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Meryl Streep in der Berlinale-Jury: "Sie hat nichts zu beweisen, da ist kein Ego im Weg“

Meryl Streep bei der Premiere von „Suffragette“. In dem hierzulande gerade angelaufenen Film spielt sie die Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst.

Meryl Streep bei der Premiere von „Suffragette“. In dem hierzulande gerade angelaufenen Film spielt sie die Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst.

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Reuters/Mario Anzuoni

Als Meryl Streep vor vier Jahren das letzte Mal in Berlin war, kam sie in Gestalt einer äußerst unbeliebten Figur. Sie hatte im Film „Die Eiserne Lady“ Margaret Thatcher verkörpert und präsentierte das biografische Drama bei der Berlinale, wo sie außerdem den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk erhielt. Der Bär war vielleicht etwas verfrüht, denn seither hat sie acht Filme gedreht, zwei in jedem Jahr.

Wenn Meryl Streep jetzt wieder nach Berlin reist, wird sie nur eines verkörpern, die meistverehrte Schauspielerin der Gegenwart. Als Präsidentin der internationalen Jury wird sie der Berlinale, wie auch immer sie verlaufen mag, allein durch ihr Dasein zum Erfolg verhelfen. Sie wird in zehn Tagen 23 Wettbewerbsfilme anschauen, Diners bestreiten, Reportern absurde Fragen beantworten und Hunderte Hände schütteln. Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat mit Meryl Streep, wie er weiß, „einen Sechser im Lotto“ gewonnen: „Wir hatten noch nie eine Jurypräsidentin, die von allen Seiten derartige Zustimmung bekommen hat, von den Filmprofis bis zu den Sponsoren“, sagt er. Er selbst habe Meryl Streep vor vier Jahren als vollkommen unprätentiös erlebt, sie hat ihn als ehrlich gerührte Preisträgerin beeindruckt: „Manch einer nimmt ja seinen Goldenen Bären und geht wieder. Sie aber hat sich sehr sichtbar wirklich gefreut.“

Mit Meryl Streep lässt sich, was Personalfragen betrifft, der größtmögliche Konsens erreichen. Was mehr sich kann ein Filmfestival wünschen, an dem sich die Kritiker regelmäßig abarbeiten? Mal ist die Filmauswahl nicht richtig, manchmal stimmt einfach das Wetter mürrisch. Streep ist vergleichsweise makellos. Kritiker und Publikum verehren sie. Und wie es so ist: Erfolg steigert sich irgendwann exponentiell und ganz unabhängig von seinem Urheber. In Amerika gilt das in besonderer Weise. Wer Erfolg hat, ist unangreifbar.

Oscar für die erste Hauptrolle

Das Interessante ist, dass Meryl Streep, mittlerweile 66 Jahre alt, tatsächlich immenses Talent besitzt, aber keinesfalls dem entspricht, was das Publikum von Stars erwartet. Als sie 2012 bei der Berlinale war, sagte Michael Ballhaus, der vor mehr als 25 Jahren mit ihr den Film „Grüße aus Hollywood“ gedreht hat: „Die Arbeit mit ihr war völlig problemlos, sie war immer perfekt vorbereitet, absolut professionell und zu jedermann freundlich.“ Aus Sicht des Kameramanns gab es nur eine Einschränkung. Sie sei etwas schwer zu fotografieren. Ballhaus und Streep werden sich in diesem Jahr wiedersehen, nun ist er es, der den Goldenen Ehrenbären erhält.

Von Anfang an verlief Meryl Streeps Karriere geradezu bestürzend reibungslos. Sie hat keine Ahnung, wie es sich anfühlt, eine arbeitslose Schauspielabsolventin zu sein. Gleich nach ihrem Abschluss in Yale musste sie hastig nach New York ziehen, wo sie Angebote von drei Theater-Produktionen hatte. Für ihre erste Nebenrolle in „Die durch die Hölle gingen“ erhielt sie eine Oscar-Nominierung, für ihre erste große Filmrolle in „Kramer gegen Kramer“ dann den Oscar.

Drei weitere Oscars und 19 Nominierungen hat sie angehäuft. Sie war eine Holocaust-Überlebende in „Sophies Wahl“, in „Der Teufel trägt Prada“ verkörperte sie eine tyrannische Mode-Ikone. Sie war Margaret Thatcher und Ethel Rosenberg, Karen Blixen und Karen Silkwood, sie hat in „Tanz in die Freiheit“ einen vertrockneten irischen Blaustrumpf gespielt und sogar einmal einen greisen Rabbi, in der herausragenden Fernseh-Produktion „Engel in Amerika“.

In der Berlinale-Jury sitzen in diesem Jahr wie immer einige Schauspieler. Es ist interessant, sich vorzustellen, worüber sie wohl miteinander reden werden. Ob der Schaubühnen-Star Lars Eidinger, ebenfalls Jury-Mitglied, erfahren möchte, wie es Meryl Streep gelingt, ihre Filmfiguren mit so eindrucksvoller Wahrhaftigkeit zu verkörpern. In Theater- und Filmkreisen geht es nicht immer nur um Klatsch, sondern manchmal auch darum, wie man sich eine Figur erschließt. Ist es vorrangig Technik? Ist es Instinkt? Wissen Schauspieler eigentlich, was sie tun?

Traumata und Verletzungen

Sogar das Publikum redet über Methoden, auch die Hochglanzmagazine tun das, wenn sie beeindruckt berichten, wie sich Schauspieler Dutzende Kilos anfressen, wie sie Monate in der Wildnis oder in einem Slum leben, um sich auf eine Rolle vorzubereiten. Das wird häufig zu Unrecht für „Method Acting“ gehalten, während sich die „Methode“, wie Lee Strasberg sie an seinem berühmten Institut in New York entwickelt hat, in Wahrheit ganz um die Innenwelt des Schauspielers dreht. Strasberg forderte seine Schüler auf, in sich hineinzuhorchen, frühen Traumata und Verletzungen nachzuspüren und so die eigene Verletzbarkeit in die Darstellung einzubringen. Er schickte Marlon Brando oder Marilyn Monroe zur Psychoanalyse; beide hatten das allerdings nicht als hilfreich in Erinnerung.

Meryl Streep ist das Gegenteil von allem, was mit der „Methode“ zu tun hat. Was nicht heißt, dass sie keine eigene Methode hätte. Sie braucht, um zu spielen, das Stimulans eines Gegenübers, die Selbstversenkung liegt ihr nicht, und das Ausloten eigener Neurosen hat keinen Reiz für sie. Vermutlich ist sie nicht einmal besonders neurotisch. Oder wie die Kollegin Olivia Coleman, im Film Margaret Thatchers Tochter, es einmal formulierte: „Dreharbeiten mit Meryl? Wunderbar. Sie hat nichts zu beweisen, da ist kein Ego im Weg.“

In einem manchmal äußerst aufwendigen Prozess eignet sich Streep ihre Figuren an. 1982 spielte sie in „Sophies Wahl“ eine junge Frau aus Polen, die Auschwitz überlebt hat, danach in Brooklyn lebt und ihre Erinnerungen nicht loswird. Ihre völlig natürliche Darstellung von Schmerz und wieder geleugnetem Schmerz ist in diesem Film ergreifend. Sie brachte es im übrigen auch fertig, mit einem absolut echten polnischen Akzent zu sprechen. Fünf Monate lang hatte sie zuvor mit einer Polnisch-Lehrerin geübt, mehrere Stunden am Tag. „Ich habe immer wieder diese polnischen Diphthonge geübt. Ich wollte wissen, wie ich meinen Kiefer bewegen muss, damit ich die Laute aussprechen kann, ich wollte, dass die Mimik richtig ist“, sagte sie einmal in einem Interview mit dem Autor James Lipton.

Peinliche Mimikry

Wegen dieses nahezu artistischen Zugangs gilt sie als technische und kopfgesteuerte Schauspielerin. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Um Leistungen zu vollbringen wie in „Sophies Wahl“ oder in „Kramer gegen Kramer“, geht sie auch eine besondere emotionale Verbindung zu den von ihr gespielten Figuren ein. Es sei, wie sich zu verlieben, sagte sie zu Lipton. „Man trifft eine Person, und dann passiert etwas, das unbeschreiblich ist.“

Nicht jeder Mensch, in den man sich verliebt, ist dem eigenen Wesen ähnlich, was irritierend sein kann. Meryl Streep aber scheint jede Rolle spielen zu können, auch die ihr entfernteste. Als Zuschauer hat man bei ihrer Margaret Thatcher nie das Gefühl, dass hier eine peinliche Mimikry stattfindet, man sieht eine eigensinnige, festgezurrte Dame mit herrschsüchtiger Mundpartie – eine Neuschöpfung, keine plumpe Nachahmung.

Als Jury-Präsidentin bringt sie so viel praktisches Wissen über Schauspielerei mit, wie ein Mensch nur haben kann. Mit den anderen kreativen Disziplinen hat sie wenig eigene Erfahrung. Sie hat nie Regie geführt, nie ein Drehbuch geschrieben, sie ist kaum je in Autorenfilmen oder Independent-Produktionen aufgetaucht. Am nächsten kam sie diesem Genre wohl mit dem episodischen Künstlerdrama „The Hours“ von Stephen Daldry und mit der irischen Produktion „Tanz in die Freiheit“, wo sie eine sinnenfeindliche Frau so verkörperte, dass sich die Anspannung bis in ihre Halsschlagader fortsetzte.

Der Grund für ihre Abstinenz ist ein praktischer: Kleine, unterfinanzierte Produktionen können unberechenbar sein. Meryl Streep hat immer klar gestellt, dass ihre Familie für sie an erster Stelle steht, darum hat sie immer dort mitgewirkt, wo sie effizient arbeiten konnte – oder die Anwesenheit der Familie möglich war. In „Jenseits von Afrika“ waren alle dabei, während sich Meryl Streep von Robert Redford zärtlich den Kopf waschen ließ. Als sie ein einziges Mal in Europa drehte, geriet der Drehplan aus dem Ruder. Sie musste länger bleiben, ihre Familie ohne sie zurückfliegen. Da, sagt sie, habe sie sich entsetzlich verlassen gefühlt.

Die Familie besteht aus ihrem Mann, dem Bildhauer Don Gummer, drei Töchtern und einem Sohn. Die Gummers leben in einem kleinen Ort in Connecticut. Ihr Mann, sagt Meryl Streep, sei seit mehr als 35 Jahren ihr wichtigster Halt. Im übrigen übernehme sie das Sprechen in der Beziehung, während er mit Worten sparsam sei. Zwei der drei Töchter sind ebenfalls Schauspielerinnen geworden; mit ihrer Tochter Mamie stand Meryl Streep vor zwei Jahren gemeinsam für „Ricki – Wie Familie so ist“ vor der Kamera, wo sie Mutter und Tochter spielten.

Immer nur Gutes

In jungen Jahren war Meryl Streep mit dem aufstrebenden, hoch talentierten Schauspieler John Cazale verlobt, mit dem sie in „Die durch die Hölle gingen“ gemeinsam vor der Kamera stand. Cazale starb bald nach den Dreharbeiten an Krebs. Das ist die einzige Tragödie, von der man gehört hat. In einer Talkshow berichtete Dustin Hoffman, ihr Partner in „Kramer gegen Kramer“ über diesen Schicksalsschlag. Er habe hartnäckig darum gekämpft, dass sie als seine Filmpartnerin für den Part der geschiedenen Frau vorsprach. „Sie war nach dem Verlust dieses Mannes verletzbar und aus der Bahn geworfen. Das schien mir richtig für die Rolle“, sagte er ungerührt.

Auch von Hoffman hat man nur Gutes über die Kollegin gehört. Selbst die größten Lästerzungen in Hollywood schließen sich dem allgemeinen Befund an: Meryl Streep ist über jeden Zweifel erhaben. Sollte jemand heimlich anders denken, so behält er das für sich.

Sie selbst nimmt ihre Unantastbarkeit mit Humor. Auf einem Podium sage sie einmal: „Es gibt Tage, an denen ich mich selbst frage, ob ich überschätzt werde.“ Und nach einer Pause: „Aber nicht heute.“ Sie hatte gerade den Preis des Amerikanischen Filminstituts für ihr Lebenswerk bekommen.