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Sönke Wortmann zu "Frau Müller muss weg": Eltern, bleibt locker!

Sönke Wortmann: "Allein das Wort "Elternabend" umgibt solch ein Mythos. Wann immer ich in den letzten beiden Jahren sagte, ich drehe einen Film über einen Elternabend, brachen alle Dämme."

Sönke Wortmann: "Allein das Wort "Elternabend" umgibt solch ein Mythos. Wann immer ich in den letzten beiden Jahren sagte, ich drehe einen Film über einen Elternabend, brachen alle Dämme."

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imago/Karina Hessland

Sönke Wortmann ist wieder in Berlin. Vor knapp drei Jahren hat er hier am Grips-Theater das Erwachsenen-Stück „Frau Müller muss weg“ über einen Elternabend in der Schule inszeniert. Jetzt ist er in der Stadt, um Interviews geben, weil sein Film nach der Vorlage dieses Stücks in die Kinos kommt. In einem Hotel nahe dem Kurfürstendamm spricht er mal in der Bibliotheksecke, mal im Zimmer mit den Journalisten, die Termine verschieben sich alle stückchenweise nach hinten. Sönke Wortmann wirkt bei der Begrüßung etwas müde. Vielleicht macht es auch nur das Berliner Himmelgrau vor dem Fenster, das im dunkel möblierten Zimmer kaum vom Lampenlicht übertroffen wird. Der Regisseur setzt sich in einen Sessel, lehnt sich nicht an, sondern bleibt fast die ganze Zeit leicht nach vorn geneigt sitzen. Er ist konzentriert. Nur einmal gegen Ende des Gesprächs möchte er die Uhrzeit wissen. Er hat noch eine Verabredung am Telefon.

Als Sie vor drei Jahren hier in Berlin ein Theaterstück inszenierten – zum ersten Mal nach mehr als zehn Jahren –, hat das für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Sie sind doch Filmregisseur: Wie kamen Sie denn darauf?

Durch das Grips-Theater. Stefan Fischer-Fels, damals neu als künstlerischer Leiter, hatte mich angerufen und einfach gefragt. Ich mache im Prinzip ganz gern Theater. Aber oft habe ich keine Zeit oder mir gefällt das Stück nicht. Diesmal hatte ich Zeit, vor allem aber gefiel mir das Stück. Das hatte ich gar nicht erwartet. Ich musste immer weiterlesen, ich war gespannt, wie es weitergeht. Mir war auch schnell klar, dass es nicht nur ein Theaterstück ist, sondern auch ein Film werden könnte.

Aber Sie haben, da es Ihnen vom Grips angeboten wurde, anstandshalber nicht gleich den Film gemacht?

Nein, nein, ich mag Theater, das sollte erst einmal fürs Theater sein. Ich habe auch keinen Zeitdruck gesehen. Auch in fünf Jahren wird uns die Bildung noch beschäftigen. Auch die Ost-West-Problematik ist in fünf Jahren noch da. Und so ernst ich die Arbeit am Theater genommen habe, sie war auch Vorbereitung für den Film. Aber es sagt sich so leicht. Für einen Film muss man erst einmal Mehrheiten finden.

Wegen des Geldes. Doch so teuer sieht der Film nicht aus.

Er hat auch drei Millionen Euro gekostet. Da braucht man Produzenten, Partner, Förderung. Ich kann immer nur hoffen, dass ich die entsprechenden Leute davon überzeuge, mit mir einen Film zu machen. In diesem Fall hat das Stück geholfen, denn ich habe die Produzenten alle da reingeschickt, auch die Schauspieler, die ich haben wollte. Die Begeisterung des Publikums war ein schönes Argument.

Was reizt Sie am Theater? Was bietet es, was der Film nicht kann?

Die Arbeit mit den Schauspielern. Wenn ich ein so brillantes Dialogstück habe wie „Frau Müller muss weg“, dann macht es unglaublich viel Spaß, mit guten Schauspielern daran zu feilen, zu gewichten, zu dramaturgisieren. Und es ist immer live. Der Film kann insgesamt mehr, er kann eine größere Illusion herstellen als das Theater, kann andere Welten erfinden wie in „Avatar“ oder „Herr der Ringe“.

Mit „Avatar“ kann man Ihren neuen Film nicht vergleichen. Aber immerhin verlassen Sie mit Ihren Figuren jetzt das Klassenzimmer, während die Handlung des Stücks die ganze Zeit dort bleibt.

Ja, da hat der Film einen Vorteil. Denn so sehr ich Kammerspiel manchmal gut finde: Bei Roman Polanskis „Gott des Gemetzels“ ging es mir schon nach einer Stunde ganz schön auf die Nerven, dass sie immer in dem gleichen Raum sind. Für den Film hatten wir versucht, so oft wie möglich aus dem Klassenzimmer rauszugehen. Weil Frau Müller, die Lehrerin irgendwann hinausgeht, haben wir uns gefragt, wo man nach ihr suchen könnte. Das Schwimmbad …

… bietet Platz für eine schöne Szene, stimmt! Aber eine Schule mit Schwimmbad finde ich ziemlich unglaubwürdig.

Also, in meiner Grundschule gab es ein Schwimmbad. Die Turnhalle gefällt mir übrigens auch. Da hat man die Möglichkeit, optisch noch einmal ganz anders zu arbeiten, was das Genre Film auch verlangt.

Während man sich bei dem Stück viel stärker auf die Dialoge konzentriert.

Ja, im Film können Sie niemand, auch wenn er noch so gut spielt, lange monologisieren lassen. Sie brauchen Bilder, Aktionen.

Allerdings fühlte ich mich im Theater stärker einbezogen, direkter angesprochen. Ich kam mir vor, als säße ich selbst in der Elternversammlung.

Da ist sicher was dran. Es ist live, es passiert in dem Moment. Ich habe mal eine Tschechow-Inszenierung in Moskau gesehen, die „Drei Schwestern“. In einer Szene gibt es ein Festessen im Landhaus. Da wurden die ersten beiden Zuschauerreihen auf die Bühne, an eine lange Tafel, gebeten. Da waren wir nicht nur Publikum, sondern auch noch Komparsen in dem Stück. Daran muss ich jetzt denken. Ich hatte zwar kein Wort verstanden, aber ich fühlte mich als Teil der Gesellschaft.

Nun haben Sie auch Stars des deutschen Kinos engagiert. Wollten Sie die Leute damit locken, eine Anke Engelke als Elternsprecherin zu sehen?

In erster Linie besetze ich so, wie es dem Film am besten tut. Es geht mir um die Qualität. Wenn dann jemand zusätzlich Star ist, um so besser, gerade für die Verleiher. Denn es bleibt natürlich ein kleiner Film, obwohl das Thema ein großes ist, meiner Meinung nach.

Fürwahr, es ist ein großes Thema! Die Familie gilt ja als Kernzelle der Gesellschaft, aber die nächste Stufe ist wohl die Schule. Jeder, der Kinder hat, müsste an dem Thema interessiert sein.

Allein das Wort Elternabend umgibt solch ein Mythos. Übrigens auch, wer keine Kinder hat, war ja selbst einmal Kind und erinnert sich an die Institution Schule. Und sogar Jugendliche, das habe ich im Grips öfter gesehen, interessieren sich für einen Blick durchs Schlüsselloch, was da so auf einem Elternabend passiert.

Eltern sind ihren Kindern oft peinlich. Dass es Grund genug dafür gibt, zeigt der Film.

Meine Kinder finden mich auch peinlich. Völlig zu Unrecht natürlich.

Natürlich. Wie viele Kinder haben Sie? Und wie alt sind sie?

Ich habe drei Kinder, sie sind 16, zwölf und zwölf – die beiden Jüngeren sind Zwillinge.

Haben Sie es geschafft, sie aufs Gymnasium zu bekommen?

Sie haben es alleine problemlos geschafft. Ich gehöre allerdings nicht zu den Eltern, die finden, dass das Gymnasium über das Lebensglück entscheidet. Man kann auch gerne einen handwerklichen Beruf erlernen.

Das ist aber eine eher seltene Einstellung.

Das glaube ich auch. Sie wäre weniger selten, wenn man offener über diese Dinge sprechen würde, wenn es allgemeiner akzeptiert wäre, dass es auch verschiedene Wege gibt, das Abitur zu machen. Wenn man nach vier Schuljahren noch nicht die Gymnasialreife hat, kann man auch auf eine Gesamt- oder Sekundarschule gehen und hätte mehr Zeit für das Abitur. Die Diskussion über G8, G9 kennen Sie?

Ja, ob man das Abitur in der 12. Klasse nach – wie bundesweit üblich – acht Jahren Gymnasium ablegt oder in der 13. nach neun. In Berlin ist das etwas anders, weil die meisten Gymnasien erst mit der 7. Klasse anfangen.

Wenn wir schon so konkret über Schule sprechen: Ich halte das Modell G9 für besser. Es ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass es für die Schüler sinnvoller ist. Es würde Druck von den Kindern nehmen. Allerdings haben die Eltern oft viel mehr Druck als die Kinder. Justus von Dohnanyi sagt ja an einer Stelle im Film: „Ich habe viel mehr Angst vor dem Zeugnis als Janine.“

Was meinen Sie mit dem Mythos um das Wort Elternabend?

Wann immer ich in den letzten beiden Jahren gefragt wurde, was ich gerade mache, hieß es zu „Frau Müller muss weg“ freundlich, das sei ein interessanter Titel. Wenn ich aber sagte, es gehe um einen Elternabend, brachen alle Dämme. Das wurde aber Zeit!, hieß es dann, da könnte ich dir auch noch eine Menge erzählen … Es gibt skurrilste Erlebnisse, die Eltern bei Elternabenden haben. Das Thema Bildung ist auch individuell mit der Frage „Was wird aus meinem Kind?“ sehr wichtig.

Der Film führt die Eltern kurz vor den Zeugnissen zusammen, die über die Aufnahme am Gymnasium entscheiden. Während sie an ihre Kinder denken, werden ihre eigenen Probleme sichtbar – und der Klassenraum zum Spiegelbild der Gesellschaft.

Nichts weniger wollte ich.

Da kommen Paarprobleme, Seitensprünge, Arbeitslosigkeit und die Versetzung nach Gutdünken der Firma zur Sprache. Wann weiß man, wo man da aufhören muss?

Da musste ich mich nur an die Vorlage von Lutz Hübner halten. Es ist, wie ich finde, ein kleines Meisterwerk, das ihm und seiner Partnerin Sarah Nemitz da gelungen ist. Als Theaterstück ist es nicht von ungefähr so erfolgreich, weil es einen Nerv trifft, den der Film hoffentlich auch treffen wird. Ich wollte ihn nicht überfrachten. Was uns allerdings im letzten Moment noch eingefallen ist, ist der fiktive Abspann, was aus den Filmhelden geworden sein wird.

Tatsächlich machen die alle ihren Weg!

Genau. Trotz aller schulischen Probleme. Das ist auch die Botschaft, die ich habe, wenn ich eine haben sollte: Eltern, bleibt locker. Auch wenn die Kinder es nach der vierten Klasse nicht aufs Gymnasium schaffen sollten, gibt es Wege, ein glücklicher Mensch zu werden. Ich glaube auch, wenn der Druck mal ein bisschen nachlassen würde, besonders seitens der Eltern, wäre schon viel gewonnen.

Ich glaube, das Mirakulöse am System Schule treibt viele Eltern um. Dieser Ernst des Lebens ist so undurchsichtig. Über den Alltag in der Schule erfährt man nur etwas beim Elternabend und anhand der Zensuren. Man möchte die Lehrerin begreifen. Im Film gibt sie am wenigsten preis.

Das soll auch so sein. Wir hatten uns auch erst eine sogenannte Backstory für die Lehrerin ausgedacht, dass sie ihre kranke Mutter pflegen muss und erschöpft in die Schule kommt. Dann dachten wir, das lenkt nur ab. Man muss nicht mehr über sie wissen. Das Stück heißt zwar nach ihr, aber Frau Müller ist meistens nicht da.

Man redet über eine Abwesende.

Und das macht sie viel interessanter. Man muss nicht zeigen, wo sie in der Zwischenzeit ist. Als sie wiederkommt, ist die Welt eine andere geworden.

Lehrer klagen oft, ihr Beruf sei wenig anerkannt. Sie kratzen nun an allen Figuren, am wenigsten an Frau Müller. Ist das auch eine Botschaft? Lasst mal den Lehrer machen?

Eigentlich schon. Es gibt gute und schlechte Lehrer, gute und schlechte Journalisten, Filmregisseure, das ist wie in jedem Beruf. Problematisch sind die verhärteten Fronten. Aber es gibt natürlich auch gute Schulen, gute Lehrer, die es schaffen, die Kinder zu begeistern. Es muss nicht immer Frontalunterricht sein. Die Tendenzen gehen auch dahin, zumindest bei uns in Nordrhein-Westfalen, wo ich mich besser auskenne als hier. Auch im Grips habe ich Elterngruppen und Lehrer zusammen gesehen. Nur wenn man ins Gespräch kommt, kann man etwas verändern. Ich möchte nicht den Lehrerberuf heroisieren, aber ein bisschen mehr Respekt und Vertrauen möchte ich schon einfordern. Hört denen mal zu, die kennen die Kinder in der Schule besser als die Eltern.

Sie sprachen den „Gott des Gemetzels“ an. Da streiten die Paare auch um den Umgang ihrer Kinder miteinander. Ist das Thema Schule nicht deshalb so brisant, weil man Menschen an ihrem verletzlichsten Punkt erwischt, weil es um ihre Kinder geht?

Stimmt. Daran hatte ich nicht direkt gedacht, aber es ist wahr. Es gibt ja sogar Foltermethoden, die Eltern lange aushalten. Aber wenn man ihnen sagt, deinem Kind werde ich ganz langsam die Beine abschneiden, wenn du nicht sagst, was wir hören wollen – dann werden sie schwach.

Insofern sind diese Eltern im Film in der ganzen Lächerlichkeit ihres Eintretens für die Kinder sogar ein bisschen sympathisch.

Zumindest in ihren Positionen nachvollziehbar, ja. Ich habe immer noch Verständnis für jeden einzelnen. Sogar für die von Anke Engelke gespielte Frau, die zwar berechnend ist ohne Ende, aber dann doch ganz offen zu den anderen sagt, sie wüsste, ihre Tochter sei nicht die hellste Kerze im Leuchter. Wie entwaffnend!

Geht Ihnen das immer so, dass Sie lange nach der Fertigstellung noch Dialoge Ihrer Filme auswendig können?

Nee. Das kann auch mit dem Theater zu tun haben, da hatte ich schon sehr intensiv am Text gearbeitet.

Gerade mit solchen Sätzen regt der Film zum Gespräch an. Glücklicherweise erschlägt er einen auch nicht durch Überlänge.

Ja, was will man mehr? Ich traue es mich kaum zu sagen: Ich habe ein ganz gutes Gefühl. Aber entscheiden wird es sich erst, wenn die Leute ins Kino gehen und den Film mögen.

In der Bundesrepublik wird viel mit Bildung experimentiert. G8, G9 ist nur ein Beispiel, es werden Schulformen abgeschafft, neue eingeführt, warum kommt da keine Ruhe rein?

Weil das Ländersache ist. Die Bundesländer werden von wechselnden Koalitionen regiert mit wechselnden Weltanschauungen, da hat man einen unterschiedlichen Blick auf die Wirklichkeit, legt seine jeweiligen politischen Schwerpunkte fest.

Nun bewegen Sie sich selbst auf einem Feld, auf dem alle Parteien engagiert sind.

Weil ja jeder betroffen ist. Das ist auch mein Glaube, dass er deshalb neugierig macht. Jetzt hatte ich zwei Misserfolge, da kann ich auch mal wieder einen Erfolg im Kino gebrauchen.

Der Film beginnt mit einer Unterschriftensammlung. Er handelt auch von Formen der Demokratie.

Ja, wir erzählen auch über Politik. Anke Engelke sagt: „Ich arbeite in einem Ministerium, Sie glauben gar nicht, was man alles zurücknehmen kann.“ Es entstehen Koalitionen, die sich wieder lösen, es bieten sich neue Optionen, immer eine Zeit lang, nämlich solange man glaubt, man könne dem eigenen Kind nützen.

Ist die Schule bei Ihnen vielleicht auch die Bundesrepublik im Kleinen? Ist die Lehrerin die Bundeskanzlerin?

Och, nö, so weit würde ich nicht gehen. Die versucht zwar am Anfang diplomatisch zu sein, aber als sie merkt, wo der Hase lang läuft, wird sie ganz schön massiv in ihrer Elternbeschimpfung. Das würde Frau Merkel nicht machen. Dafür ist sie zu sehr Politikerin. Frau Müller reagiert nur menschlich, sie wird sauer.

Aber spüren Sie dabei eine Verantwortung? Wenn Sie als einer der prominentesten deutschen Regisseure sich der Schule zuwenden?

Also nicht in dem Sinne, dass ich fürchte, da etwas falsch zu machen. Doch bin ich schon daran interessiert, dass über diese Themen auch geredet wird. Über Bildung, über Erwartungen der Eltern, auch über die Frage, wie lange man zum Abitur braucht. Wenn es nach mir ginge, würde ich entweder G9 wieder einführen oder G8 von Ballast befreien. Wissen Sie, wie viel Sie behalten haben von dem, was Sie in der Schule gelernt haben?

Leider zu wenig.

Sehen Sie. Drei Prozent behalten Sie, es gibt Untersuchungen dazu. Zum Beispiel Mathematik: Ich muss meine Steuererklärung machen, vernünftig rechnen können, aber vieles, was da in der Oberstufe gelehrt wird, braucht man nie wieder.

Und wenn die Kultusministerkonferenz zum nächsten Mal tagt und sich Sie als Berater holen würde – würden Sie kommen?

Ich weiß nicht, ob da mein Fachwissen ausreichte, aber warum nicht. Ich hätte schon noch Vorschläge für die Schule. Den Kopfnoten zum Verhalten zum Beispiel würde ich mehr Bedeutung beimessen. Ich fände es gut, wenn man mehr soziale Verantwortung an der Schule vermitteln könnte, ebenso Umweltbewusstsein und Humor. Oder die Frage, wie koche ich gesundes Essen? Braucht man wirklich 45-Minuten-Stunden, sind nicht ganze Stunden besser oder Doppelstunden, dass man nicht so oft wechselt am Tag? Darüber würde ich gern reden.

Sie hatten das Theaterstück weitab vom Wohnort Ihrer Kinder inszeniert. Der Film kann nun auch von den Lehrern und Miteltern ihrer Kinder gesehen werden. Bewirkt das einen gewissen Schauder?

Nein, wieso? Die werden mir alle recht geben. Das Kuriose ist ja, dass sich niemand vom Begriff Helikoptereltern angesprochen fühlt. Oder kennen Sie jemanden, der sagt, er sei ein Helikoptervater?

Stimmt: Nachhilfe und Kontrolle werden von Eltern immer als individuell notwendig angesehen, egal wie gut die Zensuren sind.

Aber als Helikopter-Eltern wollen die nicht bezeichnet werden. Mit der Schule für unsere Kinder haben wir Glück. Natürlich dauern auch bei uns die Elternabende länger, als sie müssten. Aber zwei Mal im Jahr sollte man schon schaffen, auch dahin zu gehen, selbst wenn nichts Entscheidendes passiert. Ich denke schon, die werden mir alle recht geben. Wenn die überhaupt wissen, dass der Film von mir ist. Die kennen zwar den Namen, aber nicht das Gesicht dazu.

Sie sagten zwar, es würde in fünf Jahren noch dieselben Probleme geben. In gewissem Sinne ist der Film aber altmodisch. Die Eltern haben eine Unterschriftenliste auf Papier, sie reden direkt miteinander, obwohl es längst Internet-Methoden gäbe, einen Lehrer zu schmähen.

Das wäre natürlich sehr unfilmisch, wenn die nur eine Online-Petition unterschrieben hätten. Da würden mir keine Bilder zu einfallen. Ich weiß auch nicht, ob die Lehrer heute mit einem iPad durch die Gegend laufen und dort ihre Notizen machen. Ich denke schon, dass Lehrer die Noten in ihre Kalender schreiben.

Ein anderes nicht ganz zeitloses Problem ist der Ost-West-Konflikt: Hat es Ihnen besonderes Vergnügen bereitet, den unter den Schülern auszutragen?

Na ja, nicht unter den Schülern. Einer hat zu einem anderen Wessi-Arsch gesagt. Der Witz rührt daher, dass die Eltern der beiden aus dem Westen kommen. Der quatscht irgendwas nach.

Eigentlich heißt es doch, dass diese Generation, die jetzt zur Schule geht, keine Ost-West-Probleme mehr haben wird.

Das hatten wir vor zehn Jahren auch schon geglaubt. Ich kann mich erinnern, als die Mauer fiel, da hieß es, es würde zwanzig Jahre dauern, bis die Unterschiede abgebaut sind. Nun ist das 25 Jahre her. Und als Herr Ramelow von der Linken zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, da kam so viel an Hass und Ressentiments hervor, an nicht geheilten Wunden, an Vorurteilen. Wir brauchen also sicher noch mal 25 Jahre, bis so etwas nicht mehr hochkommt.

War es deshalb wichtig, den Film auch in Dresden zu drehen?

Ja, da würde mir etwas fehlen. Viele Sätze, zum Beispiel von Anke Engelke, würden dann ihren Sinn verlieren. Sie könnte nicht mehr sagen: Ist das so ein Arbeiter- und Bauern-Schaden auf eurer Genkarte? Das ist ja ein Satz wie ein Messer! Und Mina Tander könnte nicht sagen: Ich habe so viel getan, um hier anzukommen, ich bin Lesepatin, ich bin Baumpatin … Er muss in Dresden spielen oder zumindest irgendwo im Osten.