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Berliner Zeitung | Neuer Film „Feuerwerk am hellichten Tage“: Diao Yinan zeigt eine verwundbare Staatsmacht
22. July 2014
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Neuer Film „Feuerwerk am hellichten Tage“: Diao Yinan zeigt eine verwundbare Staatsmacht

Diao Yinan neustes Werk lebt von der düsteren Stimmung.

Diao Yinan neustes Werk lebt von der düsteren Stimmung.

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Weltkino

Die chinesische Gesellschaft ist berühmt für ihre Kultur der Imitation. Nachahmen und Nachbauen gelten dort nicht als minderwertige Kulturtechniken, sondern als Merkmale des Lernens, Einholens und schließlich Überholens. Jetzt hat sich das chinesische Kino des Film noir angenommen, eines bislang für zutiefst westlich gehaltenen Genres.

Und siehe da: Wieder ist das chinesische Imitat besser als das, was vom Original noch übrig ist; es ist weiterentwickelt und mit neuem Leben behaucht worden. „Black Coal, Thin Ice“, wie der Film des 45-jährigen Regisseurs Diao Yinan damals noch hieß, gewann bei der Berlinale 2014 zu Recht den Goldenen Bären vor einem hingerissenen Publikum. Ein Genre, das im Westen als zu Tode geritten galt, steht im nun „Feuerwerk am helllichten Tage“ betitelten Film mit neuer Kraft wieder auf, neue Verstörungen auslösend.

Bei Diao Yinan heißt der Philip Marlowe von heute Zhang. Er ist ein ziemlich heruntergekommener Ex-Polizist, der das Schnüffeln nicht lassen kann, weder das an der Flasche noch das an dem Fall mit den Leichenteilen.

Der Fall mit den Leichenteilen lässt Zhang nicht los

Zu Beginn des Films sehen wir ihn noch in ordentlichen Staatsdiensten. Da steht er als Kommissar in einer Fabrik an einem Förderband voll schwarzer Kohle, aus der eine abgeschnittene Hand ragt. Ein paar Arbeiter warten verstockt und ratlos in der Stille der angehaltenen Industrieanlage, in die das Geräusch einer Glasflasche platzt. Schlingernd kullert sie neben dem angehaltenen Band die Treppe herunter, aufreizend lange von der Kamera beobachtet auf ihrer zögerlichen Reise abwärts. Das ist die erste großartige Filmidee von vielen, die noch kommen werden.

Die nächste ist eine bewusst slapstickhaft gedrehte Schießerei. Inspektor Zhang vermasselt die Festnahme von drei dubiosen Typen durch Unachtsamkeit. Einer seiner Kollegen wird getötet. Die hölzerne Machart der turbulenten Szene ist schwer einzuordnen. Die Groteske lässt es jedenfalls plausibel erscheinen, dass Zhang danach den Dienst quittiert und als Wachschützer sein Dasein fristet.

Fünf Jahre später sehen wir ihn wieder. Der Fall mit den Leichenteilen ist noch nicht gelöst, neue sind an ähnlichen Orten aufgetaucht. Zhang kommt seinen Kollegen von einst zu Hilfe. Ein deprimierter Mann macht sich auf die Suche nach Täter oder Täterin. Damit ist die eine Voraussetzung des Genres erfüllt.

Als rätselhafte Femme Fatale tritt die Angestellte einer chemischen Reinigung auf. Die geheimnisvolle Schöne ist die Witwe des Mannes, zu dem einst die Hand auf dem Fließband gehörte. Auch mit den neu aufgetauchten Leichen verbindet sie etwas. Nur was? Klar, dass sich der angeschlagene Ermittler auf zermürbte Weise in die Schöne verliebt. Er verfolgt sie, misstraut ihr, forscht sie aus, ängstigt sie und hat doch das Gefühl, von ihr an der Nase herumgeführt zu werden.

Düsteres Ambiente in einer Stimmung der Verlorenheit

Zu den Charakteristika des Film noir gehört das düstere Ambiente. Die namenlose Stadt irgendwo im Norden Chinas spielt ihre Rolle perfekt: hässlich, versehrt von Schneeresten, wie lückenhaft zusammengepuzzelt aus einer provisorischen Historie. Eine schlecht geordnete, unübersichtliche Welt voller undeutbarer Signale, voller Irr- und Abwege. Fabriken, Autobahnen, Tunnel, Brücken, Garküchen und ein betagter Tanzpalast in Bonbonfarben sind die prägenden Spielorte. Und eine Eisbahn draußen am Rand der Stadt, auf der Zhang und die verdächtige Frau aus der Reinigung nächtens im Kreis laufen wie Hamster im Rad, traurig und diszipliniert wie alle anderen. Ein Weg heraus führt schnurgerade ins Nichts. Auch er wird auf Schlittschuhen genommen – ein seltsames, unvergessliches Bild.

Dieser Film noir lebt ganz aus der Stimmung der Verlorenheit inmitten falscher Fährten. Er kostet seine Schwärze aus. Auch die Schwermut der Liebe, die der Antiheld gegenüber der jungen Witwe empfindet, hat etwas Süßes, im Kino gern durchlittenes. Sie ist, philosophisch gesehen, die traurige Lust, die die Aufklärung an das Rätsel bindet. Solange die Liebe währt, fürchtet der Ermittler Zhang die Auflösung des Rätsels und kann doch mit dem Schnüffeln nicht aufhören. Die rastlose Vernunft mag sich selbst nicht, weil sie das Rätsel, das sie so sehr liebt, früher oder später zur Strecke bringen wird. Und Zhang bleibt noch einsamer zurück.

Neue Perspektiven auf China

Die amerikanischen Filme der Schwarzen Serie aus den 1940er-Jahren nahmen ein starkes Gefühl der Verlorenheit in einer Zeit großer gesellschaftlicher Dynamik auf. Die herbeigesehnte Eigenschaft war die Hartgesottenheit. Mental ging es darum, auf der Ungewissheit zu reiten und dabei gut auszusehen. Von Remake zu Remake ist diese ursprünglich komplexe Stimmungslage über die Jahrzehnte zur Farce verkommen. Dass sie jetzt in China auf so überzeugende Weise revitalisiert wird, sagt viel über das Land, das wir gern als die „Werkbank der Welt“ sehen. China ist dabei, den Kittel auszuziehen und das Individuum auf eine neue Tragik vorzubereiten.

Zum Interessantesten dieses wunderbaren Films gehört die Darstellung der Staatsmacht. In ihren winzigen Autos sich beratend, misstrauisch beäugt von den Arbeitern, traktiert von Kriminellen und erschöpft ihren Feierabend begießend, erscheint sie für chinesische Verhältnisse sensationell verwundbar. Der Staat, verkörpert von diesem desolaten Ermittler, hat die Kontrolle verloren – über die Liebe, den Sinn des Lebens, den Alltag. Für alles hatte er seine Deutungen und Reglements. Jetzt wird er sogar am helllichten Tag von einem Feuerwerk drangsaliert.

Feuerwerk am helllichten Tage

(Black Coal, Thin Ice) China 2014. 109 Minuten, Farbe. FSK ab 16.

Drehbuch & Regie: Diao Yinan

Kamera: Dong Jingsong

Darsteller: Fan Liao, Lunmei Kwai, Wang Xuebing u.a.


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