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Filmkritik „Das Bourne Vermächtnis“: Matt Damon gibt’s nur auf dem Foto

Jeremy Renner als „Aaron Cross“ und Rachel Weisz als „Stephanie Snyder“.

Jeremy Renner als „Aaron Cross“ und Rachel Weisz als „Stephanie Snyder“.

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dpa

Mag sein, dass die „Bourne“-Filme im Genre des Action-Thrillers neue Maßstäbe gesetzt haben in Sachen Tempo, Kälte, Komplexität. Ihre Faszination ging indes vom Helden aus: von diesem namenlosen, behelfsmäßig „Jason Bourne“ genannten, von Matt Damon gespielten Mann. Er wacht auf und bemerkt, dass seine Ausbildung zur Kampfmaschine tiefer in ihm verankert ist als seine eigene Identität. Die drei bisherigen „Bourne“-Filme („Die Bourne Identität“, „Die Bourne Verschwörung“, „Das Bourne Ulitmatum“), geschrieben von Tony Gilroy, vermochten eine verwickelte Geschichte um gescheiterte Einsätze der notorisch unfähigen CIA zu erzählen und dabei gleichzeitig die Frage nach der Identität eines Menschen in einer Tiefe zu entwickeln, wie sie im Actionfilm bislang unbekannt war – herkömmliche Actionhelden schlugen sich höchstens mit Familienproblemen herum, blieben aber im Innersten ungebrochen.

Eine Figur ohne Identität

Dabei wagte Tony Gilroy im dritten Teil auch ein interessantes erzähltechnisches Experiment, indem die erste Hälfte dieses Films erzählt, was zwischen den beiden letzten Szenen des zweiten Films geschah. Statt in linearen Sequels wächst die „Bourne“-Reihe gleichsam in Seitentrieben, und es ist nachvollziehbar, dass ein Autor so ein Erzählprinzip weiter verfolgen möchte. „Das Bourne Vermächtnis“ ist als Parallelgeschichte zum dritten Teil angelegt; an einer Stelle wird der dritte Teil direkt zitiert.
Dennoch: Diese Parallelen kreuzen sich nicht wirklich. Der Regisseur der Teile zwei und drei, Paul Greengrass, wollte keinen weiteren Teil inszenieren, ohne ihn wollte Damon auch nicht mehr mitspielen. So musste Tony Gilroy selbst ans Werk gehen, und Matt Damon erscheint nur noch als Passbild. Mag sein, dass der Zusammenhang zwischen diesem Teil und den übrigen zunächst enger angelegt war. Allerdings wäre es auch nicht ohne Reiz, eine Figur ohne Identität auch einmal unsichtbar mitwirken zu lassen.

Aber Bourne liefert in „Das Bourne Vermächtnis“ bloß den Anlass: Da der Mann seinen Ausbildern entlaufen und außer Kontrolle geraten ist, entscheidet die CIA unter Leitung von Byer (gefährlich angegraut: Edward Norton), alle Agenten des Optimierungsprogramms zu töten. Da diese vor allem pharmakologisch optimiert sind, kann man ihnen einfach eine andere Pille unterjubeln, die sie zur Strecke bringt. Nur einer, der irgendwo in Alaska seine Belastbarkeit prüft, entgeht den Mordanschlägen, Drohnenangriffen und falschen Pillen und auch einer Polarwolfherde: Aaron Cross, den Jeremy Renner als eher engagierten denn depressiven Helden spielt. Doch Aaron braucht eben die richtigen Pillen und fährt mit der Ärztin Marta Shearing (Rachel Weisz), die an der Entwicklung der Wunderdrogen mitgewirkt hat, nach Manila, denn dort gibt es noch welche.

Kriegführung von heute

Tony Gilroy hat mit „Michael Clayton“ bewiesen, dass er nicht nur schreiben, sondern auch inszenieren kann. „Das Bourne Vermächtnis“ jedoch fasert ihm aus, als Geschichte wie als Film. Anders als Greengrass gelingt es ihm nicht, den über zweistündigen Film unter Zeit- und Handlungsdruck zu setzen. Es gibt starke Momente. Etwa Cross’ Kampf gegen die Drohne, die gegengeschnitten wird mit der Steuerung des Flugobjekts durch ein paar Zyniker in einem mit Technik vollgestopftem Raum: So sieht also die Kriegführung von heute aus. Oder der Amoklauf eines Mitarbeiters von Dr. Shearing, der mit unbewegtem Gesicht den Laborboden mit den Leichen seiner Kollegen bedeckt: Die unkontrolliert aufbrechende Gewalt unserer versiegelten Lebensverhältnisse wird zum schockierenden Bild. Und die finale Verfolgungsjagd auf Motorrädern bewirkt beim Zuschauer eine erhebliche Adrenalinausschüttung.

Aber das „Bourne“-Siegel trägt der Film zu Unrecht. Der Zusammenhang mit der Trilogie gibt dem im Prinzip soliden Actionfilm keineswegs Tiefe, sondern macht deren Fehlen erst recht spürbar. Wie flach ist doch dieser Aaron Cross als Figur wie auch in seinem Verhältnis zur Frau an seiner Seite, wie übersichtlich auch sein Handlungsziel, das durch die klischeehaften CIA-Szenen unnötig verkompliziert wird. Vielleicht baut Gilroy diesen Film noch in einen komplexeren „Bourne“-Zusammenhang ein. Bis dahin wirkt „Das Bourne Vermächtnis“ allerdings entbehrlich.

Das Bourne Vermächtnis (The Bourne Legacy) USA 2012. Regie: Tony Gilroy, Buch: Tony & Dan Gilroy, Darsteller: Jeremy Renner, Rachel Weisz, Scott Glenn, Stacy Keach, Joan Allen u.a.;135 Min., FSK o. A.