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Reese Witherspoon „Der große Trip“: Erwachsenwerden ohne Zehennägel

Sie absolviert 4200 Kilometer: Cheryl (Reese Witherspoon).

Sie absolviert 4200 Kilometer: Cheryl (Reese Witherspoon).

Foto:

Fox

Pilgern ist in – und das nicht nur im Verbreitungsgebiet von Hape Kerkeling. Das „Mal-weg-Sein“ mit dem Ziel des „Mal-bei-sich-Ankommens“, ganz gleich ob mit oder ohne sakrale Überhöhung durch historische Pilgerrouten, feiert auch ein neuer Film mit Reese Witherspoon in der Hauptrolle. „Der große Trip – Wild“ erzählt die wahre Geschichte der Cheryl Strayed, die 1995 allein und als eine von nur wenigen Frauen den Pacific Crest Trail bewanderte. Das sind schlappe 4200 Kilometer von der mexikanischen bis zur kanadischen Grenze; sie führen durch Wüsten, Wälder, Gletscher und Gebirge, im Grunde durch alles, was Amerikas reichhaltige Natur zu bieten hat.




Cheryl Strayed ging diese Strecke nicht aus Freude an der Landschaft, sondern um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Als sie 20 Jahre alt war, starb ihre Mutter; eine Ehe konnte Cheryl über diesen Verlust nicht hinwegtrösten. Und auch die vielen Affären halfen nicht, die sie am Ende zum Heroin brachten. Als sie schwanger wird und nicht weiß, wer der Vater ist, ist sie 26 und am Ende. Zufällig sieht sie ein Buch über den Pacific Crest Trail – und hat wieder ein Ziel, an dem sie sich aufrichten kann.

Zu viel Gepäck

Sie bricht auf mit einem 31 Kilogramm schweren Rucksack – und ein besseres Bild dafür, wie man sich das Leben selbst schwer macht, hätte die Wirklichkeit nicht finden können. Der Versuch von Reese Witherspoon, dieses Monster zu schultern, das gerade mal einen Kopf kleiner ist als sie selbst, ist geradezu tragikomisch. An der ersten Station wirft ein wohlmeinender, erfahrener Hiker erstmal alles aus dem Rucksack, was Cheryl nicht braucht, und bestellt ihr ein paar neue Schuhe, die sie an der nächsten Station in Empfang nimmt. (Man ist also auch nicht ganz allein auf dem Trail, die Versandwege sind durchaus intakt.) Die Reise bleibt indes hart und beschwerlich und das Aufgeben eine mal ersehnte, mal eisern abgelehnte Option. Auch wenn die Zehennägel abfallen – das Ding hältst du ausnahmsweise mal durch, sagt sich Cheryl.

Aus den Erinnerungen von Cheryl Strayed hat Nick Hornby ein vollkommen vorhersehbares Drehbuch gemacht. Die Vorgeschichte der Protagonistin wird in zahlreichen Rückblenden vergegenwärtigt, mal sind sie ausführlich, mal zucken sie nur wie unwillkürliche Gedanken durchs Bild. Nach und nach erst enthüllt sich der genaue Antrieb dieser Reise – aber im Groben ist er dem Zuschauer schon nach einem verdrucksten Telefonat mit ihrem Ex-Mann klar.

So wie auch der Plot: Frau bewältigt eine existenzielle Aufgabe und gewinnt daraus Kraft für ihr Leben – das steht von vornherein fest. Wenn sich das jedoch über 117 Minuten zieht, wünscht man sich schon, Cheryl Strayed würde etwas schneller wandern. Manche Begegnung mit anderen Reisenden ist umständlich und trägt wenig zur Verwandlung der Heldin bei.

Reese Witherspoon spielt diese mit beeindruckendem Einsatz; sie zeigt sich verwundet, nackt und noch nackter, nämlich ungeschminkt. Und sie hat keine Ähnlichkeit mehr mit jenem Alabama-Blondchen, als das sie bekannt wurde. Abgerockt, schmutzig und ohne zivilisatorische Stolzverkleidung stakst sie krumm durch Postkartenlandschaften.

Voller Einsatz

Und das ist dann schon eine bemerkenswerte Eigenschaft dieses Films: Dass seine Heldin so wenig anziehend ist. Der Regisseur Jean-Marc Vallée ist mittlerweile Experte für Helden mit zwiespältigen Sympathiewerten. In seinem letzten Film „Dallas Buyers Club“ spielte Matthew McConaughey einen homophoben, frauenverachtenden Yankee, der sich mit HIV infiziert. Und Reese Witherspoon beim Quickie an der Hauswand, beim Heroin-spritzen in den Fuß oder beim Zoff mit ihrer Mutter (Laura Dern) zu sehen, ist auch nicht gerade ersprießlich.

So entsteht eine Hauptfigur mit eigentümlichen Widerhaken, die sich glatter Identifikation widersetzen. Für die dramaturgische Kraftentfaltung ist das nicht ungefährlich, denn man beobachtet diese Wanderin eher, als dass man mit ihr ginge und wirklich neugierig wäre, wie sie nun den Trail und damit ihr Leben in den Griff bekommt.

Spannend ist der Film nicht, aber indem er nicht aufs Mitleid spekuliert, ist er doch immerhin eine Selbsterfahrungsgeschichte der erwachsenen Art.

Der große Trip (Wild) USA 2014, Regie: Jean-Marc Vallée, Buch: Nick Hornby, Kamera: Yves Bélanger, Darsteller: Reese Witherspoon, Laura Dern, Thomas Sadoski u. a.; 117 Minuten, Farbe. FSK ab 12.