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Sexkomödie „Plötzlich Gigolo“: Hier sind Quereinsteiger gefragt

Er ist aufgeschlossen für alle Dinge des Lebens: Murray (Woody Allen).

Er ist aufgeschlossen für alle Dinge des Lebens: Murray (Woody Allen).

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Concorde

Dieser Film verlangt von allen Beteiligten ein gerütteltes Maß an Fantasie: von den Künstlern vor und hinter der Kamera, bestimmt auch von ihren Finanziers und erst recht von den Kinogängern. Das muss man sich nämlich erst mal vorstellen: Woody Allen als Zuhälter; John Turturro als erfolgreiche männliche Hure; Sharon Stone als schüchterne Ärztin, die Angst hat, erotisch etwas verpasst zu haben; und Vanessa Paradis als Witwe eines Rabbis! Allenfalls Liev Schreiber als koscheren Polizisten mag man auf Anhieb akzeptieren.

Aber es lohnt sich, „Plötzlich Gigolo“ einen Vertrauensvorschuss zu gewähren. Denn an den Haaren herbeigezogen ist diese zuvorkommende Sexkomödie nur in einem buchstäblichen Sinne: Sie kam zustande, weil Allen und Turturro in New York zum gleichen Friseur gehen. Der beschwor seine beiden Kunden schon seit Langem, einmal gemeinsam einen Film zu drehen. Eine Drehbuchidee von Turturro gefiel dem redseligen Figaro so gut, dass er ihm umgehend die Telefonnummer seines anderen Stammkunden gab. Nur wenige Friseure haben sich so sehr um das Kinoglück verdient gemacht.

So kam es also, dass Woody Allen den Buchhändler Murray spielt, der sein Geschäft aufgeben muss und gerade im richtigen Moment von seiner Hautärztin (Stone) erfährt, wie gern sie eine Dreiecksgeschichte mit ihrer besten Freundin und einem aufgeschlossenen Liebhaber erleben würde Augenblicklich denkt er dabei an Fioravante (Turturro), mit dem er befreundet ist, seit dieser als Kind seinen Buchladen ausrauben wollte. Rasch finden sich weitere Klientinnen, die der Florist unter dem Künstlernamen Virgil beglücken soll.

Und da Murray in seinem neuen Metier als Zuhälter nicht nur Geschäftssinn entwickelt, sondern auch ein gutes Herz hat, vermittelt er Virgil an die Rabbinerwitwe Avigal (Paradis), die in zwanzig Ehejahren zwar sechs Kinder geboren, aber nie die Freuden der Zärtlichkeit genießen durfte. Nun tritt der chassidische Nachbarschaftspolizist Dovi (Schreiber) auf den Plan, der Avigal seit Kindertagen heimlich liebt und sich darüber wundert, dass sich auf ihrem Gesicht plötzlich ein glücklich Lächeln zeigt.

John Turturros Film unternimmt einen durchaus eigenwilligen Ausflug in das verzauberte, märchenhafte New York der Filme Woody Allens, wo die Fantasie verblüffend über erotische Unvereinbarkeiten triumphiert. Man denke nur – und das hat Turturro beim Schreiben des Drehbuchs vielleicht auch getan – an die vergnügliche Szene aus „Manhattan“, in der Diane Keaton von ihrem Professor erzählt, der sie sexuell erschlossen habe – und der dann in Gestalt des verhuschten Homunkulus Wallace Shawn auftaucht. Die erotischen Begegnungen sind für Turturro indes kein Anlass für visuelle Gags; sie geraten ihm weder spekulativ noch anzüglich. Er nimmt sie vielmehr ernst als Momente befristeter, aber echter Intimität. Wie sehr er weibliche Sinnlichkeit auch jenseits der herkömmlichen Schönheitsdiktate verehrt, zeigte er schon in seiner zweiten Regiearbeit „Illuminata“.

Wenn sich John Turturro selbst als Mann für gewisse Stunden in Szene setzt, besitzt das erfreulich wenig Narzissmus. Eher schon verrät es die Bereitschaft, auch auf sich selbst einen zweiten Blick zu werfen. Fioravante alias Virgil wirkt tatsächlich anmutig. Das ist keine geringe Leistung für Turturro, über den in Robert Redfords „Quiz Show“ einst der denkwürdige Satz fiel: „Der hat höchstens ein Gesicht fürs Radio!“ Verführerisch ist nicht zuletzt die melancholische Aura des Gigolos, die ein Versprechen auf Nähe und Aufmerksamkeit gibt. Mithin wird seine Ausdauer beim Liebesspiel nicht zu einer Angelegenheit viriler Mechanik; obwohl der gelernte Florist sehr geschickt mit seinen Händen umgehen kann.

„Plötzlich Gigolo“ handelt gleichsam von den Wohltaten der Fehlbesetzung. Die Figuren dürfen aus ihren vertrauten Rollen heraustreten, sich von vorgefassten Vorstellungen ablösen. Es ist ein kleines Meisterstück der sanften Grenzüberschreitung – in den Köpfen und zwischen den Kulturen. Dass dies ohne störende dramatische Turbulenzen verläuft, ist eine Frage des Erzähltons, der Atmosphäre, die die Charaktere umfängt. John Turturros Kameramann Marco Pontecorvo hat New York in so berückend gedämpften Herbsttönen gefilmt, dass man sich fragt, warum Filme dort überhaupt noch in anderen Jahreszeiten gedreht werden.

Plötzlich Gigolo USA 2013. Regie & Drehbuch: John Turturro, Kamera: Marco Pontecorvo, Darsteller: John Turturro, Woody Allen, Sharon Stone u. a.; 98 Minuten, Farbe. FSK ohne Altersbeschränkung.