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Filmkritik „Die Tribute von Panem“: Das Spiel mit dem Leben

Jennifer Lawrence ist Katniss, sie trägt den Film „Die Tribute von Panem“ mehr als die perfekte Inszenierung der literarischen Schauplätze.

Jennifer Lawrence ist Katniss, sie trägt den Film „Die Tribute von Panem“ mehr als die perfekte Inszenierung der literarischen Schauplätze.

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studio canal

Das Haus wirkt ärmlich, die Umgebung schmutzig. Zwei Schwestern sprechen vertraut miteinander. Die größere steckt der kleineren ein rundes Abzeichen ans Kleid, einen Vogel. Der soll ihr Glück bringen. Prim, die jüngere, gehört erstmals zu den Kandidaten für einen schrecklichen Wettbewerb.

Katniss, die ältere, will ihr die Angst nehmen. Doch wenn in der nächsten Szene die Bevölkerung zum Appell antritt, eine bunt gekleidete Frau einen Zettel aus einer Lostrommel zieht, ruft sie genau den Namen des kleinen Mädchens: „Primrose Everdeen!“ Da kämpft sich ihre Schwester Katniss durch die Reihen, sie brüllt: „Ich melde mich freiwillig!“

Das geschieht in dem fiktiven Land Panem. Dort werden alljährlich sogenannte Hungerspiele veranstaltet, um die Macht des Zentrums, des Kapitols, zu unterstreichen. Dazu entsendet jeder der zwölf Distrikte des Landes zwei junge Menschen zwischen 12 und 18 Jahren, Tribute werden sie genannt. Nur einer von den 24 kann überleben. Das ist die brutale Voraussetzung für den Film „Die Tribute von Panem“.

Die literarische Vorlage des Films ist ein Welterfolg, ohne dass ihre Helden Zauberkräfte oder Blutdurst auszeichnen. Die amerikanische Autorin Suzanne Collins verführt jugendliche und erwachsene Leser durch die subjektive Erzählweise und den kühlen Blick auf die Zukunft, der die Entwicklung der Multimedia-Technik genauso im Auge hat wie die Verteilungskämpfe im Zuge der Globalisierung.

Sie beschreibt einen Wettstreit, der mal an die Auslese der Castingshows denken lässt, mal an Guerillakrieg. Sie setzt eine Liebesgeschichte darauf und hält politische Bedrohungen im Hintergrund. Die „Panem“-Trilogie lässt sich eher mit Orwells „1984“ oder Huxleys „Schöner neuen Welt“ vergleichen als mit den Fantasy-Schmökern, die sonst die Bestsellerlisten belegen. Die Verfilmung wurde in Hollywood mindestens mit ähnlicher Aufregung begleitet wie die der „Twilight“-Saga.

Der Präsident ist ein Diktator

Die größte Schwierigkeit bei diesem Unterfangen war nicht die optische Angleichung der Orte an die Bilder der Lektüre, auch nicht die unzähligen technischen Tricks während der Hungerspiele. Bei aller Sorgfalt, die hier aufgewandt wurde: Für den Erfolg des Films ist das nebensächlich. Auch der Aufwand bei der Vorbereitung der Tribute für die Arena – vom sportlichen Training über Makeup bis zur Kleiderwahl – wird zwar passend bebildert, ist aber nur Beiwerk.

In erster Linie sind es die Figuren, die den Zuschauer erreichen müssen. Auch die Bücher entfalten ihren enormen Sog durch die Sprache, die Suzanne Collins ihrer Katniss gegeben hat. Collins war mit Jennifer Lawrence in der Hauptrolle sehr einverstanden, hat sie doch die Ausstrahlung, um immer neu die Blicke auf sich zu ziehen.

Lawrence gewann in dem Independent-Film „Winters Bone“ als zu früh erwachsen gewordene Tochter die Filmkritik für sich. Jetzt überzeugt sie als Kämpferin Katniss mit derselben Zähigkeit in einem ungerechten Spiel, mit höchster Konzentration in den Augen.

Aber Lawrence kann auch Wärme zeigen im Umgang mit der Schwester und dem Mädchen Rue, mit dem sie sich in der Arena verbündet – und die dort als Symbol für die Schwester steht. Schließlich transportiert sie in Körpersprache und Tonlage ihr ambivalentes Verhältnis zu Peeta, dem zweiten Tribut aus ihrem Distrikt, Konkurrent und Freund zugleich (Josh Hutcherson).

Lenny Kravitz (ja, der Musiker) steht ihr als Stylist zur Seite; im Buch wie im Film ein Sympathieträger. Donald Sutherland hat als Präsident, der ein Diktator ist, nur wenige Auftritte und strahlt Machtbewusstsein aus. Die Besetzung der Schlüsselrollen schafft die emotionale Nähe für den Zuschauer, um dem Geschehen folgen zu können.

Komplizierte Handlung

Die Handlung ist kompliziert genug. Sie verteilt sich auf drei extrem verschiedene Schauplätze. Da ist der arme Distrikt 12, wo Katniss mit Mutter und Schwester lebt und ihren Freund Gale in der Nähe weiß (Liam Hemsworth, leider selten zu sehen). Das Kapitol wurde mit futuristischer Architektur und auffällig gestylten Menschen ausgestattet. Und die Arena ist ein Wald mit unzähligen Kameras, in den durch die „Spielmacher“ eingegriffen werden kann.

Man beobachtet also, wie Leute am Computer Feuerbälle steuern oder bluthundartige Ungeheuer losschicken. Hier kommt es zu vielen heiklen Szenen, wenn die Tribute, die ja in einer perfiden Auslese um Leben und Tod kämpfen müssen, mit Messern, Bogen und bloßen Händen aufeinander losgehen, wenn junge Menschen mit blutigen Wunden zusammenbrechen.

Wegen solcher Bilder wurde der Film in Großbritannien um sieben Sekunden gekürzt, damit er die Altersfreigabe ab 12 erhält. In Deutschland wurde das nicht getan. Tatsächlich fliegen die brutalen Momente blitzschnell am Zuschauer vorbei. Es sterben Menschen, die man vorher als Gruppe erlebt hat. Das ist nicht schön, aber im Rahmen der Handlung zu verkraften. Die Gewaltszenen mögen kritischen Beobachtern unangenehm auffallen. Aber sie sind nicht wichtig in dem Film.

Ein Mensch, kein Spielzeug

Die Dramaturgie konzentriert sich auf die Wege der Katniss. Das, was sich in den Büchern an Protest, ja an Rebellentum entwickelt, baut sich über drei Bände auf und entlädt sich im letzten. Der Regisseur Gary Ross deutet hier bereits die Distanz zwischen Volk und Herrschaft an.

Die Aufpasser, genannt Friedenswächter, gleichen Soldaten einer Militärjunta. Der Einzug der 24 Teilnehmer der Hungerspiele erinnert an olympische Feiern oder die Inszenierungen von Superstars wie Madonna. Es geht um Symbole der Macht, der Heldenverehrung, des Gehorsams. Das Volk jubelt auf Bestellung. Und überhaupt: Der Kampf in der Arena dient seiner Unterhaltung und Disziplinierung – panem et circensis, Brot und Spiele.

Als Katniss sich freiwillig meldete, versprach sie ihrer Schwester zu überleben. Dieser Gedanke wird während der Zeit in der Arena wachgehalten, wenn man zwischendurch sieht, dass alles auf Bildschirmen übertragen wird. Diese junge Frau, das gestaltet Jennifer Lawrence mit ihrem überlegten Spiel, ist kein Tribut an die Herrscher von Panem. Sie reift in ihrer Rolle als Mensch.