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Trumbo: Als in Hollywood die Paranoia galoppierte

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Der kommunistische Drehbuchautor Dalton Trumbo (Bryan Canston, M.) hat trotz Berufsverbot eine Familie zu   ernähren und schreibt unter Pseudonym.

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Paramount

Im Jahr 1943 wird Dalton Trumbo Mitglied der Kommunistischen Partei der USA. Dass diese Entscheidung der Karriere des legendären Hollywood-Drehbuchautors nicht zuträglich sein sollte, zeigen die kommenden Jahre, die wiederum den Senator Joseph McCarthy ganz nach oben spülen, von wo aus er unzählige Leben zerstört. Nach ihm ist eine ganze Ära der Gesinnungsschnüffelei, Verleumdung und Verurteilung benannt. Den Begriff Schwarze Liste kennen auch jene, die noch nie etwas von Amerikas berüchtigtem Hexenjäger gehört haben.

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Brillant: Dalton Trumbo (1905–1976).

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AFP

Auf die Schwarze Liste kommt auch Dalton Trumbo, nachdem er ins Visier von McCarthy geraten ist und vor dessen House Committee on Un-American Activities (HUAC) geladen wird. Trumbo ist der berühmteste der „Hollywood Ten“, jener zehn Regisseure und Autoren, die sich im Jahr 1947 weigern, vor dem HUAC-Ausschuss auszusagen. Unter Berufung auf den fünften Zusatzartikel der US-Verfassung macht er von seinem Schweigerecht Gebrauch und wird daraufhin Anfang 1948 wegen Missachtung des Kongresses mit anderen angeklagten Kollegen, etwa Edward Dmytryk, zu einer mehrmonatigen Haftstrafe verurteilt, worauf langjährige Berufsverbote folgten.

Von all dem erzählt der Film „Trumbo“, der indes nicht nur durch das im Zentrum stehende Schicksal und seine ausgezeichnete Besetzung interessant ist, sondern vor allem im Gegenwartsbezug Brisanz gewinnt. Schließlich operierte das Komitee für die Untersuchung unamerikanischer Umtriebe ganze dreißig Jahre lang, von 1945 bis 1975. Da jeder historische Film auch einer über die Gegenwart der Macher und Zuschauer ist, stellt sich in Zeiten umfassender Überwachung und schwindender Bürgerrechte ganz von selbst die Frage nach der Aktualität von „Trumbo“. Dabei wirkt dieser Spielfilm von Jay Roach keineswegs wie eine hehre Mahnung für die Sache der Demokratie – dafür gehen ja die wenigsten Leute ins Kino. Nein, es geht hier durchaus humorvoll und hedonistisch zu.

Gerade Letzteres bringt Daltons Partei-Freund Arlen Hird in Bedrängnis, und so wirft er dem weltbestbezahlten Kollegen denn auch vor, „wie ein Radikaler zu reden, aber wie ein reicher Mann zu leben“. Der Vorfall ereignet sich auf Trumbos weitläufiger Farm. Mit dem Kommunismus-Begriff hält sich der Film nicht weiter auf – der wird zielgruppenerweiternd urchristlich gefasst, wenn Trumbo seine Tochter fragt, was sie tun würde, wenn sie Dinge hätte, die anderen fehlen – „Teilen natürlich.“ Vor solchen Kommunisten muss eigentlich keiner Angst haben, dennoch wurden Trumbo und seine Genossen dämonisiert und attackiert. Beim Kinobesuch mit der Familie begießt man ihn mit Bier; und natürlich wird er als Verräter beschimpft in Zeiten, da die „rote Gefahr“ beschworen wurde. Doch Trumbo geht es gar nicht um eine Verteidigung des Kommunismus, sondern um Gedankenfreiheit. Das äußert er auch vor McCarthys Komitee, als brillanter Drehbuchautor in geschliffenen Sätzen. In Zeiten galoppierender Paranoia hat das intellektuelle Argument allerdings schlechte Karten.


Immer wieder gab es Filme, in denen Hollywood die eigene dunkle Geschichte aufgearbeitet hat. In „Trumbo“ findet es nun einen geradezu prototypischen Hollywood-Helden: einen Menschen, der ohne Rücksicht auf persönliche Folgen für seine Überzeugungen kämpft. Auf ebenso beißende wie vergnügliche Art werden die konträren politischen Lager seziert. Helen Mirren gibt als Klatschkolumnistin Hedda Harper auch eine Antisemitin und Intrigantin vom rechten Rand, wie man sie so böse noch nicht erlebt hat: Sie hetzt und erpresst. Bald ahnt Harper, dass Trumbo verbotenerweise doch arbeitet, unter gleich mehreren Pseudonymen. Das tut er indes nicht nur, um die Familie zu ernähren, sondern einfach auch, weil er brillant kann, was er zum Gelderwerb tut; diese Brillanz kann er nicht ruhen lassen. Die Autorenkoryphäe ist ein souveräner, aber auch arbeitssüchtiger und darin skrupelloser Mensch, dem Whiskey, Pillen und Zigaretten nie ausgehen. Dass beide Seiten organisch ineinander fließen, ist dem phänomenalen Können von Bryan Cranston (u. a. „Breaking Bad“) zu danken.

In seiner Inszenierung verbindet Jay Roach die Freiheit der Fiktion mit Archivfilmmaterialien. Natürlich erzählt „Trumbo“ auch Geschichten von Schuld und Verrat, etwa wenn der wegen seiner KP-Mitgliedschaft kalt gestellte Hollywood-Star Edward G. Robinson (Michael Stuhlbarg) Kollegen wie Freunde ans Messer liefert, um wieder Filmrollen zu bekommen.

Viele Nebenparts sind liebevoll ausgespielt; so erfreut Christian Berkel, den man durch viele Fernsehfilme verschlissen glaubte, in „Trumbo“ mit Dandy-Attitüde und breitem Akzent als Regisseur Otto Preminger. John Goodman verkörpert den B-Movie-Produzenten Frank King, der Trumbo beschäftigt, obwohl das üble Folgen für ihn haben kann. 1960 stellt der Schauspieler Kirk Douglas dann Trumbo ein, um das Drehbuch für „Spartacus“ zu verfassen; der Regisseur Otto Preminger gibt ihm zudem einen Auftrag für seinen neuen Film „Exodus“. Beide nennen Trumbos Namen öffentlich und besiegen mit ihrer Zivilcourage den Terror der Angstpolitik.