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Regisseur László Nemes spricht über sein Auschwitz-Drama „Son of Saul“

Filmbild Son of Saul

Der Regisseur gönnt dem Zuschauer keine Distanz, keine Hoffnung und keinen Ausweg.

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AP Photo

Als Sohn des ungarischen Regisseurs András Jeles wurde László Nemes die Liebe zum Film schon in die Wiege gelegt. Geboren 1977 in Budapest, verbrachte er seine Jugend in Paris, wo er im elterlichen Keller erste Horrorfilme drehte. Später studierte er neben Internationalen Beziehungen und Geschichte auch Drehbuchschreiben, ging für eine Regie-Ausbildung nach New York und arbeitete zwei Jahre als Assistent des legendären ungarischen Regisseurs Béla Tarr.

Der Erfolg, der nun seinem Debütfilm „Son of Saul“ beschert war, überraschte Nemes trotzdem: Zur Weltpremiere gab es im Mai 2015 den Großen Preis der Jury in Cannes, in diesem Jahr folgte der Golden Globe und kurz nach seinem 39. Geburtstag sogar der Oscar als Bester fremdsprachiger Film. Wir sprachen den Filmemacher wenige Tage vor der Preisverleihung am Telefon.

Herr Nemes, es gibt unzählige Filme über den Holocaust und die Gräueltaten der Nazis. Warum noch einen drehen?

Mir ging es ganz speziell darum, von den sogenannten Sonderkommandos zu erzählen, also jenen KZ-Häftlingen, die gezwungen wurden, den Nazis in den Vernichtungslagern zu helfen. Vor zehn Jahren habe ich zum ersten Mal Dokumente gelesen, in denen die Mitglieder dieser Sonderkommandos von ihren Erfahrungen berichteten und die sie quasi mitten im Krematorium heimlich niedergeschrieben hatten. Die Lektüre erschütterte mich – und sie versetzte mich vor allem mehr als alles, was ich je über den Holocaust erfahren hatte, mitten hinein in das damalige Geschehen. Diese Unmittelbarkeit dieser Berichte wollte ich in einem Film festhalten. Und zwar in einer Form, wie es sie meiner Meinung nach als filmisches Erlebnis bislang nicht gegeben hatte. Ich wollte dem Publikum wirklich ein Gefühl dafür vermitteln, wie es sich in einem Konzentrationslager anfühlte. Das sollte nichts zu tun haben mit all den Nachkriegs-Interpretationen der Ereignisse, die sich in fast allen anderen Filmen zum Thema niederschlagen.

Über viele dieser anderen Filme haben Sie gesagt, Sie würden sie unehrlich finden. Was genau meinen Sie damit?

Was den Holocaust angeht, ist ja im Grunde in den letzten Jahrzehnten fast eine eigene Filmindustrie entstanden. Fast hat man den Eindruck, als gäbe es ein Handbuch, an das sich alle Regisseure halten, die einen Film über KZs drehen. Und was mich an nicht allen, aber doch den meisten dieser Filme stört, ist die Tatsache, dass sie in der Regel gar nichts über individuelle Erfahrung im Holocaust erzählen. Sondern sie erzählen vom Überleben, von den Ausnahmefällen. Dadurch wurde es die unausgesprochenen Regel, dass der Zuschauer davonkommt. Eben genau wie es der Protagonist tut. Das halte ich für verharmlosend. Abgesehen davon, dass es bei diesem Thema nicht nur darum geht, welche Geschichte man erzählt, sondern auch wie man es tut.

Sie stört die Darstellung?

Ja, denn viel zu oft wird das Leiden ästhetisiert. Da wird der Holocaust plötzlich zu etwas, das schön anzusehen ist. Und immer wenn die Kamera das Grauen einfängt, folgt schnell der Schnitt in die nächste Szene. Da wird dem Publikum ein Ausweg und eine Erleichterung gewährt, die die Insassen damals nicht hatten. Auch dramaturgisch machen es sich viele Filme zu leicht. Sobald es einen fiesen Aufseher oder Offizier gibt, auf den der Zuschauer alles Böse projizieren kann, und als Kontrast dazu einen guten Helden, der sich zur Identifikation anbietet, macht man es sich zu leicht. All das wollte ich nicht, dieser Luxus der Distanziertheit war für mich tabu. Mir war es wichtig, ganz klar zu vermitteln, dass man im KZ eben nicht weggucken oder an etwas anderes denken konnte. Der Horror war allgegenwärtig, rund um die Uhr. Deswegen darf der Holocaust im Kino auf keinen Fall zu etwas Abstraktem werden.

Mit „Son of Saul“ setzen Sie dem einen Film entgegen, der sich ausschließlich auf seinen Protagonisten konzentriert, durch dessen Augen wir den Lageralltag wahrnehmen. Wie schwierig war diese ungewöhnliche Erzählweise umzusetzen?

Ich habe Jahre gebraucht, einen Weg zu finden, die Unmittelbarkeit und das Gegenwärtige des Holocaust auf die Leinwand zu bringen. Und trotz jahrelanger Vorbereitung war der ziemlich kompliziert. Unser Set war größtenteils eine einzige Kulisse, durch die man minutenlang laufen konnte. Denn mitunter drehten wir Szenen von zehn Minuten, ohne Schnitt, aber mit teilweise mehreren hundert Statisten. Die zu choreografieren, aber natürlich ohne dass sie irgendwie choreografiert aussahen – das war bisweilen nervenaufreibend. Zumal wir wenig Zeit hatten. Denn weil sich in Europa kaum Förderungen und Finanziers finden ließen, ich aber bei meiner Vision keine Abstriche machen wollte, mussten wir eben bei den Drehtagen sparen.

Es war zu lesen, dass Sie gerade in Deutschland mit Ihrem Projekt auf Widerstände stießen. Als der Film fertig war, hat ihn die Berlinale abgelehnt, und der hiesige Kinostart kommt nun auch später als anderswo. Haben Sie eine Erklärung?

Zunächst muss ich dazu sagen, dass ich mich auch in Israel vergeblich um eine Finanzhilfe beworben habe. Deutschland befindet sich da also in interessanter Gesellschaft. Aber bei Ihnen fand ich nicht einmal einen potenziellen Koproduzenten, so dass wir noch nicht einmal dazu kamen, bei den Förderungen anzuklopfen. Es schien, als würde man „Son of Saul“ nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen wollen. Warum das so war, frage ich mich selbst. Sagen Sie es mir!

Prinzipiell ist man hierzulande ja stolz auf den Umgang mit der Vergangenheit. Und über einen Mangel an deutschen Filmen zum Thema kann sich auch niemand beklagen.

Wahrscheinlich ist aber genau das der springende Punkt. Dass mein Film eben in keine der altbewährten Schemata passt. Bei uns kann der Zuschauer sich nicht auf die üblichen Gewissheiten verlassen und sich im Altbekannten bestätigt sehen, sondern bewegt sich auf vollkommen unbekanntem Territorium. Eben weil „Son of Saul“ kein intellektuelles Verständnis des Holocaust liefern will, sondern ein instinktives, aus dem Bauch heraus. Das hat scheinbar einigen Leuten Angst gemacht oder sie verunsichert. Was ich aber allerdings gerade als eine Stärke des Films ansehe.

Letzten Endes hat „Son of Saul“ dann doch eine unglaubliche Erfolgsgeschichte hingelegt, von der Cannes-Premiere bis zur Oscar-Verleihung. Wie haben Sie diese letzten zehn Monate erlebt?

Abgesehen davon, dass sie hektisch waren? Am meisten bedeutet haben mir eigentlich all die Vorführungen mit Publikum, bei denen ich in den Augen der Zuschauer sehen konnte, was ihnen dieser Film bedeutet. Das ist für einen Regisseur das Größte. Und das zweite große Geschenk waren für mich die vielen verschiedenen Begegnungen mit anderen, viel erfahreneren Filmemachern. Dass ich als ungarischer Regiedebütant mit Leuten wie Ridley Scott oder Quentin Tarantino, mit deren Filmen ich aufgewachsen bin, nicht nur im gleichen Raum bin, sondern mich sogar unterhalte – das war schon der Wahnsinn.

Und was lässt man nun auf so ein außergewöhnliches Debüt folgen?

Für den nächsten Film bleibe ich auf jeden Fall in Ungarn, da bin ich schon mitten in der Vorbereitung. Etwas ganz anderes als „Son of Saul“, allerdings auch mit meiner Handschrift, also visuell nicht ganz alltäglich. Danach kommt womöglich einer, den ich in den USA oder zumindest auf Englisch drehe. Diesbezüglich strecke ich auf jeden Fall schon meine Fühler aus. Allerdings muss es schon das richtige Projekt sein, denn es geht mir nicht bloß darum, irgendetwas in Hollywood zu drehen und irgendwie abzuheben. Das Ziel ist es, mir selbst treu und mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben.

Interview: Patrick Heidmann

Der mit dem Oscar prämierte Film „Son of Saul“ ist das Langfilmdebüt von László Nemes. Das Drehbuch schrieb er mit Clara Royer. Der Film läuft am 10. März 2016 in  Deutschland in den Kinos an.