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Berliner Zeitung | Retrospektive der Berlinale: Was DDR- und West-Filmland trotz Teilung gemeinsam hatten
02. February 2016
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Retrospektive der Berlinale: Was DDR- und West-Filmland trotz Teilung gemeinsam hatten

Szene aus „Abschied von gestern“
von Alexander KlugeKairos Film/Kluge/dt. Kinemathek

Szene aus „Abschied von gestern“

von Alexander KlugeKairos Film/Kluge/dt. Kinemathek

Die Überraschung war dem 34-jährigen Alexander Kluge anzusehen, und auch der Stolz, als er durch die langen Reihen von Anzugträgern auf die Bühne ging, neben sich seine Schwester Alexandra, um einen Silbernen Löwen in Empfang zu nehmen. Das war im September 1966 bei den Filmfestspielen von Venedig, wo „Abschied von gestern“, sein erster langer Spielfilm, im Wettbewerb lief. Die Kritik war sich einig, dass das Kino der Bundesrepublik Deutschland damit einen großen Schritt nach vorn gemacht hatte, dass der Junge Deutsche Film begann, auch ein Neuer Deutscher Film zu werden.

Überhaupt war es ein gutes Jahr für das Kino des deutschen Westens: In Cannes hatte Volker Schlöndorff mit „Der junge Törless“ den Kritikerpreis erhalten; bei der Berlinale wurde Peter Schamonis „Schonzeit für Füchse“ mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet; und Jean-Marie Straub reüssierte mit „Nicht versöhnt“ beim Festival in Pesaro. Dazu die Arbeiten von Edgar Reitz, Hansjürgen Pohland, Hajo Senft, Ulrich Schamoni.

Oder das wilde, knallbunte filmische Happening „Der Brief“ des in der Bundesrepublik lebenden Zagrebers Vlado Kristl. Kein einsamer Aufbruch also – eher eine selbstbewusst sarkastische, spielerische Gruppenbewegung, gespeist aus dem Zorn auf die Adenauer-Ära und den neu zur Verfügung stehenden Fördergeldern des Kuratoriums junger deutscher Film. Staatsgelder also, die von den Jungen genutzt wurden, um den Mief aus tausend Jahren auch aus den Kinos zu vertreiben.

Natürlich geschah das nicht ohne politische Widerstände. So verließ der westdeutsche Kulturattaché die Vorführung des „Jungen Törless“ in Cannes laut schimpfend, dazu ermuntert vom Bonner Auswärtigen Amt: So wollte sich die Bundesrepublik im Ausland nicht repräsentieren lassen. Und auch „Abschied von gestern“ dürfte der Politik einige Verstörung bereitet haben: Kluge beschrieb, wie eine junge Frau, die aus der DDR in den Westen geht, dort keine Wurzeln fassen kann.

Er konfrontierte seine Anita G., aus jüdischem Elternhaus, mit einer bigotten, verlogenen Gesellschaft, und er ließ sie zur Musik des Deutschlandliedes ganz leise die Worte „Glück und Frieden, uns beschieden“ anstimmen. Zeilen aus einem anderen Deutschlandlied, von Bertolt Brecht und Hanns Eisler: Verse einer Hoffnung, einer fernen Illusion.

„Abschied von gestern“ und mehr als zwanzig weitere Filme des westdeutschen Kinojahres 1966 treffen in der diesjährigen Berlinale-Retrospektive auf Defa-Produktionen, die im selben Jahr ins Kino kamen – oder kommen sollten. Das ist zweifellos eine kuratorische Pioniertat, denn bisher wurden die beiden zwischen 1949 und 1990 getrennten deutschen Filmnationen meist auch getrennt betrachtet. Dabei resultieren gerade aus Vergleich und Reibung viele Einsichten.

Was 1966 im Kino passierte, hatte seine Wurzeln ja in längeren Entwicklungen: Im Westen markierte das Oberhausener Manifest von 1962 einen Willen zur Veränderung; im Osten war es die Zuversicht vieler Intellektueller, sich nach dem Mauerbau mit den eigenen inneren Problemen befassen zu können – kritisch, sachlich, optimistisch. Weil Film Zeit braucht, schlug sich der frische Wind vor allem in den Defa-Projekten der Jahre 1965 nieder. Doch als sie auf die Leinwand kommen sollten, hatte sich der Wind wieder gedreht; innerhalb der Staatspartei SED hatte sich die Betonfraktion durchgesetzt, zwölf Defa-Filme verschwanden im Tresor.

Starker Aufbruch im Osten

Einige der bekanntesten laufen in der Retrospektive: „Spur der Steine“, „Berlin um die Ecke“, „Karla“, „Jahrgang 45“, „Fräulein Schmetterling“, „Der verlorene Engel“. Dazu Dokumentarfilme, die schon damals zu sehen waren, über junge Leute, Arbeiterinnen oder Künstler, wie der zauberhafte „Paul Dessau“ von Richard Cohn-Vossen.

Was hätte also sein können, wenn sich – über die Mauer hinweg – Kluges Streunerin Anita und Ulrich Plenzdorfs und Herrmann Zschoches Lehrerin Karla auf den Leinwänden begegnet wären? Wenn der rebellische Baubrigadier Balla auf die unzufriedenen Bürgersöhne aus „Schonzeit für Füchse“ getroffen wäre? Wenn sich die streitlustigen Paare aus Jürgen Böttchers „Jahrgang 45“ und Ulrich Schamonis „Es“ zum Stelldichein getroffen hätten? Die Frage muss rhetorisch bleiben, aber von heute aus gesehen waren die Filmemacher beider Länder ästhetisch auf der Höhe ihrer Zeit, inspiriert von den jungen Franzosen, Briten oder Tschechen, nah am Leben, bereit, ihre Gesellschaften zu reformieren.

Dass die Defa den internationalen ästhetischen Standard mitbestimmt hätte, wenn die Arbeiten von 1965/66 nicht im Tresor gelandet wären, daran besteht heute kein Zweifel. Aber der DDR-Politik ging es nicht darum, in einem künstlerischen Systemwettstreit zu bestehen. Den Verwaltern des sozialistisch-realistischen Provinzialismus ging es nur um die Macht im eigenen Haus. Und die glaubte sie durch Filme bedroht, in denen auch ein kritischer Panoramablick auf die Gesellschaft gewagt wurde.

Bis heute dominiert der westdeutsche Film die Erinnerung an den Aufbruch des deutschen Kinos der 1960er. Dass es einen ebenso starken Aufbruch auch im Osten gab, sogar noch etwas früher – das, macht die Berlinale-Retrospektive auf eindrückliche Weise deutlich.

Unser Autor Ralf Schenk ist Vorstand der Defa-Stiftung.