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Rezension "Die geliebten Schwestern“: Sturm und Drang

Caroline (H. Herzsprung), Schiller (F. Stetter), Charlotte (H. Confurius, v.l.).

Caroline (H. Herzsprung), Schiller (F. Stetter), Charlotte (H. Confurius, v.l.).

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Senator

Im Herbst 1787 reist Charlotte von Lengefeld zu ihrer Patentante Frau von Stein nach Weimar. Die junge Frau soll hier Manieren lernen und eine gute Partie machen bei Hofe. Doch Charlotte kann Frau von Stein nicht leiden, und recht machen kann sie es ihr sowieso nicht. Die Vertraute von Goethe ist eine übellaunige Dame, denn der Großdichter ist abwesend, er weilt in Italien. Frau von Stein leidet. Dafür ist gerade Friedrich Schiller, 28 Jahre alt, eingetroffen!

Als er die am Fenster erscheinende Charlotte nach dem Weg fragt und sich daraufhin ein putziger Wortwechsel entwickelt, findet sie Gefallen am armen Poeten. Das tut auch, einige Monate später, ihre Schwester Caroline von Beulwitz, die unglücklich in einer Versorgungsehe gefangen ist, um die verwitwete Mutter sowie die Schwester finanziell abzusichern. Doch Caroline ist keineswegs gewillt, sich zu bescheiden. Als Schiller die Schwestern 1788 in Rudolstadt besucht, handeln Caroline und Charlotte ihrem Schwur gemäß, alles miteinander zu teilen, auch den Autor der „Räuber“.

Keine Minute ist verschwendet

Das könnte nun der Stoff für ein staatstragendes Drama sein. Sturm und Drang und deutsche Klassik! Goethe und Schiller, Anmut und Würde – und die ästhetische Erziehung des Menschen! Das alles ist auch enthalten in Dominik Grafs erstem abendfüllenden Kinofilm seit acht Jahren, aber „Die geliebten Schwestern“ ist alles andere als behäbig – nämlich licht, schwebend, fein gesponnen, so zart wie leidenschaftlich, klug und hinreißend. Kurzum: Es ist ein Film zum Niederknien und Küssen.

Keine einzige der immerhin 170 Minuten Laufzeit ist verschwendet. Und die Frage, wen in Zeiten grassierender Bildungsverachtung schon ein Film über ein paar historische Kulturfiguren interessieren sollte, stellt sich erst gar nicht. Was daran liegt, dass sich Dominik Graf für einen zeitlosen Ansatz entschieden hat, der historische Gegebenheiten nicht heutiger Aktualität opfert. Im Mittelpunkt seiner Erzählung stehen nicht die Dichtergrößen – Goethe ist nur zwei Mal kurz im Bild und das nur von hinten –, sondern zwei junge Frauen mit Träumen, die fürs Kinopublikum anschlussfähig sind. Es geht darum, ob und wie man eine ungewöhnliche Liebe leben kann.

Eine Ménage à trois

Charlotte, Caroline und „Fritz“ sind jedenfalls fest entschlossen, es zu versuchen, und mit allem Überschwang und Idealismus der Jugend, in Carolines Fall auch mit dem Zorn der unzufriedenen Ehefrau glauben sie an ein Gelingen. Die drei müssen einige Raffinesse aufbieten, um die umgebende Standesgesellschaft zu täuschen und sozial nicht ins Abseits zu geraten. Verschlüsselte Briefe, kleine Intrigen, konspirative Treffen, Komplizenschaft mit Dienstboten – das alles ist ungemein munter inszeniert; noch in den Details der liebevollen Ausstattung, den vielen Blumen der sonnengesättigten Rudolstädter Tage, dem Rauschen der Gewänder offenbart sich das Versprechen einer erfüllten Ménage à trois.

Wie sehr hier indes alle Utopie, die erotische wie künstlerische, der Ökonomie verhaftet bleiben muss, zeigt schon die Wut, mit der die reiche Weimarer Hofdame Charlotte von Kalb um ihren sexuell begabten Lover Schiller ringt, als der ihr abtrünnig wird. Kalb hat Schiller mehr oder weniger ausgehalten; nun wagt dieser die Abnabelung – allerdings erst, als eine Professur in Jena winkt.

Utopie und Wirklichkeit brauchen sich

Um den Mantel der Konvention über die Liebe zu dritt zu halten, heiratet Charlotte Schiller, doch mit diesem Schritt wird die Utopie auch geschwächt. Und der Film lässt keinen Zweifel daran, dass diese Utopie ungewöhnlicher Liebe auch eine gesellschaftliche ist. Vor dem Hintergrund des französischen Revolutionsterrors verglüht das Feuer rettungsloser Offenheit und weicht abgeklärten, klassischen Verhältnissen. Während sich Familie Schiller etabliert, mit Hofratstitel, geregeltem Einkommen und Kindern, wächst Caroline die Außenseiterrolle zu. Sie lebt in Scheidung, hat Liebhaber; als sie schwanger wird, behandelt Charlotte sie, getrieben von Eifersucht, quasi wie eine Hure.

Dominik Graf verrechnet Utopie und Lebensrealität nicht miteinander; beide brauchen sich vielmehr. So wie auch Heiterkeit und Schatten, Komödie und Drama organisch verbunden sind in diesem Film, der zudem unglaublich sexy ist. Ein Blickwechsel genügt, um Schillers rasendes Begehren zu vermitteln, als er Caroline nach vier Jahren Trennung wiederbegegnet. Und hat man je mitgedacht, dass in Weimar mit Thüringer Dialekt gesprochen wurde! Also kommt es zu einer Aufführung sogenannter lebender Bilder vom Drama „Mätäja“, wobei „Hörr Schilla“ allerdings noch nicht anwesend ist. Eine Schauspieler-Traumteam sind Hannah Herzsprung als Caroline, Florian Stetter als Schiller und Henriette Confurius als Charlotte. Ein Traum ist dieser schöne Film.

Die geliebten Schwestern 10.2.: 17 Uhr, Kino Adria