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Polanski-Film „Venus im Pelz“: Eine Göttin verarscht man nicht

Emmanuelle Seigner und Mathieu Amalric in „Venus im Pelz“.

Emmanuelle Seigner und Mathieu Amalric in „Venus im Pelz“.

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Prokino Filmverleih GmbH

An diesem Abend zieht ein Gewitter über Paris hinweg. Sensationell wirkt der dunkle Himmel über der Allee vor dem Theater, in dem plötzlich eine Frau steht. Sie kommt Stunden zu spät zum Vorsprechen für eine Rolle, der Regisseur will gerade gehen, und außerdem hat er schon „35 Schnepfen gesehen“. So denkt er also über Frauen, aber Vanda Jourdain lässt sich nicht abweisen. Sie ist unverschämt, penetrant, aufdringlich, ungebildet, laut und ordinär, wie sie da Kaugummi kauend ihre dicken Brüste im Kostüm ordnet. Und sie ist umwerfend.

In Roman Polanskis neuem Film „Venus im Pelz“ verkörpert Emmanuelle Seigner diese Schauspielerin, die sich um die weibliche Hauptrolle bemüht bei einem Regisseur (Mathieu Amalric), der Leopold von Sacher-Masochs berühmte gleichnamige Novelle aus dem Jahr 1870 für die Bühne adaptiert hat. Der Begriff Sado-Masochismus geht auf den Namen des österreichischen Autors (1836-1895) zurück, der das triebhafte Schmerz- und Unterwerfungsverlangen ästhetisch zu formulieren verstand.

Darüber muss sich Vanda aber erst aufklären lassen, denn sie glaubt, dass Thomas natürlich an den Song „Venus in Furs“ von Lou Reed gedacht hat, als er sein Stück schrieb. Aber das ist nur eine von zahllosen irrigen Annahmen, eins der Missverständnisse in diesem Zwei-Personen-Film über die Arbeit an einem Theaterstück, der sich bald als eine beklemmende Studie über Macht- und Geschlechterverhältnisse erweist. Beklemmend ist sie, weil Polanski hier aufs Neue seiner Obsession für enge Räume – hier dies kleine Theater – nachgibt, und weil der Mann und die Frau darin einander nicht ausweichen können.

Und wohl auch nicht wollen. Seigner ist als alternde Pseudo-Schlampe eine Naturgewalt, welche die Bühne auch im metaphorischen Sinn mehr und mehr übernimmt. Wenn sie in die Rolle von Sacher-Masochs literarischer Heldin Wanda von Dunajew schlüpft, ist Vanda eine andere: subtil, differenziert im Ausdruck, eine Dame im Salon, eine Hure im Schlafzimmer, wie man früher gern sagte – und von den Frauen der Gesellschaft verlangte. Wanda von Dunajew ist das Sinnbild der mächtigen Frau, die den Mann durch Rituale beherrscht. Polanskis Vanda wird von seiner eigenen Ehefrau gespielt, und man kann sich vorstellen, welchen verzwickten Heidenspaß der Filmregisseur und Emmanuelle Seigner bei dieser Arbeit hatten.

Die Seele der Schauspielerin

Die Novelle „Venus im Pelz“ wurde bisher fünfmal fürs Kino adaptiert. Hier geht es um mehr als um frühe sexuelle Prägungen, Triebe und Angstlust und die Frage, wer nun wem befiehlt, wer wen unterwirft.

„Venus im Pelz“ ist nämlich nicht zuletzt ein Film über den Beruf des Schauspielers, und wer ihn sieht, wird sich zwangsläufig Fragen stellen wie: Was sind Schauspieler eigentlich? Was genau tun sie? Was ist Instinkt und was Intellekt bei ihrer Arbeit? Was genau macht den kreativen Prozess der Probenarbeit aus? Was braucht es, um sich einer Rolle anzuverwandeln? Vanda hat nicht nur ein historisches Kleid, sondern sogar einen Morgenrock von 1860 dabei für ihren Theaterregisseur Thomas, der sich bei dieser Probe zunehmend in die Rolle des Helden von Sacher-Masochs Novelle gezogen fühlt, der von Severin von Kusiemski.

So oberflächlich, dumm und ungebildet ist diese Vanda also gar nicht, wie sie tut. Sonst könnte sie wohl nicht alles zugleich sein, Göttin (Venus), Verführerin, Proletin, Künstlerin. Sogar Mann kann sie sein – nämlich Sigmund Freud! Geschmeidig wechselt Vanda die Rollen, und der Mensch, die Frau dahinter ist immer weniger greifbar. Wahrscheinlich heißt diese unverschämte Schauspielerin überhaupt nicht Vanda Jourdain. Mit großer Klappe reduziert sie Weltliteratur kurzerhand auf Gegenwartsthemen – Missbrauch! – und ist doch im nächsten Moment die Raffinesse höchstselbst, die in ihrem Regisseur geheime Wünsche, Begierden und Ängste zu Tage fördert. Und ihn zappeln lässt.

„Eine Göttin verarscht man nicht“, heißt es hier mehrmals. Und die Phrase vom „aus der Rolle fallen“ gewinnt in diesem Film, das wiederum auf einem Theaterstück von David Ives beruht, schöne Mehrdeutigkeit. Mathieu Amalric hat es als Thomas allerdings schwer, der Vanda, dieser Paraderolle für Seigner, standzuhalten. So viel auch gerungen wird in „Venus im Pelz“, in Worten und mit Armen – letztlich ist dieser Film dann eine Liebeserklärung Polanskis an seine Frau.

Venus im Pelz (La Vénus à la fourrure), Frankreich 2013. Buch & Regie: Roman Polanski, Kamera: Pawel Edelman, Darsteller: Emmanuelle Seigner, Mathieu Amalric. 96 Minuten, Farbe, FSK ab 16 Jahre.