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Neue Bibelfilme richten sich an den Menschen von heute

„Auferstanden“: Im Vordergrund der Tribun Clavius (Joseph Fiennes).

„Auferstanden“: Im Vordergrund der Tribun Clavius (Joseph Fiennes).

Foto:

Sony

In dem Spielfilm „Der junge Messias“ gibt es eine Szene, die besonders deutlich macht, wie heutige Bibelfilme zu ihrem Publikum sprechen. Josef und Maria wollen mit dem achtjährigen Jesus aus dem ägyptischen Exil in Alexandria nach Galiläa zurückkehren. Der Kindermassenmörder Herodes ist tot, also scheint keine unmittelbare Gefahr mehr für den künftigen König der Juden zu bestehen.

Gemeinsam mit Verwandten macht sich die Erlöser-Kernfamilie auf den beschwerlichen Weg übers Land. Und natürlich wünschen sie sich alle friedliche Begegnungen und gute Witterungsverhältnisse für die lange Reise – diesbezüglich wandert schon mal dieser und jener verstohlene Blick in Richtung Jesus. Doch dann fängt es heftig an zu regnen, woraufhin wieder Blicke auf das Kind fallen. „Ich war’s nicht!“ antwortet der Junge aufgebracht.

Die Szene ist insofern symptomatisch für neue Filme mit christlichem Inhalt, als sie deren Erzählgestus in drei Merkmalen auf den Punkt bringt: Weitgehender Verzicht auf Pathos, gepaart mit Lebensnähe und Humor. Das hat gute Gründe: Richten sich solche Kinoproduktionen doch an ein Publikum, das zwar meist gläubig ist, es aber nicht sein muss, und das, wenn es denn gläubig ist, in der Alltagswelt ebenso zurechtzukommen hat wie in der Kirchengemeinde.

Unruhe bei den Römern

Wer von gegenwärtigen Bibelfilmen tosende Musik und heroische Posen erwartet, wird enttäuscht werden – er sollte lieber zu Klassikern greifen wie „Die zehn Gebote“ von Cecil B. DeMille aus dem Jahr 1956, immerhin der erfolgreichste Bibelfilm aller Zeiten. Oder zum Drama „Das Gewand“ von Henry Koster (1953), das insofern wegweisend war, als es die Geschichte von Jesus Christus aus der Sicht eines Römers darstellte, der mit dessen Kreuzigung beauftragt ist und durch seine Erlebnisse zu Gott findet – wobei hier Jesus selbst nur unkenntlich inmitten der Menge erscheint oder von hinten zu sehen ist.

Dieses Konzept der indirekten Annäherung verfolgt auch der derzeit in den Kinos laufenden Bibelkrimi „Auferstanden“. Hier wird der römische Tribun Clavius vom Statthalter Pontius Pilatus damit beauftragt, den Leichnam von Jesus zu finden, um die Gerüchte über dessen Auferstehung nach der Kreuzigung zu widerlegen. Diese sorgen nämlich für politische Unruhe, sie destabilisieren Roms Herrschaft.

In dem Film begegnet der anhaltend skeptische Besatzungsoffizier dann tatsächlich irgendwann dem Auferstandenen, doch das geschieht in einer völlig unspektakulären Szene: Jesus Christus sitzt mit seinen Jüngern herum und lädt den Fremden dazu. Auch im weiteren erweist sich der Erlöser einfach als netter Mann, der sich selbst aufrichtig darüber freut, wenn er etwa einen Lepra-Kranken geheilt hat. Gute Arbeit!, denkt man unwillkürlich.

In der Bibel stecken Action, Horror und Fantasy

Erhabenheit, gar Unnahbarkeit sind nicht die Eigenschaften, die neue Bibelfilme ihren Helden zuschreiben. Im Gegenteil werden die Figuren aus dem Alten und Neuen Testament oft radikal vermenschlicht; so geschah es auch „Noah“ in Darren Aronofskys gleichnamigen Sintflutepos. In „Der junge Messias“ leidet nun der kleine Jesus – er ist wirklich recht klein – darunter, dass er in Alexandria von Jungen aus dem Viertel gemobbt und verprügelt wird – gar nicht mal wegen seiner möglicherweise besonderen Fähigkeiten, sondern einfach, weil er schwach wirkt.

Jesus darf in dieser Adaption des Romans „The Young Messiah“ der Autorin Anne Rice einfach ein Kind sein, das noch nicht recht weiß, was mit ihm los ist, es aber faustdick hinter den Ohren hat. So faustdick, dass es im Tempel einen alten blinden Rabbi wieder sehend macht. Und Satan sieht hier auch nicht aus wie der Höllenfürst aus dem Bilderbuch – er ist vielmehr ein zurückhaltend auftretender und gut aussehender Mann, den außer dem Erlöser-Kind niemand sehen kann.

„Himmelskind“: Das Plakat zur US-Originalfassung „Miracles Heaven“.

„Himmelskind“: Das Plakat zur US-Originalfassung „Miracles Heaven“.

Foto:

Sony

Action, Horror, Fantasy, Romanze, Kostümdrama und mit der Apokalypse sogar Science-Fiction plus Charaktere, die „larger than life“ sind – das alles steckt in der Bibel, ihre seit Jahrtausenden bewährten Erzählungen waren stets eine Fundgrube für das Kino. Seit dem Riesenerfolg von Mel Gibsons Splatter-Epos „Passion of the Christ“ im Jahr 2004, das bei einem Budget von 30 Millionen US-Dollar den Angaben von Business Insider zufolge satte 611 Millionen Gewinn machte, schätzt man den Bibelfilm auch wieder als einträgliches Geschäftsmodell.

Seine weltweite Verbreitung ist schon garantiert durch die weltweite Verbreitung des Christentums, wobei die Studios nicht einmal viel Geld investieren müssen. Heutige Bibelfilme brauchen keine kostspieligen Stars und erst recht keine teuren Werbekampagnen – setzt sich die gute Nachricht von ihrem Kinostart doch über die Gemeinden und christlichen Medien durch, gerade bei medienskeptischen Fundamentalisten.

Treue Fangemeinden

Insofern funktionieren Bibelfilme markttechnisch prinzipiell nach den gleichen Regeln wie Horrorfilme, die sich bei geringen Produktionskosten ja ebenfalls an eine treue Fan-Gemeinde richten. Wie geschickt dabei verschiedene Publikumsinteressen angesprochen werden, erlebte die Autorin im Kino. In der Vorführung von „Auferstanden“, die sie besuchte, fanden sich fast nur männliche Zuschauer ein.

Doch wenn man dem leisen Lachen im Saal glaubt, goutierten alle die anschlussfähige Sprache in „Auferstanden“: „Gott wird nicht nach meiner Pfeife tanzen“, sagt hier einer der Jünger und die alte Miriam über Jesus: „Er baut mich einfach auf“. Wenn man davon ausgeht, dass das Medium Film stets Realitäten und gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegelt, könnte man derzeit glatt auf den Gedanken kommen, so etwas wie das Ende der säkularen Gesellschaft zu erleben.

Vielleicht nicht so sehr in Deutschland, wo man bei drei christlichen Filmstarts in sechs Monaten – „Der junge Messias“ kommt am 12. Mai in die Kinos, „Himmelskind“ am 9. Juni – nicht gerade von einer Bibelkino-Offensive sprechen kann. Aber wohl in den USA, wo sich 200 Millionen Menschen als bekennende Christen bezeichnen. Das ist eine Macht, zumal als Zielgruppe, die bedient werden will und die immer besser bedient wird. Weil es sich lohnt.