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Protokoll einer Entmündigung im Hollande-Frankreich

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Räumt er seinen Spind nun morgens ein und für immer aus? Thierry  (Vincent Lindon) hat einen Job als Wachmann.

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Temperclayfilm

Thierry Taugourdeau ist arbeitslos. Er lebt von der Stütze. Doch das reicht nicht, um die Pflege für seinen schwer behinderten Sohn zu bezahlen. Deshalb sucht er – wie derzeit etwa 3,6 Millionen Franzosen – eine neue Anstellung. Gleich zu Beginn von Stephan Brizés Spielfilm „Der Wert des Menschen“ sehen wir ihn im Arbeitsamt. Er beschwert sich über sinnlose Fortbildungen. Thierry streitet sehr beharrlich, doch er wird nie ausfallend. Er schreit nicht. Es ist sein Protest gegen ein System, das ihm absurd erscheint.

Doch so bestimmt wie in diesen Szenen wird man den sympathischen Schnurrbartträger nicht mehr sehen. Denn Brizés Film ist ein in distanziert realistische Bilder gegossenes Protokoll einer schrittweisen Entmündigung – ohne Happy End. Dabei findet Thierry einen Job bei einem Sicherheitsdienst in einem Supermarkt. Die Festanstellung wird indes zum modernen Gefängnis. Als einige Mitarbeiter kleiner Unredlichkeiten überführt werden, schweigt Thierry. Er kann sie verstehen. Aber er kann ihnen nicht helfen. Diese Wehrlosigkeit macht den Grundton des Films aus.

Vincent Lindon, immerhin selbst Sohn eines wohlhabenden Verlegers, spielt diesen hilflosen Thierry mit einer erstaunlichen inneren Spannung, die ihm sowohl den Preis als Bester Darsteller beim Festival von Cannes 2015 als auch den französischen Filmpreis César einbrachte. In jeder Szene staut sich in ihm sichtbar die Wut über die Ungerechtigkeit einer Gesellschaft, in der sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht mehr zivilisiert begegnen können. Stattdessen regiert Überwachung und Misstrauen. Jeder könnte ein Dieb sein, heißt es einmal.

Figuren wie Thierry, die die Knechtschaft des modernen Arbeitsmarktes stellvertretend für den Zuschauer erleiden, haben eine Tradition im Kino, die bis in die Frühzeit des Mediums Film zurückreicht. So konnte man Thierrys Erniedrigung bereits in den Augen des legendären Emil Jannings in Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker „Der letzte Mann“ (1924) sehen.


Jannings spielte einen stolzen Hotelportier, der wegen Altersschwäche zum Toilettenwart degradiert wird. In grauen Lumpen hockt er einsam und verloren in der Herrentoilette des Luxushotels und träumt von der einstigen Pracht seines Livree, die ihm Respekt und Anerkennung einbrachte.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich gerade der Stummfilm realistisch mit dem gesellschaftlichen Schicksal der Arbeitslosigkeit auseinandersetzte. Die Industrialisierung resultierte in einer radikalen Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse.

Charlie Chaplin fand dafür einzigartige Bilder in seinem Meisterwerk „Moderne Zeiten“ (1936). Ein Film, dessen scharfe, politische Analyse auch heute noch beeindruckt. Chaplins vollkommen überforderter Tramp, der von anonymen Maschinen überwacht, verschlungen und wieder ausgespuckt wird, ist Vorläufer und Pate unzähliger Kinofiguren, deren Arbeitslosenschicksal zum sozialen Gewissen des Kinos geworden ist.

Ganz gleich, ob es die Nachkriegsgestalten im neorealistischen Kino eines Vittorio de Sica waren oder die vielen scheiternden Working-Class Heros eines Ken Loach – sie alle loten die Grenzen des individuellen Leidens aus, um es dann als Symptom einer konkreten gesellschaftlichen Realität zu verankern. Ihre Träume bleiben dabei immer sehr bescheiden: Ein geregeltes Einkommen, ein Heim, eine Familie. In diesem Radius definiert sich ihre Würde.

Stephan Brizé will sich nun mit „Der Wert des Menschen“ in diese Traditionslinie einreihen. Doch irgendwie wirken seine Bilder seltsam resigniert. Die Ellipsen, die seiner Erzählung einen losen Rahmen verleihen, sind lähmend. Da ist kein Widerstand mehr erkennbar. Das unterscheidet Brizé von sozialbewussten Kino-Anwälten wie Aki Kaurismäki oder den Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne.

Gerade die demonstrierten zuletzt in „Zwei Tage, eine Nacht“, wie man mit den eigenen Filmfiguren in den Kampf zieht und voller Leidenschaft zur Solidarität aufruft. Kann sein, dass man verliert. Doch allein der Versuch zählt. Brizés Thierry ist am Ende des Films zu ohnmächtig für diesen Kampf. Sollte dies das Resultat einer Bestandsaufnahme des Hollande-Frankreichs sein, dann fällt sie katastrophal aus. Kälte, Arroganz und Isolation. Es wäre ein Armutszeugnis.

Der Wert des Menschen (La loi du marché ) Frankreich 2015. Regie: Stéphane Brizé, Drehbuch: Stéphane Brizé, Olivier Gorce, Kamera: Éric Dumont, Darsteller: Vincent Lindon, Karin de Mirbeck u.a.; 93 Minuten, Farbe.