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Wim Wenders-Film „The Salt of the Earth“: Welch Gesicht! Welch Hände! Welch Mensch!

Einer, der sich den Katastrophen aussetzt, um sie zu bezeugen: Szene aus „The Salt of the Earth“.

Einer, der sich den Katastrophen aussetzt, um sie zu bezeugen: Szene aus „The Salt of the Earth“.

Foto:

Filmfestival Cannes

Cannes -

Frenetischer Applaus, zehn Minuten lang Standing Ovations, Jubel – Wim Wenders wurde am Dienstagabend geradezu gefeiert beim Festival von Cannes. Womit der deutsche Regisseur wohl selbst nicht gerechnet hatte, und wer Wenders je begegnet ist, weiß, dass er eigentlich ein bescheidener Mensch ist. Nahezu verwundert stand der 68-Jährige vor der Premiere von „The Salt oft he Earth“ im Smoking auf der Bühne des Kinos Salle Debussy, ließ sich von Thierry Frémaux, dem künstlerischen Direktor des Festivals, vorstellen, um dann am Ende der Vorführung verlegen in der Euphorie seiner Zuschauer zu baden.

Und Wenders hat den Jubel, den frenetischen Applaus, die Standing Ovation mehr als verdient, denn mit diesem Film meldet er sich entschieden zurück als Künstler, der einen Unterschied macht zu all der Bedeutungslosigkeit um uns herum. Das hat Wenders mit dem Mann gemeinsam, dem „The Salt oft he Earth“ gewidmet ist und von dem diese Dokumentation erzählt.

Brennende Ölfelder

Der Name Sebastião Salgado wird manchem nicht viel sagen, aber Bilder dieses brasilianischen Fotografen hat jeder schon gesehen in Zeitschriften, Ausstellungen, im Fernsehen. Etwa die Aufnahmen der brennenden Ölfelder in Kuwait und jene der zwischen den Feuern irre gewordenen Vollblüter der königlichen kuwaitischen Familie. Oder andere, die Salgado zwischen 1984 und 1986 in der Sahel-Zone machte, als er Vertreter der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ bei ihrer Arbeit begleitete in der von der Dürre heimgesuchten Region mit ihren verhungernden Bewohnern.

Wenders wurde auf Salgados Arbeit in einer Galerie aufmerksam, wo dessen schwarz-weiße Bilder von den Goldminen in der brasilianischen Serra Pelada hingen: ein ebenso beängstigendes wie gefährliches Gewimmel unzähliger Glückssucher auf steilen, nicht sonderlich stabilen Leitern. Seither hat der Filmemacher ein Interesse an den Fotografien Salgados; dessen Schwarz-Weiß-Aufnahme einer blinden Turaeg-Frau hängt über Wenders’ Schreibtisch.

Wer nun befürchtet, dass mit diesem Film eben nur ein Künstler einem anderen huldigt, kann nicht stärker irren. Gewiss ist „The Salt oft he Earth“ auch das – wie man sehen wird: gerechtfertigte – Dokument einer Verehrung. Aber mehr noch als das ist der Film eine Zusammenfassung humanitärer Katastrophen der letzten vierzig Jahre – und die Würdigung eines Menschen, der sich ihnen aussetzte, der mit den betroffenen Menschen ging, um diese Katastrophen zu bezeugen, sie öffentlich zu machen.

Dabei hat der 1944 auf einer Farm in Nordostbrasilien geborene Sebastião Salgado ursprünglich Ökonomie studiert; sein damals einer Militärdiktatur unterworfenes Heimatland verließ er 1969 und emigrierte nach Frankreich, war dann in London bei der International Coffee Organisation ein gut bezahlter Angestellter. Beim Experimentieren mit der Kamera seiner Frau Lélia, einer Architektin, fand er zu Beginn der 1970er-Jahre seine Berufung als Fotograf, oder „Lichtzeichner“, wie Wenders es nennt. Bald unternahm Salagado lange Reisen in die entlegensten Regionen Lateinamerikas, um das Leben der indigenen Bevölkerung („Other Americans“), aber auch das von Landlosen zu dokumentieren. Manchmal war er für Monate verschwunden. Das Engagement für die Ärmsten, die Vertriebenen und Verfolgten führte Sebastião Salgado später in die Kriegsregionen, nach Ruanda, in den Kongo und nach Ex-Jugoslawien.

Arbeit mit Ausnahmenqualitäten

Langsam, fast vorsichtig führt Wenders, der 1984 mit „Paris, Texas“ die Goldene Palme von Cannes gewann und zuletzt 2008 mit „Palermo Shooting“ im Wettbewerb vertreten war, den Zuschauer hier ins Herz jener äußersten Finsternis, die Sebastião Salgado erlebt und bezeugt hat. 150 Kilometer lang nichts als Tote auf der Straße nach Kigali; 210.000 Menschen, die vor ihren Verfolgern in einen ruandischen Wald flüchteten und nie mehr gesehen wurden, vermutlich alle ermordet. Die Frauen von Srebrenica. Die Toten im Kongo. Menschen, die zwischen den Fronten wahnsinnig wurden. Da einem als Zuschauer schon diese Fotografien zusetzen, fragt man sich umso fassungsloser, wie ihr Schöpfer die Realität dazu ertragen konnte. Irgendwann konnte er es nicht mehr.

Wim Wenders weiß genau um die Außergewöhnlichkeit seines Protagonisten, um die Ausnahmequalität von dessen Arbeit: Er tritt als Regisseur demütig zurück, kommentiert kaum und schon gar nicht in Momenten, die einen sprachlos machen. Im gut reflektierten Wechsel von Schwarz-Weiß und Farbe lässt Wenders die Bilder, die Fotografien sprechen – und Sebastião Salgado selbst, der mit den Berichten auch sein eigenes Leben bezeugt. Was für ein Gesicht, was für Hände. Was für ein Mensch!

Wenders hat „The Salt oft he Earth“ in Co-Regie mit Juliano Ribeiro Salgado, dem Sohn des Fotografen, gedreht, der seinen oft lange Zeit abwesenden Vater im Prozess der Arbeit an diesem Dokumentarfilm noch einmal näher kennen lernen konnte.

„The Salt of the Earth“ lief hier in Cannes nur ein einziges Mal, in der Nebensektion „Un Certain Regard“. Was für eine Schande für das Festival. Denn man kommt nach diesem Film anders aus dem Kino heraus, als man hineingegangen ist – beschämt darüber, dass man oft auch das Geringe, das man selbst tun könnte, nicht tut.