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Neuer Film "Little Blue Girl": Janis Joplin konnte nicht sein wie die anderen

Janis Joplin war eine Ikone der Blumenkinder-Zeit.

Janis Joplin war eine Ikone der Blumenkinder-Zeit.

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Happiness Distribution

Ein bisschen Gänsehaut gibt es zur Mitte von „Janis: Little Girl Blue“, Amy Bergs feiner Dokumentation über das Leben der Rocksängerin Janis Joplin, die 1970 an einer Überdosis Heroin starb. Man sieht Aufnahmen vom Auftritt mit ihrer Band Big Brother and the Holding Company beim Monterey Pop Festival von 1966, einem der wichtigsten Festivals der Sechzigerjahre.

Zunächst hatte der Manager dem Regisseur D. A. Pennebaker noch den Dreh verweigert. Aber die Band erkannte die PR-Chance, feuerte den Manager und so wurde diese zweite, ziemlich spektakuläre, fast erschreckend rückhaltlose Performance verewigt. Dass dies im Jahr vor dem ersten Album schon den Durchbruch bedeutete, erkennt man hier mit einem kleinen Schauer, wenn man auf die staunend geöffneten Münder der Leute schaut, allen voran der fassungslosen Hippie-Ikone Mama Cass von The Mamas & the Papas.

Zumindest zeitgenössisch interessierte Popfreunde kennen das Material, Pennebakers Doku gehört nicht umsonst zu den berühmtesten Konzertfilmen überhaupt. Aber der Effekt an dieser Stelle in diesem Film rührt daher, dass Amy Berg ihre Figur gerade nicht verherrlicht oder verkitscht. Sie montiert ihre Geschichte vielmehr mit einer eher leisen Sympathie und Solidarität, die dem Zuschauer Distanz und die Illusion der Objektivität gewährt. Dies unterscheidet ihren Film angenehm von der Opferverklärung, die der Regisseur Asif Kapadia für seine Doku „Amy“ bevorzugte, die natürlich oberflächlich einige Vergleichspunkte anbietet.

Kapadia behandelt Amy Winehouse als Spielball von Medien- und Fan-Interessen und überhöht ihr jenseits der Stimme eher epigonales Talent. Berg zeigt Joplins Verletzungen und Wunden und deutet ihr Treiben und Schaffen durchaus auch – was ja nicht so außergewöhnlich ist – als Suche nach Anerkennung und Liebe. Mehr noch erkennt man sie als selbstbewusste und oft unbeirrbare Künstlerin, auch wenn sich alle darüber einig scheinen, dass ihr Entschluss, solo zu arbeiten, ihr nicht unbedingt weitergeholfen hat.

Aber man erlebt sie in der Arbeit entschlossen und leidenschaftlich; privat lebenslustig, sexuell offen und durchaus wehrhaft, bis zum Kampf gegen die Drogensucht. Sie verliert ihn, nach mindestens einem erfolgreichen Entzug am Ende, mit 27, offenbar eher aus Leichtsinn. Ein Freund erinnert sich: „Sie hatte eigentlich Angst vor Drogen.“

Amy Berg hat sich in ihren bisherigen dokumentarischen Arbeiten vor allem mit sexuellem Missbrauch beschäftigt, in Hollywood, unter christlichen Fundamentalisten und – im Oscar-nominierten „Deliver Us From Evil“ von 2006 – in der katholischen Kirche. Auf gewisse Weise bleibt sie diesem Thema auch mit „Janis“ treu. Das immer noch erstaunliche Ur-Kreischen von Songs wie „Cry, Baby“ (wahlweise als Schmerz- oder Balzschrei gedeutet) setzt Berg gleichsam leitmotivisch ein, um Joplins Außenseiterstatus seit der Kindheit zu unterstreichen.

Größter Rockstar und naives Szenekind

Sie wuchs in der ultrakonservativen texanischen Provinz der Fünfzigerjahre auf, als burschikoses, lautes und meinungsstarkes Mädchen, das dem weiblichen Sanft- und Hübschheitsideal nicht entsprach. Am College in Austin wird sie – ein traumatischer Moment – von Mitstudenten zum „hässlichsten Mann auf dem Campus“ gewählt. Und noch im Erfolg spricht sie von der Einsamkeit, wenn die Bandmänner nach dem Auftritt mit Frauen abziehen und sie allein ins Hotel geht.

„Sie hatte einfach keine Idee“, so ihre Schwester Laura, „wie sie wie alle anderen werden könnte.“ Aber immerhin spielt ihr der Zeitgeist in die Hände, und sie greift zu. So findet sie im Hippie-Fluchtpunkt San Francisco Bi-Sex, Rockmusik und Drogen. Dabei identifizierte sie sich in der Liebe zum Blues und Soul auch mit der Außenseiterererfahrung der Afroamerikaner. Sie arbeitet auch daran, die zunächst naive Kraft zu einem kontrollierten Ausdruck zu formen – auch wenn einen die Ästhetik des Raushängenlassens heute doch ein wenig befremdet.

Berg erzählt chronologisch, wunderbar materialreich und mit zahlreichen Interviewpartnern. Als offenbar sehr enger Freund erweist sich der Talkstar Dick Cavett, in dessen TV-Show Joplin sich als kluge und amüsante Künstlerin zeigen durfte, während sie, immerhin der erste und lange größte weibliche Rockstar, sonst gern als naives Szenekind vorgeführt wurde.

Ein hübscher Kunstgriff ist die Einbeziehung von Briefen an ihre Familie, Freunde, Geliebte, die von Chan Marshall (aka Cat Power) mit freundlicher Sanftheit vorgelesen werden – herzliche, selbstironische, oft klarsichtige Kommentare zu Beziehungen, Szene und künstlerischem Fortschritt. So ensteht nicht nur das liebevolle, vielschichtige Porträt der Person, sondern auch das interessante Bild einer komplexen Künstlerin.