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Neuer Kinofilm "The Big Short": Über kleine Irre mit großem Einfluss

Auf dem Bildschirm stehen Zahlen, doch was meldet das Handy? Ryan Gosling als Börsenmakler in „The Big Short“.

Auf dem Bildschirm stehen Zahlen, doch was meldet das Handy? Ryan Gosling als Börsenmakler in „The Big Short“.

Foto:

Paramount/Jaap Buitendijk

Fast neun Jahre sind vergangen seit Beginn der großen Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Folgen – der Untergang von Traditionsunternehmen, Banken-Rettungsschirme, halbherzige Reformen der Märkte, Griechenland – sind immer noch omnipräsent. Die Erklärung der Ursachen bleibt aber weiterhin eher diffus. Zum Verständnis hat Hollywood wenig beigetragen, eigentlich griff bislang nur J.C. Chandors ernüchterndes Drama „Margin Call“ von 2011 die Krise auf; Scorseses „Wolf of Wall Street“ (2013) war das ironische Porträt eines Finanzmarkt-Zockers aus deutlich früheren Tagen.

Natürlich gibt es Gründe für die eigentümliche Stille im US-Kino: Der ambitionierte filmische Mittelbau, bis in die Neunzigerjahre ein Hollywood-Grundpfeiler, ist im globalisierten Blockbuster-Geschäft aus der Mode gekommen, und mit komplexen Sachlagen, die sich nicht auf simple moralische oder dramatische Konflikte reduzieren lassen, tat sich das Kino ja schon immer schwer.

Insofern vermischt sich das Interesse an „The Big Short“, dem neuen Film zur Finanz-Krise, mit einer gewissen Skepsis. Denn Michael Lewis’ Sachbuch zum Thema – reißerisch-irreführende Unterzeile der deutschen Veröffentlichung: „Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte“ – hat Adam McKay verfilmt, Freund und Stamm-Regisseur von Will Ferrell; McKays bislang ernsthaftestes Projekt war wohl „Anchorman“ (2004).



Doch der Komödien-Spezialist entpuppt sich mit „The Big Short“ als ideal geeignet für das schwierige Thema, denn wirklich ernst nehmen kann man die kessen Winkelzüge und realitätsfernen, gewinnbringenden Behauptungen des Finanzmarktes auf dem Weg in die Krise eher nicht. McKay erzählt von den Monaten und Wochen vor dem großen Knall trotz bitterem Sarkasmus und tiefschwarzem Humor mit spürbarer Empörung: Angeblich musste der Filmemacher sich diese Regie-Arbeit mit einer Zusage für eine weitere „Anchorman“-Fortsetzung erkaufen. Man möchte gerne glauben, dass „The Big Short“ für ihn, aber auch seine Darsteller eine Herzensangelegenheit war.

Sein Film folgt drei Männern im Geschäft, dem eigenwilligen Fonds-Manager Michael Burry (Christian Bale), dem Wall Street-Außenseiter Mark Baum (Steve Carrell) und Jared Vennett (Ryan Gosling), Trader bei der Deutschen Bank in New York. Burry, Heavy Metal-Fan und in seinem Büro gerne barfuß und im schlabbrigen T-Shirt, ist einer der Ersten, die ahnen, dass die Blase aus fadenscheinigen Immobilien-Krediten, billigem Geld und großen Gewinnen mit immer abstrakteren Finanz-Produkten bald platzen wird.

Dass er immer größere Summen gegen den vermeintlich felsenfesten, krisensicheren Markt setzt und damit auf einen baldigen Zusammenbruch spekuliert, sorgt bei den großen Finanz-Unternehmen eher für Erheiterung und bei Burrys Auftraggebern für Panik.

Auch Vennett – Branchen-Insider und im Film auch Erzähler – sieht die Krise kommen und hält Burrys Kalkulationen für korrekt, eher lakonisch verfolgt er die Ereignisse. Für die große Empörung ist in „The Big Short“ Mark Baum zuständig, der mit seinem Team eher kleine Geschäfte macht: Carrell spielt ihn als nervösen, etwas labilen Manager, der sich stetig fassungsloser durch die wackligen Zahlen und dubiosen Geschäftsmodelle der großen Finanz-Institute arbeitet.

Adam McKay nutzt sein Ensemble – Brad Pitt hat eine Nebenrolle als weiser Wall Street-Profi im Ruhestand – und sein komödiantisches Geschick gekonnt, um das Publikum durch die Halbwelt aus Anzugträgern und Finanz-Produkten zu führen. Und es ist schon sehr lustig, wenn in kurzen Unterbrechungen und Gastauftritten Prominente wie Selena Gomez oder Anthony Bourdain die halbseidenen Geschäftspraktiken der Branche illustrieren.

Doch letztlich sind es auch bei „The Big Short“ – wie schon bei „Margin Call“ – weniger die harten Fakten, die hängen bleiben, sondern ein emotionaler Eindruck: In McKays Film sind eigentlich alle, die netten Mahner und Warner ebenso wie die schnöseligen Geschäftemacher im teuren Anzug, mehr oder weniger irre. Insofern passt McKays satirische Interpretation aber nur zu gut zu dem methodischen Wahnsinn des Finanzmarkts: In einem Nachtrag weist „The Big Short“ darauf hin, dass die Geschäftsmodelle und -produkte, die für die Krise verantwortlich waren, längst wieder zurück sind.