meint und die Flamme weiterträgt. Das Musical darf nicht sterben. Wir wollen mit ihm tanzen wie Mia und Seb, hinauf in den Sternenhimmel und niemals zurück.