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Perspektive Deutsches Kino: Seltsam, im Nebel zu wandern

Gunilla Röör spielt in „Lamento“ von Jöns Jönsson, der in Babelsberg studiert.

Gunilla Röör spielt in „Lamento“ von Jöns Jönsson, der in Babelsberg studiert.

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Buntfilm Juretzka & Hering

Mit der Einrichtung der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ im Jahr 2002 lenkte die Berlinale die Aufmerksamkeit verstärkt auf den deutschen Film. Unabhängig von den Beiträgen in anderen Festival-Sektionen fanden hier vor allem junge Filmemacher ein Podium; Talente, von denen in Zukunft möglicherweise noch mehr zu erwarten sein würde. Ausgewählt wurden Erst- oder Zweitwerke mit einer Länge ab 20 Minuten. Sonstige formale, technische oder inhaltliche Einschränkungen gab es keine; willkommen war, was einen ungewöhnlichen Ansatz aufwies und Hoffnung auf Kommendes machte. Die Gründung der „Perspektive“ gehörte zu den ersten Amtshandlungen des seinerzeit neu eingesetzten Festivaldirektors Dieter Kosslick. Und sie ist bis heute programmatisch zu verstehen. Manch einstiger Debütant der Reihe gehört inzwischen zu den bestens vernehmlichen Stimmen in der hiesigen Filmlandschaft. So zeigte Dietrich Brüggemann, mit „Kreuzweg“ ein diesjähriger Mitbewerber um den Goldenen Bären, hier bereits 2006 seinen Erstling „Neun Szenen“.

In diesem Jahr sind zehn abendfüllende und fünf mittellange Arbeiten zu sehen; hinzu kommt „als Gast“ der Gewinner des diesjährigen Max-Ophüls-Festivals in Saarbrücken. (Dort wurde schon viele Jahre lang ein ähnliches Konzept praktiziert. Die Berlinale kopierte diesen Ansatz quasi und spendet nun zum Trost einen Programmplatz.) Zunächst fällt am aktuellen Berliner Programm eine außerordentliche globale Bandbreite auf. Die Beiträge sind in Schweden, Israel, Indien, Kirgistan, Kuba und in der Schweiz verortet und haben doch alle auch mit Deutschland zu tun.

Ein Kulturschock in Super8-Format

In Ester Amramis Spielfilm „Anderswo“ bricht eine in Berlin lebende Israelin spontan zu ihrer Familie nach Jerusalem auf, einem gemischten Impuls aus Sentimentalität und Frustration folgend. Ihr deutscher Freund reist ihr bald hinterher, löst durch sein nicht gerade sensibles Auftreten ein mittleres Chaos aus. Zuletzt ist zwar unklar, ob dem Paar eine Zukunft beschieden sein wird, doch fällt zumindest der Erkenntnisgewinn erheblich aus. Ebenfalls mit einer offenen Beziehungsfrage endet der Dokumentarfilm „Amma & Appa“ der Münchnerin Franziska Schönenberger. Ihr Reisetagebuch schildert den redlichen Annäherungsversuch der eigenen Eltern an die exotische Lebenswelt eines möglichen Schwiegersohnes im fernen Indien. Der teilweise im Super8-Format festgehaltene Kulturschock chargiert beständig zwischen allen denkbaren Gefühlslagen, zeigt einerseits ein gegenseitig schier unüberwindbares kulturelles Gefälle, verweist andererseits auf sehr universelle menschliche Verhaltensweisen.

Auch der Babelsberger Filmstudent Jöns Jönsson erzählt in seinem ausgesprochen reif wirkendem Film „Lamento“ von universellen Verständigungsproblemen. Im heimatlichen, nebelgrauen Schweden ringt eine nicht mehr junge Frau mit existenziellen Krisen. Ihre Tochter hat sich das Leben genommen. Als der einstige Freund der Verstorbenen in der skandinavischen Provinz eintrifft, wird der eben noch tabuisierte Suizid zum zwingenden Thema. In einem schmerzhaften Prozess stellt sich die Frau verdrängten Fragen, wenn auch ohne zu schlüssigen Antworten finden zu können. Wieder wird hier ein Besucher aus Deutschland zum Katalysator unterschwelliger Spannungen und bringt diese zum Ausbruch. – „Hüter meines Bruders“ von Maximilian Leo spielt durchweg in Norddeutschland, beschreibt ebenfalls Identitätskrisen. Ein situierter junger Arzt begibt sich auf die Suche nach seinem verschwundenen Bruder, nimmt Stück für Stück dessen Identität an, tritt schließlich an seine Stelle. Er zieht in seine Wohnung, hackt seinen Computer und übernimmt auch seine Freundin. Die mehr und mehr panisch ausufernde Suche wird zu einer Reise in das eigene Ich, vor allem in dessen verborgene Bereiche. Aus Dr. Jekyll wird Mr. Hyde; zuletzt bleiben alle Fragen offen. Die in mehreren Filmen der „Perspektive“ auffällige Ratlosigkeit kulminiert in einem überlangen Essayfilm mit dem bezeichnenden Titel „Nebel“ von Nicole Vögele. Hermann Hesses knappes Gedicht sagt in wenigen Worten unendlich viel mehr zum Thema.

Ein Geniestreich

Als Ort des Suchens, auch des Irrens bildet die „Perspektive“ ein wichtiges Scharnier für nachrückende Kreative der disparaten Filmbranche. Es ist wunderbar, dass es diese Plattform des Ausprobierens gibt. Und noch schöner ist es, wenn in diesem Rahmen unvermittelt ein Geniestreich auftaucht. Diesen gibt es nämlich: „Zeit der Kannibalen“ wurde von Johannes Naber inszeniert und führt in die Welt von drei Unternehmensberatern. Verkörpert von Katharina Schüttler, Sebastian Blomberg und Devid Striesow fräst sich das Trio durch Luxushotels von Dubai über Shanghai bis Lagos.

Sie sind schlecht getarnte Missionare des totalen Imperialismus. Egal, wo sie sich gerade aufhalten (oft wissen sie dies selbst nicht), spulen sie stereotype Floskeln ab, stolpern aber dann doch über die eigene Unzulänglichkeit. Am Ende sitzen sie in Afrika fest. Durch die Hotelzimmertür schlagen Maschinengewehrgarben. „Die Zeit der Kannibalen“ erinnert in seinem Wortwitz an Billy Wilder und Howard Hawks, ist lakonisch, brillant, zynisch bis an die Grenzen des Erträglichen – ein Meisterwerk, das auch im Wettbewerb der Berlinale gut aufgehoben gewesen wäre.

Die Filme der Perspektive deutsches Kino laufen im Kino Colosseum sowie im Cinemaxx (Potsdamer Platz).

Termine unter www.berlinale.de