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Martin Luther King-Film „Selma“: Ein Denkmal wird besichtigt

Martin Luther King Jr. (David Oyelowo, Mitte) und seine Mitstreiter machen sich entschlossen auf den Weg.

Martin Luther King Jr. (David Oyelowo, Mitte) und seine Mitstreiter machen sich entschlossen auf den Weg.

Foto:

Studiocanal

Vor rund zwei Jahren zeigte Steven Spielberg in „Lincoln“ die Bemühungen des 16. amerikanischen Präsidenten, die Sklaverei in seinem Land einzudämmen – flammende Reden, knarrende Holzdielen und matter Kerzenschein, also mit viel Zeitkolorit. Im Sommer 1965, in dem nun Ava Duvernays „Selma“ über den großen Kampf des Martin Luther King spielt, gibt es immerhin Strom.

So ist einmal eine elektrifizierte Version von Bob Dylans „Masters of War“ zu hören. Doch was die Bürgerrechte, was insbesondere das Wahlrecht für Afroamerikaner in den Südstaaten angeht, hat sich seit Lincolns Zeiten nicht allzu viel getan. Hier setzt der Widerstand von Luther Kings Civil Rights Movement an, der in teils blutig niedergeschlagenen Protestmärschen vom Städtchen Selma nach Montgomery, Alabama, seinen öffentlichen Ausdruck findet.




Doch nicht im Tumult der historischen Auseinandersetzung lässt Duvernay „Selma“ beginnen. Still, fast kammerspielartig spielt die erste Szene des Films in einem Hotelzimmer in Stockholm, wo David Oyelowo als Martin Luther King beim Binden seiner Halsschleife die Dankesrede für den Friedensnobelpreis übt. Die Schleife muss dann doch seine attraktive Frau Coretta richten, wobei dem Bürgerrechtler eine wütende Bemerkung über den schönen Schein der Stockholmer Zeremonie entfährt, die ganz im Gegensatz zur Realität der Schwarzen in den USA steht. Leider ist dies auch ein zentrales Problem des Films.

Alle halt auch nur Menschen

In „Selma“ wird Geschichte nach den Gesetzen der Symmetrie gemacht, sie wird regelrecht gezimmert, fein säuberlich verzapft und verschraubt. Dem King zugeneigten US-Präsidenten Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) steht als Widersacher Tim Roth als Gouverneur von Alabama entgegen, der seinen Südstaaten-Kaugummi-Slang kultiviert und seine rassistische Wählerschaft zufriedenstellen will.

Die Protestmärsche über die Edmund-Pettus-Bridge von Selma finden ihren diplomatischen Kontrapunkt nicht allein im Prunksaal der Stockholmer Akademie, sondern auch in den Hinterzimmern des Weißen Hauses und im Büro von George Wallace, dem Gouverneur in Montgomery. Und wenn sich Martin Luther King vor den Mikrofonen der amerikanischen und der Weltöffentlichkeit als mitreißender Rhetor präsentieren darf, vor schmucken Glasmalereien in einer Kirche, ist die Ehe mit Coretta überschattet von der ständigen Bedrohung seines Lebens. Auch Bürgerrechtler und Politiker sind halt nur Menschen.

Das alles ist ohne Zweifel glänzend gespielt und routiniert inszeniert. Besonders Tom Wilkinson beeindruckt nachhaltig als leutseliger Lyndon Johnson, der gleichzeitig ein versierter Stratege und ein Virtuose der politischen Umarmungstaktik ist: „We shall overcome“, greift er mit Emphase in einer Rede einen Slogan der amerikanischen Gegenkultur auf, als er erkennen muss, dass diese längst mehr geworden ist, als nur eine bunte Antithese zum weißen Establishment. Tim Roth steht Wilkinson kaum nach als rassistisch daher grantelnder Gouverneur Wallace, der noch die übelsten Verleumdungen mit einer säuerlich verzogenen Miene loswird, als wolle er bloß mal einen nicht ganz so korrekten Witz reißen. Und auch Hauptdarsteller David Oyelowo bemüht sich rechtschaffen, in Martin Luther King charismatisches Feuer lodern zu lassen, auch wenn ihm die Pose der historischen Gestalt allzu statuarisch gerät.

Vielleicht ein bisschen zuviel Ophra Winfrey

Dennoch ist „Selma“ nur ein Film, der nicht schlecht ist, dem es zu wirklicher Größe aber an allzu viel mangelt: An Wut, Leidenschaft, auch am Mut, den historischen Konsens einmal zu verlassen und tatsächlich etwas zu wagen. Am augenfälligsten wird dies in der Gestalt von Malcolm X, den Coretta Scott King hinter dem Rücken ihres Mannes trifft.

Wenige Szenen später ist Kings Gegenspieler tot, ermordet, doch das erfahren wir bloß beiläufig in einem Dialog – davon abgesehen, dass es eine ziemliche dramaturgische Zumutung ist, eine eingeführte Figur derart lapidar verschwinden zu lassen: Dieser Umgang mit dem radikalen Abweichler X ist symptomatisch für die musterschülerhafte Attitüde des Films, vor einem Monument niederzuknien. Ein Denkmal namens Martin Luther King. Man kann sich die Trailer seiner Reden gut ausmalen, die während der Oscar-Nacht zu sehen sein werden.

„Selma“ ist so durchkomponiert wie der Sonntagsstaat, den die Akteure auf ihren Märschen tragen. Vielleicht war Oprah Winfrey ein wenig zu dominant, die den Film nicht allein mitproduziert hat, sondern auch die Rolle der Annie Lee Cooper spielt: Wenn man schon aus Gründen der historischen Redlichkeit Gewalt zeigen muss, dann aber bitte wohltemperiert und mit einem goldenen Pathosrahmen versehen. Man kann sich ziemlich sicher sein, dass es 1965 auf dem Freeway von Selma nach Montgomery nicht immer gar so feierlich zuging.

Selma GB/USA 2014. Regie: Ava DuVernay; Drehbuch: Paul Webb; Kamera: Bradford Young; Darsteller: David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Carmen Ejogo u.a. 124 Min. Farbe, FSK o.aA.