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Panorama: Stolz und Bescheidenheit

Pierre Niney, hier mit Charlotte Le Bon, spielt den Modeschöpfer Yves Saint Laurent.

Pierre Niney, hier mit Charlotte Le Bon, spielt den Modeschöpfer Yves Saint Laurent.

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Tibo & Anouchka - SquareOne/Universum

Die Formel des weltfremden Genies ist ganz einfach: „In der Arbeit kann ich alles, im Leben nichts.“ Yves Saint Laurent hat das gesagt, Romy Schneider auch. Der Modeschöpfer aber hatte mehr Glück als die Schauspielerin: Er traf auf einen Menschen, der dieses Nicht-ganz-heimisch–Sein-im-Leben nicht ausnutzte, sondern ihn unterstützte – auch über die Trennung hinaus. Pierre Bergé, Geschäftsmann, Mäzen, Operndirektor, Zeitungsmiteigentümer, Unterstützer von Mitterand und Segolène Royal, war der wichtigste Mann im Leben von Yves Saint Laurent. Der Film „Yves Saint Laurent“, ab Freitag in der Special-Reihe der Sektion Panorama zu sehen, erzählt die Geschichte dieser Liebe. Er ist kein Biopic in der Tradition gefälliger Genie-Hagiographien.

Jalil Lesperts Film beginnt mit der Auflösung der Kunstsammlung, die Saint Laurent und Bergé innerhalb eines Vierteljahrhunderts gemeinsamen Lebens miteinander aufgebaut hatten. Jedes Werk erinnerte Bergé an den 2008 an einem Hirntumor gestorbenen Gefährten. Ein Jahr später ließ er die Sammlung – darunter Werke von Matisse, Klee, Mondrian – bei Christie’s versteigern, 373,9 Millionen Euro wurden bei der Auktion erzielt. Ein Teil floss in eine Aids-Stiftung, ein anderer dient der Erhaltung des Werks von Yves Saint Laurent. Seinen Haute-Couture-Kleidern, seinen Zeichnungen. Yves Saint Laurent hatte die Kunst immer über die Mode gestellt: Er nährte sich nicht heimlich von ihr, sondern gab ihr – etwa in seinem berühmten Mondrian-Kleid – ein zusätzliches Podest.

Blusen für den Kommunismus

Stolz und Bescheidenheit, das Wissen um die eigene Hochbegabung und die Angst, dem Erwartungsdruck der gefräßigen Mode-Welt nicht gewachsen zu sein, fügten sich bei Yves Saint Laurent zu einer für ihn am Ende destruktiven Mischung. Die letzten Jahre vor seinem Rückzug im Jahr 2002 versanken in Drogen- und Tablettenkonsum. Lesperts verzichtet darauf, den Verfall auszubeuten. Er konzentriert sich in seinem Bilderrausch auf die ungeheuer dichten, hochproduktiven sechziger und siebziger Jahre – und entwirft dabei ein flirrendes Zeit-Tableau jenseits der Klischees. Die Mode ist Spiel und Geschäft – auch Trickserei. Sie ist ein affektiertes, hysteriegesättigtes Universum für sich, wenn sich die Mode allzu ernst nimmt, verliert sie ihren Charme. YSL bewahrte sich seine Ironie: Lespert zeigt das in einer Szene, die während des revolutionären Mai 68 spielt. Da sitzt YSL mit seiner Entourage kiffend in irgendeiner Bar und überlegt, was er im Kommunismus wohl an Mode entwerfen soll. „Blusen, Blusen, Blusen...“ Dennoch ist Saint Laurents Einfluss auf die Demokratisierung der Mode (Pret a Porter!) nicht zu unterschätzen, und natürlich war sein „Le Smoking“ – der Hosenanzug für die Frau – ein tragbares Symbol weiblicher Selbstermächtigung: Die Hosenanzugs-Frauen der Achtziger- und Neunzigerjahre fühlten sich höchst powerful darin.

Saint Laurent hatte gerne Frauen um sich, allen voran seine geliebte Mutter. Aber sein Begehren galt den Männern, wofür er als Schüler noch im algerischen Oran gepeinigt wurde. Die frühe Verletzung hinterließ eine nie verheilende Wunde. Der Schauspieler Pierre Niney, mit seinen 21 Jahren das jüngste Mitglied der Comédie Francaise und offenbar ein überragendes Talent, spielt Yves Saint Laurent fast bestürzend überzeugend. Immer ist die große Angst dieses Menschen spürbar, auch in seiner Härte. „Ich bin nicht nett“, sagt er einmal. Bergé hat viel ertragen, Exzesse, die sein Gefährte offen mit anderen Liebhabern lebte, Abstürze, Selbstzerstörung. Aber er konnte ihn halten. Lesperts Film ist auch eine Hommage an einen großen Liebenden – an Pierre Bergé.

Yves St. Laurent: 7. 2. 18 Uhr, Zoo Palast 1; 8. 2.: 10 Uhr Cinemaxx 7; 9. 2.:14.30 Uhr, Cubix 9; 16.2.: 21.30 Uhr, Zoo Palast 1