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Margarethe von Trotta: Lauter Doppelgänger

Sophie (Katja Riemann) singt im New Yorker Club, aber niemand hört richtig zu.

Sophie (Katja Riemann) singt im New Yorker Club, aber niemand hört richtig zu.

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Concorde Filmverleih

Wie aus dem Gesicht geschnitten – so lautet die Redensart, die sich in Margarethe von Trottas neuem Film zu einem familiären Menetekel auswächst. Rein zufällig stößt Paul im Internet auf das Bild einer US-amerikanischen Operndiva, die seiner verstorbenen Frau bis aufs Haar gleicht. Fortan geistert sie durch seine Träume – ist es die Sängerin, ist es die Tote, die ihm den Schlaf raubt? Um Klarheit zu gewinnen, schickt Paul seine Tochter Sophie nach New York, die sich zunächst sträubt, dann aber mit detektivischem Eifer in Familiengeheimnissen wühlt.

Dass Margarethe von Trotta solche Geheimnisse liebt, hat sie bereits mit dem Film „Die bleierne Zeit“ gezeigt, der ihr 1981 den internationalen Durchbruch und einen Goldenen Löwen in Venedig bescherte. Auch in diesem Film blickt sie hinter die bürgerliche Fassade einer Familie, in diesem Fall die der Pfarrerstöchter Christiane und Gudrun Ensslin, um von dort aus in die Irritationen der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft vorzustoßen. So dezidiert politisch ist „Die abhandene Welt“ nicht. Hier sind es eher seelische Abgründe, die von Trotta auf vielfältige Weise und auf den Spuren der investigativ entflammten Sophie durchaus spannungsvoll auslotet.

Die lockere Katja Riemann

Dabei verschachtelt die Regisseurin eine ganze Reihe von Motiven, an deren Spitze natürlich die Doppelgängergeschichte steht: Caterina Fabiani, die Sängerin an der New Yorker Metropolitan Opera, ist Wiedergängerin der verstorbenen Frau und zugleich Schwester der aufgekratzten Sophie, die ihrerseits singt – wenngleich sehr viel fußwippender im Jazz-Fach, was allein schon Katja Riemann im Vergleich zur leicht pompösen Barbara Sukowa eine lockere Note verleiht.

Auch Sophies Vater Paul, so stellt sich heraus, hat einen Bruder, und beide sind in herzlicher Abneigung miteinander vereint. Auf die eine oder andere Art wird nahezu jede Figur in „Die abhandene Welt“ von einem Schatten verfolgt – von Gespenstern aus der Vergangenheit, deren unheimliche Auftritte von Trotta passend mit Zitaten aus Texten der Romantik verbindet. Auch der Filmtitel verdankt sich einem solchen Klagegesang, nämlich Gustav Mahlers Rückert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“.

Bei von Trotta ist es freilich umgekehrt – hier ist es die Welt, die dem Ich abhanden kommt oder vielleicht auch niemals vorhanden war. Denn so intensiv sich die Figuren ineinander spiegeln und verdoppeln – so sehr hat von Trotta zugleich einen Film darüber gedreht, dass sie einander verlieren und am jeweils anderen einem Leben nachtrauern, das sie niemals gelebt haben. Das beginnt schon bei den Träumen Sophies: Unendlich verloren sitzt Katja Riemann zu Beginn vor einem Kneipenpublikum, das ihren schön rauchigen Gesang mit komplettem Desinteresse straft. Noch bevor sie recht begonnen hat, scheint ihre Karriere als Musikerin wieder beendet – schon wieder so ein ungelebtes Leben.

Melancholie des Misserfolgs

Doch es gehört zu den Vorzügen von Margarethe von Trottas Film, dass er sich nicht einer einzigen Grundstimmung verschreibt. Die Melancholie des Misserfolgs weicht überraschenden Triumphen, und auch die Suche nach der verborgenen Familiengeschichte fördert beim Kramen in alten Kartons und abgewetzten Kisten neben verpassten Chancen allerhand Übersehenes zutage. Sophie eignet sich die abhandene Welt an, und Katja Riemann verleiht ihr dabei eine Energie und Frische, die es schnell verzeihlich erscheinen lässt, dass ihr von Trotta als Sängerin eine manchmal allzu große Bühne bereitet.

In „Hannah Arendt“, ihrem Vorgängerfilm, blieb New York auf die Wohnung der Philosophin beschränkt – die noch dazu in einem Studio in Luxemburg nachgebaut worden war, mit einer auf Spezialfolie aufgemalten Skyline vor den Fenstern. Es trägt viel zur atmosphärischen Dichte von „Die abhandene Welt“ bei, dass man diesmal tatsächlich an Ort und Stelle drehen konnte. Sophie erobert New York im Geist einer Entdeckerin; die Oper, die Clubs, die Straßen strahlen, und es ist kein Wunder, dass sich auch Sophie Liebesleben bald aufhellt. Beherzt und fast ein bisschen penetrant schmuggelt sie sich in Caterinas Garderobe, nur um sich eine krachende Abfuhr einzuhandeln. Auch dies ist eine Doppelgängergeschichte, denn Caterina, die Diva, ist wie New York – glänzend und charmant als Bühnenereignis, aber verschlossen und abweisend, wenn die Lichter verlöschen.

Zwischen dem anbrechenden Frühling am deutschen Niederrhein und dem amerikanischen Hudson hat Margarethe von Trotta ein fein komponierte Geschichte inszeniert. Jede Schönheit hat ihren Makel, jeder Ort sein Geheimnis, jede Familie hat ihr schwarzes Schaf. Von Trottas Leidenschaft ist die Enthüllung. Aber am Ende, wenn alles nackt und schutzlos dasteht, wünscht man sich fast das Mysterium wieder zurück.